Ananke (
ἀνάγκη, Bindung, Schicksal, Notwendigkeit). Die Vorstellung vom bindenden Zusammenhalt der Welt und von der Verflechtung und Verkettung ihrer Bestandteile ist im kosmologisch-ontologischen Bereich der griechischen Philosophie verbreitet. ‹A.› mit ihrer vorphilosophischen Bedeutung ‹Fessel, Bindung› kam dieser Sehweise entgegen und förderte sie. Bei
Platon[1], bei
Parmenides[2] und verschiedenen vorsokratischen
Philosophen ist sie bindendes Strukturelement der Welt, eine das Sein fesselnde kosmische Gottheit oder eine Art Weltgesetz, dessen Wirkweise als Bindung sichtbar wird. Für die
Stoa ist ‹A.› fast bedeutungsgleich mit ‹Heimarmene›. Die den stoischen Weltbegriff kennzeichnende Annahme einer Verflechtung und Verkettung der Ursachen, der Kausalnexus, erinnert an die Atombindung der Atomisten und scheint ebenso aus dem durch A. formulierten Denkmodell entwickelt wie die Lehre des
Poseidonios vom «Band des Seins»
[3] und der dadurch bedingten Sympathie des Kosmos. Die griechische Eigenart, das Schicksal auch mit dem Bilde unentrinnbarer Gebundenheit zu verstehen, ließ ‹A.› seit den Tragikern zum Schicksalsbegriff werden
[4]. Gleichzeitig erscheint sie als allgemein verbindliches Naturgesetz unter Einschluß der verschiedenen naturgegebenen Verbindlichkeiten für den Menschen, seit hellenistischer Zeit in platonisch und gnostisch beeinflußten Kreisen zusammen mit Heimarmene der (bösen) Körperwelt zugeordnet, die in Gestalt des Leibes und der Affekte die Seele fesselt und nach Erlösung verlangen läßt. Schließlich ist ‹A.› neben ‹Anankaion› (
ἀναγκαῖον), das bei
Aristoteles eine katalogische Analyse erfährt
[5], seit den Tragikern und Platon auch geläufiger Ausdruck logischer Verbindlichkeit, vor allem im Ablauf eines Gespräches. Noch vor dem Ausgang der Antike erreicht ‹A.› das Ende ihrer begriffsgeschichtlichen Entwicklung mit der Rolle eines machtvollen, über Bindung und Lösung gebietenden Dämons in Zaubertexten
[6].