Behaviorismus (von amer. ‹behavior› = Verhalten), Verhaltenslehre, wird als Definition der Psychologie, unabhängig voneinander durch
W. McDougall 1912
[1] und
J. B. Watson 1913
[2] als neue Bezeichnung für ‹Psychologie› eingeführt. Während McDougall sich später von Watsons B. distanzierte
[3], sind besonders in Amerika einige von Watsons Grundsätzen bis heute in der Psychologie wirksam geblieben. Die behavioristische Schule entstand durch konsequente Anwendung tierpsychologischer Methoden auf die Humanpsychologie in Reaktion auf unfruchtbare Diskussionen über die Eigenart von Bewußtseinsphänomenen. Objekt der Psychologie wird das Verhalten, das der Anpassung an die Umwelt dient. Die beiden Hauptfragen sind: 1. Was wirkt als Reiz auf Organismen, indem es Antworten hervorruft? 2. Wie entstehen neue Verbindungen zwischen Reizen und Reaktionen?
Lashley[4] hat in einer behavioristischen Schaffensperiode als Wesen der neuen Schule die Annahme bezeichnet, daß die Wissenschaft vom Menschen nichts anderes entdecken könnte, als was ausschließlich mit Begriffen der Mechanik und Chemie zu beschreiben wäre. Als wichtigstes Erklärungsprinzip für das Verhalten greift
Watson 1916
[5] den von
Pawlow so genannten bedingten Reflex auf. Er setzt damit die Ausweitung des ursprünglich elementaren physiologischen Begriffs auf die Erklärung aller erlernten Verhaltensweisen fort.
Buytendijk und
Plessner[6] kritisieren diese Tendenz bereits bei Pawlow.
Murphy[7] glaubt, daß der neuere B. weniger durch die metaphysische Grundannahme (Materialismus) zu kennzeichnen, als vielmehr eine psychologische Richtung sei, in der nur bestimmte Methoden zugelassen werden. Die Introspektion (Selbstwahrnehmung oder Phänomenanalyse) wird im B. abgelehnt, weil Bewußtseinsphänomene prinzipiell nicht Gegenstand der Wissenschaft sein könnten, da sie nur je Einzelnen zugänglich seien. – Im Neo-B. werden zum Teil keine physiologischen Mechanismen zur Erklärung benutzt, sondern operational definierte Zwischenvariablen oder hypothetische Konstruktionen, die gelegentlich wieder mentalistische Bezeichnungen erhalten (z.B. Angst, Erwartung, Antrieb). Diese Art des B. wird auch ‹operationaler B.› genannt (E.
C. Tolman,
C. L. Hüll). Von
E. C. Tolman wurde ab 1920 ein «purposive behaviorism» vertreten, eine Richtung, die von 1932 an weitere Anerkennung erhielt. Im Neo-B. fehlt zwar die Bewußtseinsanalyse, aber es wird von Berichten über «private Ereignisse» nach methodischen Regeln Gebrauch gemacht. Unter den empirisch forschenden Psychologen gibt es heute kaum noch Behavioristen im Sinne
Watsons, jedoch sind die experimentell arbeitenden Psychologen in methodologischer Hinsicht (nicht in ihren Theorien) alle Neobehavioristen. Die Gleichsetzung der Lerntheorie mit B. ist falsch, weil im neuen B. nicht alles Verhalten auf Lernprozesse zurückgeführt wird und weil es nicht nur behavioristische Lerntheorien gibt.