Historisches Wörterbuch der Philosophie online 

Entwurf

Entwurf 886 10.24894/HWPh.886 Peter Probst
Heidegger Existenzphilosophie
Entwurf. Kant leitet die ‹Kopernikanische Wende› in der Philosophie mit der Erkenntnis ein, daß «die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwürfe hervorbringt» [1]. Die hieran anschließende, für die praktische Philosophie seit Kant entscheidende Bestimmung des Menschen als eines autonomen (d.h. zur Selbstbestimmung fähigen) und weltoffenen Wesens findet in der Theorie M. Heideggers ihre spezifische Deutung im Zusammenhang der durch E.-Charakter gekennzeichneten «existenzialen Konstitution des Da» [2]. Unter der Überschrift «Das Da-sein als Verstehen» [3] wird die Frage des E. behandelt: Das «Verstehen» hat «an ihm selbst die existenziale Struktur», «die wir den E. nennen. Es entwirft das Sein des Daseins auf sein Worumwillen ebenso ursprünglich wie auf die Bedeutsamkeit als die Weltlichkeit seiner jeweiligen Welt. Der E.-Charakter des Verstehens konstituiert das In-der-Welt-sein hinsichtlich der Erschlossenheit seines Da als Da eines Seinkönnens. Der E. ist die existenziale Seinsverfassung des Spielraums des faktischen Seinkönnens. Und als geworfenes ist das Dasein in die Seinsart des Entwerfern geworfen. Das Entwerfen hat nichts zu tun mit einem Sichverhalten zu einem ausgedachten Plan, gemäß dem das Dasein sein Sein einrichtet, sondern als Dasein hat es sich je schon entworfen und ist, solange es ist, entwerfend. Dasein versteht sich immer schon und immer noch, solange es ist, aus Möglichkeiten. Der E.-Charakter des Verstehens besagt ferner, daß dieses das, woraufhin es entwirft, die Möglichkeiten, selbst nicht thematisch erfaßt. Solches Erfassen benimmt dem Entworfenen gerade seinen Möglichkeitscharakter, zieht es herab zu einem gegebenen, gemeinten Bestand, während der E. im Werfen die Möglichkeit als Möglichkeit sich vorwirft und als solche sein läßt. Das Verstehen ist, als Entwerfen, die Seinsart des Daseins, in der es seine Möglichkeiten als Möglichkeiten ist» [4]. Der E. ist bestimmt durch «Befindlichkeit» und «Verstehen». «Befindlichkeit und Verstehen charakterisieren als Existenzialien die ursprüngliche Erschlossenheit des In-der-Welt-seins. In der Weise der Gestimmtheit ‹sieht› das Dasein Möglichkeiten, aus denen her es ist. Im entwerfenden Erschließen solcher Möglichkeiten ist es je schon gestimmt. Der Entwurf des eigensten Seinkönnens ist dem Faktum der Geworfenheit in das Da überantwortet» [5].
[1]
Kant, KrV B XIII.
[2]
M. Heidegger: Sein und Zeit (91960) 134.
[3]
a.a.O. 142.
[4]
145.
[5]
148.
Literaturhinweis. O. Pöggeler: Der Denkweg Martin Heideggers (1963) 56–58.