I. Die Schule von Elea, schon von
Platon global als
Ἐλεατικὸν ἔθνος bezeichnet
[1], hat vor allem durch Parmenides ihr Gepräge erhalten. Begründer ist nach antiker Überlieferung
[2]Xenophanes (ca. 570–ca. 475), der 546 vor der persischen Eroberung aus seiner Vaterstadt Kolophon floh und sich, nach langer Wanderung als Rhapsode, in Elea (in Unteritalien) niederließ. Mit seiner mehr theologischen Lehre tritt er gegen die mythischen Göttervorstellungen auf
[3] und setzt sich, in dieser radikalen Form als Erster, unter Ablehnung aller anthropomorphen Vorstellungen
[4] für den
Monotheismus ein: «Ein Gott!... nicht an Gestalt den Sterblichen artgleich, nicht an Gedanken» (Frg. 23). Die Wesensbestimmungen dieses Gottes («ganz», «unbeweglich»
[5]) wirkten sich auf Parmenides aus.
Im Zentrum der Eleatischen Lehre (im Sinn von E.) steht der
Seinsbegriff desParmenides (ca. 515–ca. 445), der mehr durch seine persönliche Beziehung – stammt er doch aus Elea selbst – denn durch seine Lehre als «Schüler» des Xenophanes bezeichnet werden kann. Sein
in großen Teilen im Wortlaut erhaltenes Lehrgedicht
Περὶ Φúσεως zeigt ihn als einen durch und durch schöpferischen, originalen, zu letzter Abstraktion fähigen Denker. Als erster stellt er die Grundlage der bisherigen Naturphilosophie, die ganze sinnlich wahrnehmbare, materielle Welt in Frage: die menschlichen Sinne vermitteln uns nur eine «Scheinmeinung», ein «Trugbild» (
δóξα) von der Welt des «Werdens und Vergehens, des Seins und Nichtseins» (Frg. 8, 40); alles, was sich uns zeigt, ist widersprüchlich
[6]. Hatte nun Heraklit gerade in dieser Widersprüchlichkeit das Wesen aller Dinge erkannt und auf ihr seine Philosophie des Werdens begründet, so ist sie für Parmenides der Beweis ihrer Unwahrhaftigkeit, der das einzig wirklich Wahre, das Seiende (
τὸ ὄν) gegenübersteht: «Nur das Sein
ist, das Nichts dagegen ist nicht» (Frg. 6
[7]), lautet der oft wiederholte Kernsatz. Dieses Seiende, das allein dem Denken (
λóγος[8]) faßbar ist und das letztlich auf eine Offenbarung zurückgeht
[9], steht außerhalb von Werden und Vergehen
[10], ist
Eines (
τὸ ἕν), ein Ganzes, zusammenhängend, unerschütterlich
[11], unbeweglich
[12], begrenzt, einer Kugel gleich
[13].
Der Seinsbegriff des Parmenides, dessen Auswirkungen sich über Plato
[14] und die antike Philosophie hinaus bis zu Spinoza und Herbart verfolgen lassen, hat durch dessen Schüler,
Zenon von Elea (um 460) und
Melissos (um 445), keine wesentlich neuen Aspekte erhalten. Während
Zenon, bestrebt, die Einheitslehre seines Meisters zu verteidigen, von einer Pluralität ausgeht
[15] und so seine Gegner ad absurdum führen will (dazu dienen die Trugschlüsse des «Achilles, der nicht das Langsamste einholen kann» und des «fliegenden Pfeiles, der steht»
[16]), befaßt sich
Melissos besonders mit den Prädikaten des parmenideischen
ὄν[17].
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Anders Reinhardt (s.u.) 101ff. |
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Parmenides, Frg. 8, 53ff., Frg. 9. |
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Vgl. das Prooemium Frg. 1. |
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Dazu F. M. Cornford: Plato and Parmenides (London 21950). |
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Melissos, Frg. A 1; B 1ff. |
W. Kullmann: Zenon und die Lehre des Parmenides. Hermes 86 (1958) 157–172. – K. Reinhardt: Parmenides und die Gesch. der griech. Philos. (
21959). – H. Fränkel: Dichtung und Philos. des frühen Griechentums (
21962) 371–422. – J. Mansfeld: Die Offenbarung des Parmenides und die menschliche Welt (Diss. Utrecht 1964).