Fanatisch, Fanatismus. Lateinisch ‹fanaticus› wie ‹fanari› (umherrasen) von ‹fanum› (heiliger Ort, Tempel) gehört zum Stamm ‹fas›, ‹fes› (religiöse Handlung). Diese Wörter sind vornehmlich auf den Kult außerrömischer Götter, bei christlichen Autoren auf heidnische Kulte bezogen. Im weiteren Sinne bezeichnet ‹fanaticus› jeden vom göttlichen Furor Ergriffenen. Die schon im vorchristlichen Sprachgebrauch wirksame pejorative Bedeutung wird im Christentum absolut. ‹Fanatici› heißen hier alle heidnischen Priester und Kultdiener, die nicht den «Geist aus Gott» empfangen haben, sondern dem «Geist der Welt» (
Paulus) verfallen sind
[1]. Bis zum
16. Jh. bleibt ‹fanaticus› Bezeichnung für die Religiosität des antiken Heidentums, aber gelegentlich tritt die wertfreie Bedeutung des schwärmerischen Außersichseins in den Vordergrund.
Eine neue ideenpolitische Bedeutung gewinnt das Wort im Zeitalter der
Reformation. Fanatici sind nun religiöse Schwärmer und Sektierer (z.B. Quäker und Pietisten), die statt einer allen zugänglichen, institutionell oder rational vermittelten Quelle der Einsicht die Unmittelbarkeit der Inspiration oder Intuition zum Prinzip erheben und dafür allgemeine Anerkennung verlangen. So steht im Mittelpunkt kirchlich-orthodoxer F.-Kritik die Lehre vom «inneren Licht», mit der sich das Schwärmertum der autoritativen Offenbarungsvermittlung entziehen will. Aber schon früher hatte
Melanchthon den F.-Vorwurf gegen die alte Kirche selbst, und zwar gegen die Einführung des Zölibats gewendet. Er argumentierte, daß damit die Ehe als vorzüglichstes Band der societas communis unterdrückt werde
[2].
Bossuet war es dann, der in seiner konfessionellen Polemik den Begriff des ‹fanatisme› – nun schon in inhaltsneutraler Form – auf den Protestantismus im allgemeinen anwandte. Gegen Jurieus Berufung auf die innere Überzeugung machte er das Prinzip des «Consentement de l'Eglise universelle» geltend
[3].
Jurieu jedoch gab den F.-Vorwurf zurück, indem er auf die Rolle der Mystik im Katholizismus hinwies
[4].
Bossuet selbst argumentierte auf diese Weise gegen die mystische Bewegung und gegen
Fénelon. Dieser wiederum warf den Jansenisten und Bossuet F. vor. Eine Religionspartei des F. zu überführen, ist ab 1700 die charakteristische Form der reductio ad absurdum.
Hobbes und
Locke erörtern die Position des «internal light» unter dem Stichwort ‹enthusiasm›. Überhaupt werden in England und Deutschland ‹F.›, ‹Enthusiasmus› und ‹Schwärmerei› zunächst synonym gebraucht und erst später in subtilen Erörterungen unterschieden. Wie Fénelon kritisiert Locke im Anschluß an Hobbes
[5] die Berufung auf «immediate revelation» vom Standpunkt der Reflexion und Vernunft aus, ohne die nicht unterschieden werden könne zwischen den «delusions of Satan and the inspirations of the Holy Ghost»
[6].
Leibniz übernimmt Lockes Kritik
[7], doch verfällt bei ihm auch der Wunderglaube dem F.-Vorwurf. Damit tut er den Schritt von der orthodoxen zur rationalistischen F.-Kritik, die sich nun gegen die Orthodoxie selbst richtet, für deren Offenbarungspositivismus die äußere Beglaubigung der Offenbarung durch Wunder im Unterschied zum «inneren Licht» der Schwärmer das entscheidende Kriterium war. Für die Aufklärung sind Obskurantismus und Illuminismus die beiden Seiten des F. Sie knüpft dabei positiv an das illuministische Moment des F. an und drängt die Orthodoxie auf die Seite des Obskurantismus.
Hume betont diesen Zusammenhang der Emanzipation des illuministischen Schwärmertums mit der Aufklärung. Er unterscheidet «superstition» einerseits und «enthusiasm» oder «fanaticism» andererseits
[8], sieht den Zusammenhang von religiösem und politischem F. und ergreift gegen den Aberglauben für den F. Partei, weil dieser anti-katholisch und der «civil liberty» förderlich sei
[9]. Noch positiver wertet
Muralt[10].
Shaftesbury unterscheidet die «unschuldige Art des F.», welche die Dichter ergreift, von dem verwerflichen religiösen und politischen F.
[11].
In
Frankreich wird «fanatisme» im Laufe des 18. Jh. zu einem Synonym für orthodoxen Obskurantismus: blinder Glauben um des Glaubens willen, der sich der
aufgeklärten Interpretation des Christentums als einer «religion naturelle» verschließt. Anders als Hume identifiziert
Voltaire F. und Aberglauben, dagegen unterscheidet er F. und «enthousiasme»
[12]. Dieser ist innerlich und harmlos, während jener die Weise ist, seine (religiöse) Überzeugung intolerant und auch mit den äußersten Mitteln zu vertreten (Beispiel: Bartholomäusnacht). Die Definition des F. in der «
Enzyklopädie» von 1779 schließt sich eng an diejenige Voltaires an: «Le fanatisme n'est que la superstition mise en action.» F. ist immer die Leidenschaft des Gegners. «La vérité ne fait point de fanatique. Elle est si claire qu'elle ne souffre guère de contradiction.»
Rousseau erkennt als erster Schwächen der philosophischen, aufklärerischen F.-Kritik. Ihm erscheint eine vernünftige Unterwerfung der individuellen Vernunft durchaus möglich, während er in der Berufung der Philosophen auf ihre Intellektuellenvernunft, die, zumindest soziologisch gesehen, privat und partikular ist, die Gefahr eines illuministischen F. verborgen sieht
[13]. Zugleich meldet er gegen die F.-Kritik Voltaires, Bayles und der Enzyklopädie Zweifel an. Er gesteht Bayle zu, daß die unmittelbaren Auswirkungen des F. verderblicher seien als die des Atheismus. Dennoch sei der F. eine große und starke Leidenschaft, die den Menschen seinen kleinlichen Egoismus vergessen lasse und die, richtig gelenkt, den Einzelnen und die Gesellschaft zum Guten bringe, während der Atheismus die Menschen auf ihre Privatinteressen reduziere und so die sittlichen Grundlagen der Gesellschaft untergrabe. Die philosophische Gleichgültigkeit gegen diese politischen Folgen des Atheismus ersetze den F. durch Friedhofsruhe. Eine heilsame Beseitigung des religiösen F. könne nur aus der Religion selbst kommen
[14].
Die
Französische Revolution führt zu einer Peripetie des Begriffs, und zwar gerade, weil die Revolution sich als Vernichtung des F. verstand. Die Parteilichkeit für eine abstrakte Vernunftherrschaft gewinnt im Regiment der Jacobiner die Züge, die seither den F. ausgezeichnet hatten. So wird es bald üblich, in der Frontstellung gegen das Jacobinertum von F. zu sprechen
[15]. Die französische Restaurationstheorie dehnt den F.-Vorwurf auf das Gesamtphänomen der Revolution aus. Dabei sieht
Bonald eine Linie vom «Wiederaufleben» des «fanatisme religieux et politique» im Deutschland des 16. Jh. zur Französischen Revolution und zur deutschen Freiheitsbewegung
[16].
Nachdem damit die religiöse und politische Richtung der F.-Kritik im Laufe von zwei Jh. sozusagen einmal im Kreis herumgegangen ist, zeigt sich als Resultat eine gewisse Formalisierung: F. bezeichnet nun im 19. Jh., zumal in Deutschland, nicht mehr eine bestimmte Überzeugung, sondern eine Geistesverfassung und eine Weise, seine Überzeugung zu vertreten. Auch macht sich, so bei
Kant, die Tendenz geltend, innerhalb des Begriffsfeldes F. zu differenzieren
[17]. Im Gegenzug gegen die radikale Aufklärung werden die ehemals inhaltlichen, theologisch-philosophischen Kriterien des F. – Unmittelbarkeit der Inspiration usf. – gegen dessen verwüstende Erscheinungsform unter Begriffen wie ‹Schwärmerei› und ‹Enthusiasmus› in Schutz genommen. So unterscheidet
Wieland Schwärmerei als «Erhitzung der Seele von Gegenständen, die entweder gar nicht in der Natur sind, oder wenigstens das nicht sind, wofür die berauschte Seele sie hält», und deren «religiöse Gattung», den F. von Enthusiasmus als Wirkung des «unmittelbaren Anschauens des Schönen und Guten»
[18].
Hegel hat wohl als Letzter im deutschen Sprachraum diese
Verhaltensweisen systematisch mit einer «fanatischen» Grundhaltung in Beziehung gesetzt. Seine Polemik gegen den «Brei des Herzens, der Freundschaft und der Begeisterung»
[19] zeigt noch einmal die klassische Struktur der F.-Kritik. F. ist für Hegel die Erscheinungsweise der abstrakten Freiheit, die alle gegliederte Wirklichkeit von sich stößt und sich selbst nur als «Furie des Zerstörens» Realität geben kann
[20]. Der Terror der Französischen Revolution ist ihm dafür das vollendete Beispiel. Aber auch die unmittelbare Herrschaft der Religion im Staate ist für Hegel F.
[21].
Nietzsche bekämpft wie die Aufklärer den religiösen und moralischen F. des Juden-Christentums
[22], um sich schließlich selber des F. zu zeihen
[23]. In der gleichen Zeit umreißt der
nationalliberale Kulturprotestantismus seine eigene Position durch Absetzung vom F.
[24]. In der Abkehr vom abstrakten Universalismus demokratischer Humanität ebenso wie von der Vernunfttradition Europas werden dann vom
Faschismus F. und fanatische Entschlossenheit zu Nationaltugenden erhoben. Im deutschen Sprachraum hat inzwischen der Begriff des F. seine frühere Funktion, spezifische inhaltliche Positionen zu bezeichnen, fast gänzlich eingebüßt. Er interessiert nur als Problem der Intensität
[25].
Für
Dewey dagegen ist F. jene unreife und abwegige Haltung, in welcher Ziele verabsolutiert und nicht als Bedingung weiterer Folgen in einem Zweck-Mittel-Kontinuum bedacht werden
[26].
Für
S. de
Beauvoir ist F. die Tyrannei des homme passionné, dessen Ziel kein rein privates ist, sondern andere Menschen in Mitleidenschaft zieht, aber nicht in der Solidarität der Freiheit, sondern als Mittel zum Zweck
[27]. Ähnlich versteht der englische Moralphilosoph
R. M. Hare unter F. die Verfolgung substantieller = irrationaler Ideale, die als solche weder utilitär sind, noch auf den Ausgleich allgemein vorhandener Interessen hinauslaufen. Der Fanatiker ist für Hare der Gegentyp des Liberalen, und die Geschichte ist ein dauernder Kampf zwischen Liberalismus und F., der unter den Bedingungen freier Kommunikation allmählich zugunsten des ersteren entschieden wird
[28].