Augenblick. Als A. oder das Plötzliche (
) sowie überhaupt alle Veränderungen erleidet, auch den Übergang von Sein zu Nichtsein oder von Nichtsein zu Sein. «Wunderlich» ist dieser A., weil er, zwischen Bewegung und Ruhe befindlich, keiner Zeit angehört und weil das Eine in ihm weder sich bewegt noch ruht, weder ist noch nicht ist.
Von hier aus entwickelt
S. Kierkegaard im ‹Begriff Angst› seine Theorie des A. (Øjeblik): «Was wir den Augenblick nennen, nennt Plato
τὸ ἐξαίφνης»
[1]. Darin liegt indes keine unmittelbare Identifikation. Kierkegaard hebt zwar rühmend hervor, daß der platonische Begriff den von Hegel nur operativ angesetzten, aber nie thematisierten «Übergang» wirklich zu denken erlaube, doch zugleich kritisiert er seine Abstraktheit. Die Kritik beruht freilich auf der falschen Annahme,
τὸ ἐξαίφνης sei nichts weiter als das von Platon vorher (151 e–152 e) analysierte Jetzt (
τὸ νῦν), das zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen gleichsam erdrückt wird. Motiviert ist diese Meinung von dem Vorurteil über den Gegensatz des Griechen- und des Christentums. Bei allem guten Willen, der individuellen Denkleistung Platons gerecht zu werden, ist es Kierkegaard unvorstellbar, daß «der Grieche» ein angemessenes Verständnis derjenigen «Kategorie» besessen haben sollte, die als spezifisch christliche der «heidnischen Philosophie» ein Ende setzt. Den wahren, konkreten A. hat das Christentum dadurch erschlossen, daß es Wirklichkeit als paradoxe Einheit von Ewigem und Zeitlichem zu erfahren lehrt. Denn konkret ist der A. das in der Zeit, «worin die Zeit und die Ewigkeit einander berühren». Dank des Einbruchs der Ewigkeit in die Zeit ist er kein leerer Jetztpunkt, sondern erfüllte Gegenwart (eine im 20. Jh. oft und von vielen, z.B. von
Buber, gemachte Unterscheidung). Dank dessen, d.h. vermöge des A. selber, gibt es aber auch – und damit präfiguriert Kierkegaard ebenfalls eine moderne, namentlich von
Heidegger aufgegriffene Unterscheidung – außer der bloß sukzessiven, abstrakt-gleichförmigen «Zeit» die sich aus der Zukunft ereignende und in die drei temporalen Dimensionen differenzierende «Zeitlichkeit», welche ihrerseits Geschichtlichkeit ermöglicht («Erst im Augenblick fängt die Geschichte an»). Den so verstandenen A. denkt Kierkegaard auf drei Ebenen, anthropologisch, christologisch und existentiell.
Anthropologisch deckt sich das Zusammentreffen von Zeit und Ewigkeit im A. mit der vom Geist getragenen Synthese des Leibes und der Seele.
Christologisch meint der Begriff das absolute Paradox der Menschwerdung Gottes als einer Verzeitlichung des Ewigen. Der Versuch der ‹Philosophischen Brocken›, das Christentum post factum als das schlechthin Andere gegenüber dem Platonismus («Sokrates») zu konstruieren, geht von der Hypothese aus, daß der neutestamentlich als «Fülle der Zeit» definierte A. «entscheidende Bedeutung» habe und nicht platonisch in der Ewigkeit der immer schon gehabten und jetzt nur erinnerten Wahrheit verschwinde
[2]. Auch der
existentielle A. steht hier mit im Blick: Als ein solcher zeigt sich das absolute Paradox, sofern es nicht nur die Erscheinung des präexistenten Ewigen in der Zeit ist, sondern auch «Ausgangspunkt für das Ewige», das «zuvor nicht war», d.h. für die jetzige Seligkeit des Menschen
[3]. Dieser im Leben jedes Einzelnen wiederkehrende «A. der Entscheidung» –
für die Ewigkeit
in der Zeit – charakterisiert zwar vornehmlich das Christwerden, doch wird er in ‹Entweder/Oder II› desgleichen für das noch neutral ethische Selbstwerden in Anspruch genommen
[4]. Von ihm radikal trennen muß man denjenigen A., in welchem der «Ästhetiker» lebt
[5]:
Er ist eines der Zeitatome, in die sich das diskontinuierliche ästhetische Leben auflöst, und entspricht infolgedessen dem vermeintlich «platonischen»
[6] genauso, wie das Ästhetische überhaupt das Analogon des Heidentums innerhalb der Christenheit sein soll. Jedoch auch damit ist der Umfang der Bedeutungen, die der Begriff im Kierkegaardschen Gesamtwerk hat, nicht völlig ausgemessen. Während zu Beginn der A. als ästhetisch genossener begegnet, kennzeichnet ihn am Ende die Flugschrift ‹Der Augenblick› als den im verantwortlichen Handeln zu nutzenden. Die christliche Auslegung, wonach er den nur für den Glauben sichtbaren «Einschlag der Ewigkeit» darstellt, erweitert sich zu einer
geschichtsphilosophischen, in deren Horizont Kierkegaard ihn dem gegenwärtigen oder vom «rechten Mann» erst noch heraufzuführenden Zeitalter gleichsetzt und sich selbst unter die Forderung beugt, «im A. zu wirken»
[7].