Neukantianismus (frz. néo-kantisme, néo-criticisme; engl. neo-kantianism, neo-criticism). Von einem ‹N.› ist seit ca. 1875 die Rede. Das Bedürfnis nach Übersicht in der philosophischen Diskussion jener Zeit stand dem Begriff Pate.
K. Grün sprach von «Über-» bzw. «Hyper-Kantianern» in der Schopenhauer-Nachfolge
[1]; es entstand Streit, wer zu den echten, wer zu den «Pseudo-Kantianern» zu zählen sei, nachdem
W. Tobias für eine klare Distinktion von Philosophie und Naturwissenschaft plädiert und gegen den vermeintlichen Kantianismus der für die Kantbewegung exoterisch so stimulierenden Mathematiker, Physiker und Physiologen argumentiert hatte
[2].
H. Vaihinger rückte den 1875 verstorbenen F. A.
Lange an die «Spitze der sogen. Neukantianer, die sowohl unter den Philosophen von Profession, als besonders unter den Naturforschern zu suchen sind»
[3]. Lange selbst hatte 1875 eine «junge Schule von Kantianern im engeren und weiteren Sinne» aktenkundig gemacht, zu der er O. Liebmann, J. B. Meyer, H. Cohen, E. Arnoldt und C. Twesten rechnete
[4]. Für Vaihinger gehörte dieser «Richtung der
Jungkantianer» die Zukunft
[5]. Die Exponenten der gegen den «neu erwachende(n) Kriticismus»
[6] abgehobenen philosophischen Richtungen revanchierten sich polemisch:
E. Dühring mit der Schelte der deutschen «Professorenphilosophie», die sich gegenwärtig «hauptsächlich mit Wiedererinnerungen aus den professoralen, schlechteren drei Vierteln des kantischen Gedankenkreises» behelfe
[7];
E. von Hartmann mit einer Metakritik ‹N., Schopenhauerianismus und Hegelianismus in ihrer Stellung zu den philosophischen Aufgaben der Gegenwart› (1877)
[8], die dem Wort ‹N.› Verbreitung sicherte. Nach E. von Hartmanns Intentionen sollte schon der Ausdruck ‹N.› die «im Schwange gehende Kantomanie» abwerten; Lange-Vaihingers N. wurde als «subjectivistischer Skepticismus» dargestellt, der den Fortgang zum «Neufichteanismus» und «Neuhegelianismus»
[9] nur beschleunigen werde
[10].
Ebenfalls mit polemischer Spitze und in ausdrücklicher Anknüpfung an E. von Hartmanns Kritik würdigte
O. Pfleiderer 1878 die «neukantische» Religionsphilosophie F. A. Langes, vor allem aber den
theologischen N. der Ritschlschen Schule, die «Verbindung des modernen N. mit einem energischen Kirchenbewußtsein»
[11].
W. Herrmann als Hauptvertreter der angegriffenen theologischen Richtung wehrte sich wiederum dagegen, «als Neukantianer registrirt» zu werden, nur weil er von der philosophischen Kant-Diskussion zu lernen bemüht sei
[12].
R. A. Lipsius anderseits, dessen ‹Lehrbuch der evangelisch-protestantischen Dogmatik› (1876,
21879) E. von Hartmann als «theologischen N.» denunziert hatte
[13], äußerte hiergegen nur den Vorbehalt, «dass man mir die empiristisch-sensualistische Wendung, welche der ‘transcendentale Idealismusʼ bei verschiedenen philosophischen Neukantianern genommen hat, ebensowenig imputiren möge, als jenen schroffen Dualismus zwischen der ‘Welt der Wirklichkeitʼ und der ‘Welt der Wertheʼ oder ‘der Ideenʼ, wie ihn nicht blos
Albert Lange, sondern auch
Herrmann vertritt»
[14]. Schon 1885 glaubte dann
E. von Hartmann Anzeichen dafür feststellen zu können, «daß der ins Kraut geschossene N. ... bereits in die Periode des Welkens und Absterbens eingetreten ist» und «eine freiere Auffassung der geschichtlichen Leistung Kants» möglich wird
[15].
Die Kennzeichnung des Kritizismus als ‹N.› soll demnach dessen dogmatisches und scholastisches Moment enthüllen. Entsprechend stellt
M. Heinze in der Neubearbeitung von
F. Ueberwegs ‹Grundriss der Geschichte der Philosophie der Neuzeit› (5. Aufl. 1880) die «kantische Richtung» in einem – ‹Rückgang auf frühere Lehren› betitelten – Paragraphen neben und nach dem Aristotelismus (Trendelenburgs und der katholischen Welt) dar
[16], eine historiographische Plazierung, die die mit der 7. Auflage (1888) auch so genannten und in einem eigenen Paragraphen behandelten «sogenannten Neukantianer» bis zur 10. Auflage (1906) etikettiert
[17].
W. Wundt rechnet in seinem Rückblick auf die «jüngste Vergangenheit» den N. unverblümt der «Autoritätsphilosophie» zu: «Nachdem der
N. mit seinem Ruf ‘Zurück zu Kantʼ einen schüchternen, auf selbständige Weiterbildungen nicht ganz verzichtenden Versuch hierzu gemacht,
ist die Autoritätsphilosophie in ihrer ganzen Machtfülle in der
Neo-Scholastik hervorgetreten ...»
[18].
Dokumentiert so der polemisch gebrauchte «Parteiname»
[19] des ‹N.› einerseits die Gegnerschaft zum Kritizismus als einer durch kantische Prämissen charakterisierten philosophischen Position, wird ‹N.› anderseits schon bei Vaihinger neutral zur
historiographischen Klassierung einer Anzahl von Autoren verwendet, die jenes ‘Zurück zu Kantʼ in ihren Arbeiten ausdrücklich realisieren
[20]. Noch offener definiert
H. Höffding im Anschluß an
F. Paulsens Betrachtung ‹Was uns Kant sein kann?›
[21]: «Der sogenannte
N. bezeichnet daher keine abgeschlossene Schule, sondern das Bestreben, diejenigen Begriffe, mit welchen wir operieren, einer erkenntnistheoretischen Prüfung zu unterwerfen»
[22]. Dieser Begriffsgebrauch hat sich trotz geäußerter Bedenken durchgesetzt. In der Frühphase wird dabei zwischen der Gruppen- oder Schulbezeichnung (‹Neukantianer›) und der inhaltlichen Positionsbezeichnung (‹Kritizismus›
[23]) unterschieden
[24].
J. E. Erdmann stellte allerdings bereits in Frage, wie glücklich der Philosophiehistoriker verfährt, der jene Autoren «mit v. Hartmann die Neukantianer» nennt; bei jedem Einzelnen müßte «die Berechtigung dazu nachgewiesen werden ..., weil bei dem Einen das ‘Neuʼ, bei dem Anderen der ‘Kantianerʼ nicht zu passen scheint»
[25]. –
H. Rickert hat 1924, anläßlich eines Gedenkartikels für A. Riehl, mit dessen Tod er auch das Ende des N. als einer «geschichtlichen Erscheinung» gegeben sah, den Sinn des Terms ‹N.› dahin fixiert, daß «nur die als Neukantianer, d.h. als Kantianer, die etwas
Neues gebracht haben», bezeichnet werden sollten, «die, wie Riehl sagt, durch ein erneutes und vertieftes Studium Kants die Philosophie
über sich selbst zu besinnen[26] suchten und dadurch zugleich wirklich über ihren schon vorher erreichten Stand hinausführten», die «dadurch, daß sie auf Kant
zurückgingen, die wissenschaftliche Philosophie zugleich erheblich
vorwärts» führten. Die Hauptrepräsentanten dieses als nunmehr abgeschlossen betrachteten N. sind
H. Cohen, A. Riehl und
W. Windelband[27].
In der Diskussion um den ‘revisionistischenʼ Charakter des N.
[28], insbesondere den Versuch einer Fundierung des Sozialismus in kantischer Ethik, bekannte
L. Woltmann 1900, «in Sachen der Ethik nicht nur Neukantianer, sondern unverfälschter Altkantianer» zu sein
[29], eine Position, die
F. Staudinger[30] und
K. Vorländer[31] angesichts der von ihnen als notwendig empfundenen Ausscheidung metaphysischer Restbestände in Kants Ethik kritisierten. Vorländers Klassierung einiger «aus systematischem Interesse auf den urkundlichen Kant» zurückgehenden Autoren (
L. Goldschmidt, E. Marcus) als ‹Altkantianer›
[32] blieb umstritten und hat sich nicht durchgesetzt.
E. von Aster stellte 1935 Parallelen in der Entwicklung des
Altkantianismus (von Reinhold zu Fichte) und der Richtungsdifferenzierung im N. vor
[33].
Dem N.
im engeren Sinne werden von der älteren Philosophiegeschichtsschreibung
[34] zugerechnet: die Philosophen
O. Liebmann[35],
F. A. Lange[36],
J. B. Meyer[37],
H. Cohen[38]; des weiteren
A. Stadler[39],
F. Paulsen[40],
W. Tobias[41],
A. Riehl[42] (zugleich zum Positivismus gezählt),
A. Krause[43],
K. Lasswitz[44],
F. Schultze[45]. Dabei wird in der Zuordnung der einzelnen Autoren wie in der systematischen Ortsbestimmung zwischen N. und
Positivismus ein fließender Übergang gemacht
[46]. Als Neukantianer oder jedenfalls als Promotoren des N. gelten auch die
NaturforscherH. von Helmholtz[47],
J. C. F. Zöllner[48]
und
A. Claassen[49]. Die Hauptvertreter des
theologischen N. – zu unterscheiden von der Religionsphilosophie der späteren neukantianischen Schulen
[50] – sind
A. Ritschl, W. Herrmann, R. A. Lipsius und
J. Kaftan[51]. Während A. Ritschl in Kants
Ethik reformatorischen Geist rekognoszierte, wurde für die weitere, durchaus verschiedenartige Ausbildung neukantischer theologischer Dogmatik die kantische
Erkenntnislehre und
Metaphysikkritik im Blick auf die Abgrenzung und Legitimation eines eigenständigen religiös-sittlichen ‘Glaubensʼ bedeutsam. – Eine später vielfach abgewertete ‘
Kant-Philologieʼ entwickelt sich mit den Arbeiten bzw. Editionen von
H. Vaihinger[52],
B. Erdmann, R. Reicke, E. Arnoldt u.a.
Der
französische N. ist weitgehend identisch mit dem
néo-criticisme von
Ch. Renouvier[53]. «Depuis plusieurs années s'est produit en France un mouvement néo-kantien qui n'est pas sans importance», schreibt
A. Fouillée 1881 in einem Artikel über den kritizistischen Moralbegriff
[54]. Charakteristisch für Renouviers kritische Aneignung der kantischen Philosophie ist sein antimetaphysischer Phänomenalismus, zugleich seine positivismuskritische Kategorienlehre, die er von der Relation her aufbaut, und die Behauptung von Freiheit in der Welt der Phänomene
[55]. – Auch die Streitigkeiten zwischen «Neuerern» und «Schule» in der katholischen Theologie Frankreichs um die Jahrhundertwende waren durch die Aneignung kantischer Philosopheme mitbestimmt
[56].
Die Kantrezeption in
England[57] hat nicht zur Ausbildung eines eigentlichen N. geführt, stand vielmehr im Dienst einer idealistisch orientierten Empirismuskritik
[58]. Mit Recht kritisierte schon
N. H. Marshall, daß Autoren wie
T. H. Green, E. und
J. Caird, B. Bosanquet oder
F. H. Bradley dem N. zugerechnet werden – es sei denn, um polemisch hervortreten zu lassen, «wie wenig diese Neuheit eine Erneuerung ist»
[59].
Unbestritten ist die Existenz eines
italienischen N., zu dem außer
C. Cantoni, der durch sein großes Werk
[60] die Bekanntschaft mit der kantischen Philosophie in Italien wesentlich förderte, u.a.
F. Masci, G. Barzellotti und
F. Tocco gerechnet werden
[61].
In
T. K. Oesterreichs Neubearbeitung des 4. Teils von
Ueberwegs ‹Grundriß der Geschichte der Philosophie› (
111916) ist ‹N.› – inflationär und austauschbar mit ‹(Neo-)Kritizismus› gebraucht – die Sammelbezeichnung für sechs, in der 12. Auflage von 1923 sogar für sieben Richtungen, die einen großen Teil der akademischen Philosophie des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jh. abdecken: 1. die physiologische Richtung (
Helmholtz, Lange); 2. die metaphysische Richtung (
Liebmann, Volkelt); 3. die realistische Richtung (
Riehl); 4. die logizistische Richtung (
Marburger Schule); 5. der werttheoretische Kritizismus (
südwestdeutsche oder badische Schule); 6. die relativistische Umbildung des Kritizismus (
Simmel); 7. die psychologische, welche an Fries anknüpft (
Nelson)
[62]. Ähnlich umfassend subsumiert
L. W. Beck unter ‹N.› («a term used to designate a group of somewhat similar movements that prevailed in Germany between 1870 and 1920 but had little in common beyond a strong reaction against irrationalism and speculative naturalism and a conviction that philosophy could be a ‘scienceʼ only if it returned to the method and spirit of Kant») eine metaphysische Richtung (von
Liebmann und
Riehl bis hin zur ontologisch-metaphysischen Kantinterpretation von
M. Wundt, H. Heimsoeth, M. Heidegger und
G. Martin), die Marburger Schule, den
Göttinger (
Nelson), den Heidelberger und den soziologischen
N. (Simmel)
[63]. Die Unvereinbarkeit der hier allzu künstlich vereinten ‘Kantischenʼ Positionen –
L. Nelson distanzierte sich vehement von der «sogenannten Neukantischen Schule»
[64] – hat andere Autoren
[65] dazu veranlaßt, den N. auf drei Hauptrichtungen zu beschränken;
H. Glockner beispielsweise rechnet zum N. nur den «kritischen Positivismus» (
Liebmann, Riehl), den «Transzendentalismus der Marburger Schule» und den «teleologischen Idealismus»
Windelbands und seiner Schule. Im Anschluß an die philosophische Historiographie des ausgehenden 19. Jh. konnte man die Reichweite des N. noch enger begrenzen. So legte
W. Moog 1922 klar, daß «die Richtungen ..., die sich ausdrücklich zum Kritizismus und zum transzendentalen Idealismus bekennen und die logisch-erkenntnistheoretische Tendenz noch stärker als Kant selbst betonen, die alle psychologischen und metaphysischen Reste aus Kants Philosophie entfernen wollen, um ein einheitliches logisch-erkenntnistheoretisches System zu gewinnen», «eigentlich allein auf den Namen ‘Neukantianerʼ Anspruch machen» können
[66].
Für die philosophische Diskussion ist der N.
seit den zwanziger Jahren dergestalt in
zwei Hauptrichtungen oder ‘Schulenʼ präsent
[67]. Die zunächst durch
A. Riehl repräsentierte realistische Kantaneignung ist in einen Neu- oder «kritischen Realismus» ausgemündet (
O. Külpe).
K. Vorländers Darstellung der Philosophie
Cohens und seiner «Anhänger» (
P. Natorp, R. Stammler u.a.) als der «Neukantianer im engeren Sinne»
[68] artikuliert den Anspruch der ‹Marburger Schule› (diese Schulbezeichnung taucht kurz nach der Jahrhundertwende auf
[69]) auf das philosophische Erbe Kants
[70]. Während sich dieser N. (im engsten Sinne) auf
Langes ‹Geschichte des Materialismus› zurückbezieht, hat die «‘Badenerʼ Philosophenschule» (
A. Messer) ihren Kantianismus immer von
K. Fischers Werk über Kant
[71] hergeleitet, «das die ganze Bewegung des N. in Fluß gebracht hat»
[72], das nach
H. Rickert, anders als die einseitigen Kantinterpretationen Cohens und Riehls, «schon 1860 den
ganzen Kant» gab, «den erst Windelband 1880 ‘zurückeroberteʼ»
[73]. Der werttheoretische Kritizismus
W. Windelbands, H. Rickerts und ihrer Schule transformierte die kantische Philosophie
[74] zu einem «spezifisch erkenntnistheoretischen Neufichteanismus»
[75]; er war auch für die Hegel-Renaissance offen, die er selbst mitbeförderte
[76]. Anders als Windelbands wurden Rickerts Arbeiten im übrigen nie generell dem N. zugerechnet
[77];
A. Faust hat im Hinblick auf die systematische Universalität von Rickerts Kulturphilosophie von einem
Gegensatz zum N. gesprochen
[78].
Die Unterscheidung eines älteren von einem
jüngeren N., zu dem
E. Cassirer, B. Bauch, A. Liebert, R. Hönigswald und
J. Cohn gerechnet werden
[79], oder die Fixierung einer «Nachgeschichte des klassischen N.» im «sog. Neoneokantianismus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg» (
W. Cramer, H. Wagner, R. Zocher)
[80] verhelfen kaum zu historiographischer Klärung der Philosophie im 20. Jh. und bereiten überdies Zuordnungsschwierigkeiten; es dürfte angemessener sein, den
historiographischen Term ‹N.› auf die Philosophie der 1918 «zu Ende gegangenen Kulturepoche» zu beschränken, die – im
systematischen Begriff des ‹N.› konzentriert und zum Teil polemisch akzentuiert – den Antipoden für die philosophischen Bemühungen der zwanziger Jahre bildete
[81], bis unter dem NS-Regime auch diese Auseinandersetzung ihr Ende fand.