Heilig, Heiligkeit. Das griechische
ἅγιος bezeichnet wie das lateinische ‹sanctus› (von sancire: umschließen, umgrenzen) einen abgegrenzten Bezirk, womit alles vor diesem Bezirk (fanum) pro-fanus ist. Dieselbe Herkunft hat auch das hebräische, aus dem Kanaanäischen übernommene Wort ‹qadôš› für ‹heilig›, dessen Wurzel «scheiden, absondern» bedeutet. Zur Übersetzung in germanische Sprachen lagen zwei Wörter vor: ‹hailagaz› mit der Grundbedeutung «eigen, zueigen» und ‹wihaz›, «geweiht». Verwendete
Wulfila noch das Wort ‹weihs›, so setzte sich doch unter dem Einfluß der angelsächsischen Missionierung ‹heilig› als Übersetzung von ‹sanctus› durch.
Schon bei
Herodot, dem ersten Zeugen des Wortes, steht
ἅγιος als das den göttlichen Bereich gegenüber dem Profanen abgrenzende Wort; diese Bestimmung sollte für ‹heilig› immer zentral bleiben. So spricht Herodot von
ἱρὸν ἅγιον[1] und von
ἅγιον ἄλσος[2]. Als Epitheton der Götter erscheint
ἅγιος unter Einwirkung des orientalischen Begriffs der Heiligkeit (Hk.) allerdings erst in hellenistischer Zeit. Im Alten Testament bezeichnet ‹Hk.› die Göttlichkeit Gottes selbst, die sich in Macht und Herrlichkeit offenbart
[3]; so wird alles, was zu Gott in Beziehung steht, ‹heilig› genannt, die himmlischen Wesen, der Mensch, den Gott zu seinem Dienst sich weihte, und sogar die kultischen Gegenstände
[4]. Durch die eschatologische Wende des Neuen Testaments tritt das im Alten Testament vorherrschende dingliche Element gegenüber dem personalen zurück, wodurch sich dann das theologische Problem stellt, wie ‹Hk.› als Gott allein zukommender Wesensbegriff und zugleich als Begriff für die durch die Gnade gerechtfertigte Kreatur gedacht werden kann
[5].
In diesem Umkreis hält sich der Begriff in der scholastischen Theologie und in der Philosophie. So bestimmt noch
Kant Hk. als eine «dem moralischen Gesetz völlig angemessene Gesinnung»
[6], die durch den Begriff des höchsten Gutes zur Erkenntnis Gottes führt,
von dessen absoluter Hk. der Begriff der Hk. als moralischer Vollkommenheit abgeleitet ist; denn für Gott ist das moralische Gesetz ein «Gesetz der Hk.», für den Menschen ein «Gesetz der Pflicht»
[7].
Erst
Schleiermacher versucht eine originale Wesenserfassung des Göttlichen. Seine ‹Reden über die Religion› (1799) gaben damit den Anstoß zur Erkenntnis der Eigenständigkeit der Religion, die ihren Ursprung in dem Gefühl absoluter Abhängigkeit hat, wodurch dem Menschen auch «das zum Gottesbewußtsein werdende unmittelbare Selbstbewußtsein derselben»
[8] gegeben ist. Hk. ist so «diejenige göttliche Ursächlichkeit, kraft deren in jedem menschlichen Gesamtleben mit dem Zustande der Erlösungsbedürftigkeit zugleich das Gewissen gesetzt ist»
[9].
In die deutsche Dichtung wurde das Eigenschaftswort ‹heilig› durch
J. J. Pyra eingeführt; bei
Klopstock und später bei
Hölderlin wurde es zu einem Lieblingswort
[10]. Ein für die moderne Problematik wichtiges Moment im Begriff des Heiligen (Hl.) findet sich bei
Goethe: «Was ist heilig? Das ist's, was viele Seelen zusammen / Bindet, band es auch nur leicht, wie die Binse den Kranz. / Was ist das Heiligste? Das, was heut und ewig die Geister / Tiefer und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht»
[11].
Hegel zitiert diese Stelle nicht nur
[12], sondern bestimmt das Hl. ebenfalls als das Einigende: «Gott ist, nach den Momenten seines Wesens, ... absolut heilig, insofern er das schlechthin in sich allgemeine Wesen ist»
[13].
Eine Sonderstellung in der Bewertung des Hl. nimmt
Nietzsche ein; denn aufgrunddes Vorurteils vom reinen Geist sei ein «neuer Begriff der Vollkommenheit»
[14] möglich geworden. In dieser Umkehrung der bisherigen natürlichen Werte sei Hk. als oberster Wert jetzt das «ganz eigentlich Unmenschliche»
[15].
Im 20. Jh. setzt die Diskussion um das Hl. verstärkt ein.
W. Windelband begreift die Wirklichkeit der Religion aus der Antinomie des Bewußtseins von Sollen und Müssen, die dem Menschen als Gewissen bewußt werde. Dieses sei an das Bewußtsein einer idealen Norm («Normalbewußtsein») gebunden, weil es die Geltung absoluter Werte und Normen voraussetze. Den Inbegriff aller Werte nennt Windelband das Hl. und folgert daraus: «Das Hl. ist also das Normalbewußtsein des Wahren, Guten und Schönen, erlebt als transzendente Wirklichkeit»
[16]. Daraus entspringt eine Antinomie der Religion, indem das unbestimmte religiöse Gefühl absoluter Abhängigkeit eine nähere Bestimmung verlangt, die wegen des Übersteigens empirischer Realität scheitert. In diese Lücke springen daher «der Mythos und in den organisierten Formen des religiösen Lebens das Dogma»
[17].
R. Otto versucht mit religionspsychologischer Methode das Hl. zu bestimmen. Erste Ansätze finden sich schon in seinen frühen Schriften, so in der Bemerkung, die Welt sei nicht das Selbstverständliche, sondern «das ganz Erstaunliche»
[18] und gehöre in die Sphäre des dem rationalen Begreifen entgegengestellten religiösen Gefühls («Divination»). Im Gegensatz zu Schleiermacher muß aber die religiöse Überzeugung «wahr sein und ihre Wahrheit auch aufweisen können»
[19]. Aus diesem Gefühl, der Erfahrung menschlicher Nichtigkeit, gewinnt Otto das Hl. als religiöse Kategorie a priori; denn in seiner Nichtigkeit erfährt der Mensch das Numinose in der Doppelung als mysterium tremendum und fascinans. Aber das Numinose ist noch nicht das Hl., «sondern immer das vollkommen mit rationalen, zwecksetzenden,
persönlichen und sittlichen Momenten Durchdrungene und Gesättigte»
[20]. Das Hl. ist somit eine «zusammengesetzte Kategorie»
[21]. Das irrationale, durch seine Tiefe sich rationaler Erklärung verschließende Numinose kann in Aberglauben abgleiten, das rationale Moment kann es zu reiner Spekulation entarten lassen. Erst in der Ausgewogenheit beider besteht das Hl., so daß das Numinose erst durch «Schematisierung», durch Rationalisierung des Anschaulichen zum Hl. wird. (
Kant verwendet den Ausdruck ‹Schematisierung› genau umgekehrt.)
Über Otto geht
M. Scheler insofern hinaus, als er das Hl. als personale Kategorie bestimmt. Es ist ein im Wertfühlen als einem von Denken und Anschauung unterschiedenen Vermögen gegebener Wert. Die Rangordnung der Werte ergibt sich durch eine «intuitive Vorzugsevidenz»
[22], die das Hl. als höchsten «Personwert» setzt, als die Qualität der Person der Personen. In Abhebung gegen Otto wird das Hl. nicht Tremendum, sondern das in einem Akt der Liebe erfaßte Heil-Gewährende genannt. – Schelers Auffassung wurde von
J. Hessen weiterentwickelt. Danach wird in der religiösen Erfahrung (Erlebnis des Hl.) eine transzendente und personale Wertwirklichkeit begriffen, die neben die Werte des Wahren, Guten und Schönen tritt, aber so, daß sie deren Zentrum ist. Weil diese Wirklichkeit nur der religiösen Erfahrung zugänglich ist, fehlt «dem philosophischen Gottesbegriff die wesentlichste Bestimmung des religiösen Gottesbegriffs»
[23], nämlich das Hl.
P. Tillich faßt die bisherige Entwicklung zusammen und erweitert zugleich den Begriff des Hl.; das Hl. sei ein Phänomen der Erfahrung, das ohne Einbeziehung der Gotteslehre zu etwas bloß Ästhetisch-Emotionalem werde. Das sei die Gefahr solcher Theologien «wie der von Schleiermacher und von Rudolf Otto»
[24]. Das Hl. steht bei Tillich in der Entgegensetzung von Heilig und Profan und im Zwiespalt von Göttlich und Dämonisch, die – getrennt – das Hl. vernichten (vgl. Ottos rationales und irrationales Moment). Neben diesem zweideutigen kennt Tillich noch einen engeren Begriff: «die Hk. des Hl.»
[25]. Sie ist wie bei Goethe und Hegel das absolut Einigende, und durch sie kommt es zur «Wiedervereinigung des Getrennten in allen Dimensionen»
[26]. Das bedeutet aber auch die Überwindung der Religion als spezieller Funktion des menschlichen Geistes. Wohl wegen dieser Konsequenzen hat man Tillich Verwechslung von religionsphilosophischem und religiösem Akt vorgeworfen
[27].
M. Heidegger nimmt das Hl. scheinbar aus dem theologischen Umkreis heraus; denn «der Dichter nennt das Hl.»
[28], und dieses «ist das Wesen der Natur»
[29]. Indem das Hl., Gottes «Wohnstatt», erscheint, bleibt der Gott doch fern. Da das Hl. in besonderer Nähe zum Göttlichen steht, bezeichnet es nur die Dimension dieses Viertels des «Gevierts». – «Verborgenheit» und «Ausfall» des Hl. in der heutigen Zeit bedeuten aber für
B. Welte, daß es als das Heil und als «unvergleichlich Heilendes» erwartet und erhofft werden kann («geschichtliche Erfüllung des Hl.»), ohne daß seine «universelle Fraglichkeit» und «Ortlosigkeit» in der Gegenwart zur Ruhe gebracht werden kann
[30].