Historisches Wörterbuch der Philosophie online 

Gnoseologie

Gnoseologie 1381 10.24894/HWPh.1381 Wilhelm Risse
Erkenntnistheorie
Gnoseologie ist im weiteren Sinne, namentlich im englischen und italienischen Sprachgebrauch, gleichbedeutend mit ‹Erkenntnistheorie›. Im engeren Sinne ist G. die Lehre von den Bedingungen der Geltung unserer Erkenntnisse, ob sie real oder ideal, existent oder möglich sind. Sie betrifft den «mentalen» oder bewußtseinsimmanenten Aspekt der Erkenntnis im Unterschied zum «realen» oder bewußtseinstranszendenten.
A. G. Baumgarten unterscheidet die «aesthetica», die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis, als «gnoseologia inferior» oder «facultas cognoscitiva inferior», von der Verstandeserkenntnis, als der «facultas cognoscitiva superior» [1]. – W. T. Krug nennt den zweiten Teil seines Systems der theoretischen Philosophie ‹G. oder Erkenntnislehre oder Metaphysik›. Als «rein philosophische Wissenschaft» beschäftige sie sich allein «mit dem Transzendentalen, d.h. dem Ursprünglichen oder demjenigen, was in Ansehung unsrer Erkenntniss a priori bestimmt ist» [2]. – Nach N. Hartmann ist die G. als Erkenntnistheorie scharf zu trennen von der Ontologie als der Seinslehre. Denn betrifft die Ontologie allein das reale Objekt, so betrifft die G. die Korrelation des Subjekts und des Objekts. Sie ist der «Standpunkt des wirklichen erkennenden Subjekts» und besteht im «Spannungsverhältnis» zwischen der bewußtseinstranszendenten metaphysischen Realität und dem bewußtseinsimmanenten gedanklichen Erfassen der Realität [3]. Nach G. Jacoby bezeichnet die gnoseologische Relation die Erkenntniseinstellung des Bewußtseins, welche nicht die ihm unmittelbar gegenwärtigen, aber unbemerkt bleibenden Sinnesempfindungen und Nervenreize, sondern die ihm nicht unmittelbar gegenwärtigen, aber von ihm allein bemerkten Sachen «meint». Deshalb versteht er unter der gnoseologischen Reichweite den «Gebietsumfang aller derjenigen Bestände, die das Bewußtsein unter Überschreitung seiner ontologischen Grenzen meinend erfaßt» [4].
[1]
A. G. Baumgarten: Met. (71779) §§ 533. 624.
[2]
W. T. Krug: System der theoret. Philos. 2 (1808, 21820) 3.
[3]
N. Hartmann: Grundzüge einer Met. der Erkenntnis (31941) 35.
[4]
G. Jacoby: Allg. Ontol. der Wirklichkeit (1925) 1, 530.