Henologie (Einheitslehre) ist ein erst vor kurzem (aus griech.
ἕν, eins, und
λόγος, Lehre) gebildeter Terminus zur Bezeichnung der Grundtendenz einer platonisierenden Denkweise und eines platonisierenden Denksystems. Das englische Adjektiv ‹henological› wird in der Literatur locker verwendet z.B. zur Kennzeichnung desjenigen Gottesbeweises bei
Thomas von Aquin, in dem von der Vielheit der Dinge auf die Einheit Gottes geschlossen wird
[1]. Das französische Substantiv ‹énologie› wurde von
E. Gilson zur Charakterisierung des neuplatonischen Denkansatzes des Mittelalters (Einheitsphilosophie, J. Koch) eingeführt
[2]. Den Terminus hat schließlich
E. A. Wyller anläßlich einer systematischen Auslegung des platonischen ‹Parmenides› in Abhebung von den Schulbegriffen ‹Ontologie› und ‹Epistemologie› gebildet
[3]. Die thematische Frage nach der Einheit (
Platon) ist – dieser Interpretation nach – grundsätzlich von der nach dem Seienden bzw. dem Sein (
Aristoteles, Thomas) wie von der nach den Bedingungen der Erkenntnis (
Descartes, Kant) zu unterscheiden. Solche Fragestellungen exponieren zwar Momente der H., sind in ihr aber grundsätzlich als Partialfragen aufgehoben. – Die H. hat a) einen historischen und b) einen systematischen Sinn:
a)
Historisch bestimmt der henologische Ansatz die gesamte platonisierende Tradition der Antike und des Mittelalters von
Platon und
Speusippos an über
Plotin, Proklos und
Ps.-Dionysios bis auf
Nikolaus von Kues[4]. Er bestimmt ebenso die Einheitsmystik (z.B.
Böhme, Baader) und hat in der modernen Zeit besonders im deutschen Idealismus einen Niederschlag gefunden (
J.G. Fichte)
[5]. – In ihrer reinsten philosophischen Gestalt begegnet die H. in
Platons ‹Parmenides›, der – als der Dialog zum Thema Philosoph – den Gipfel der architektonisch gegliederten Ganzheit der platonischen Spätdialoge bildet
[6].
b)
Systematisch ist die H. eine dialektische Prinzipienlehre. Ihre Grundprinzipien sind das Eine, die Einheit (
τὸ ἕν) und das Andere, die Andersheit (
τἆλλα, nicht:
ἕτερον). Das Prinzip der Dyade (
δυάς) der platonischen Akademie wird (im Anschluß an ‹Parmenides› 143 a/b) als eine Ableitung aus der seienden Einheit an Hand der Verschiedenheit (
ἕτερον) verstanden. Das Eine als solches ragt – als das Unsagbare (
ἄρρητον) – in den Bereich jenseits des Seins und der Erkenntnis
[7]. Ihm stehen Sein als das, was ist, und Erkenntnis als das, was erkannt werden kann, als zur Andersheit gehörig gegenüber. Die Differenz, die hier zwischen dem überseienden Einen und dem Sein bzw. der Erkenntnis zum Ausdruck kommt, wird – in Abhebung von der «ontologischen» – die «henologische Differenz» genannt. Sie ist für jeden echten Platonismus konstitutiv und kann, wenn überhaupt, nur durch Offenbarung aufgehoben werden
[8].
Eine höchste Stufe erreicht die platonische Dialektik von Einheit und Andersheit – als H. – beim späten
Cusanus, dessen ‹
non aliud› nicht als Negation der Negation
im Sinne Hegels, sondern von der ps.-dionysischen Einsicht in die henologische Differenz aus zu verstehen ist
[9]. – In der Gegenwart hat
Th. W. Adorno, wenngleich er den Terminus ‹H.› nicht verwendet, doch zentralen henologischen Grundansichten Ausdruck gegeben, etwa im Begriff der «Nichtidentität»
[10] und in dem Satz «Einheit allein transzendiert Einheit»
[11].