Hypolepsis (griech.
ἤ ὐπόληψις, von
ὑπολαμβάνω, aufnehmen, aufheben; lat. acceptatio) kommt bei
Platon in substantivischer Form nicht vor
[1] und bedeutet bei
Aristoteles ohne terminologische Fixierung jede in irgendeiner Weise auf ein Allgemeines, sei dies theoretischer oder praktischer Natur, als Inhalt bezogene Auffassung, Annahme, Meinung, Vermutung, Theorie oder Vorsatz und Einstellung. Die allgemeinste Zusammenfassung dafür wäre: H. ist das, was jemand im Geiste hat oder sich bildet (sumere et statuere aliquid pro vero, sive illud est verum sive secus
[2], sententiam sibi formare, statuere aliquid de aliqua re
[3]), die «allgemeinste Auffassungsweise, nach welcher man schlechthin etwas bejaht oder verneint»
[4] und, wie man ergänzen muß: nach welcher man in praktischen Zusammenhängen etwas entweder erstrebt und wählt oder vermeidet. Eine H. als das, was jemand im Geist hat, kann so geradezu im Gegensatz stehen zum Aussprechen: «Es ist nicht nötig, daß jemand das, was er sagt, auch wirklich annimmt (
ὑπολαμβάνει)»
[5].
H. ist sodann das dem Menschen allein vorbehaltene seelisch-dianoetische Vermögen zu einer solchen «Annahme», die, was ihren Wahrheitswert betrifft, irgendwo auf der Skala zwischen der bloßen Vermutung und der bewiesenen wissenschaftlichen Theorie angesetzt sein kann
[6]. Die Tiere haben keine derartige Auffassung eines Allgemeinen (
ὑπόληψις τῷν καθόλου)
[7], sondern nur Vorstellungs- und Erinnerungsbilder von Einzeldingen, weshalb sie im Unterschied zum Menschen weder lügen noch auch unenthaltsam (
ἀκρατής) sein können. H. ist daher einer der Schlüsselbegriffe im Zusammenhang der Diskussion der Aporie, wie es geschehen könne, daß man trotz richtiger Ansichten (
ὀρθῷς ὑπολαμβάνων) unenthaltsam sein könne
[8]. In der Formulierung der (von Aristoteles abgelehnten) Sokratischen These, daß es so etwas wie Unenthaltsamkeit gar nicht geben könne
[9], da niemand mit Wissen (
ὑπολαμβάνοντα) gegen das Beste handle, ist H. identisch mit Wissen(schaft) (
ἐπιστήμη)
[10]; der Gegenbegriff ist Unwissenheit (
ἄγνοια). In der Diskussion einer revidierten und differenzierteren Form der Sokratischen Annahme, dergemäß man zwischen wahrem Wissen und bloßer Meinung unterscheiden müsse
[11], wenn der Unenthaltsame
wider seinen Vorsatz handle, wird dieser Vorsatz neutral und allgemein ‹H.› genannt. Jene Unterscheidung wird dabei als gleichgültig erklärt.
An anderen Stellen wird H. geradezu identisch mit «bloßer Meinung» (
δόξα), die uns auch täuschen könne, und insofern der Wissenschaft, Kunst, Klugheit, Weisheit und dem Verstand, durch welche Tugenden bzw. Vermögen die Seele immer die Wahrheit trifft, gegenübergestellt
[12]. An der «Parallelstelle» der ‹Magna Moralia›
[13], die jene Identifizierbarkeit von Meinung und H. nahelegt
[14], wird letztere eindeutig im Sinne von bloßer Vermutung definiert als «etwas, wodurch wir bei allen Dingen nach zwei Seiten im unklaren bleiben: in Hinsicht darauf, ob bestimmte Dinge so oder nicht so sind». In diesem Sinne kann ‹H.› zum Synonym werden für ‹bloßen Verdacht› (
ὑποψία), den man ohne genaue Kenntnis eines Sachverhaltes haben kann
[15], wie man denn überhaupt wohl Vermutungen (
ὑπολήψεις) darüber anstellen kann, worüber man kein Wissen hat
[16].
Eine «wahre H.» kann jedoch auch den Rang einer wissenschaftlichen Einsicht haben (wie etwa die über die Größe der Sonne) und insofern im Gegensatz zur sinnlichen Wahrnehmung (für welche die Sonne einen Fuß breit zu sein scheint) treten
[17]. Ist also H. als bloße Meinung und Vermutung einerseits Gegenbegriff zu Wissenschaft und Einsicht oder Klugheit, so kann dieser Begriff andererseits in neutralem Sinne den theoretischen bzw. praktischen Vernunftinhalt jener «Tugenden» bezeichnen und dadurch in deren Definition erscheinen: Die Wissenschaft ist eine H., ein Erfassen des Allgemeinen und Notwendigen
[18]; die Klugheit ist die richtige H. eines (guten) Zweckes
[19]. Die für die Klugheit erforderliche H. wird durch die Mäßigkeit bewahrt; es ist dies eine (praktische) H. über das, was man tun soll, nicht aber eine theoretische Aussage wie etwa die über die Winkelsumme des Dreiecks
[20]. – In der gleichen Weise erscheint die H. in den pseudoplatonischen ‹Definitionen› als Moment der Meinung («eine Annahme, H., die durch vernünftiges Denken umgestimmt werden kann»
[21]) wie auch der Tugend der Frömmigkeit («richtige Ansicht, H. über die Verehrung der Götter»
[22]). – H. kann schließlich, ganz untheoretisch, allgemein die sittliche Gesinnung und Einstellung bei einer Tat bezeichnen
[23]. – Auf die formale Struktur der Inhalte des jeweils Gewußten zielt die Verwendung von ‹H.› bei der Unterscheidung von Erfahrung und Kunst ab: Kunst entsteht dann, wenn sich aus vielen durch Erfahrung gewonnenen Gedanken (
ἐννοήματα), die auch ihrerseits Hypolepseis sind, eine einzige und allgemeine H. (Auffassung,
Thomas von Aquin: acceptatio) über ähnliches bildet
[24].
In der Behandlung der vernünftigen Seelenteile (De anima III, 3. 4) bezeichnet ‹H.› einmal generell die Denktätigkeit (das
νοεῖν[25]) selbst, als deren Unterarten Wissenschaft, Meinung und Klugheit genannt werden
[26], andererseits wird die H. selbst neben der Vorstellung (Phantasie) als eine Unterart bzw. Form des Denkens (
νοεῖν) aufgeführt
[27]. Der Begriff meint hier das gleiche wie Meinung (doxa)
[28]. Das Organ, kraft dessen die Seele nachdenkt oder vermutet (
ὑπολαμβάνει), ist der Geist (
νοῦς)
[29].
Ähnlich wie in den eben betrachteten geisttheoretischen Diskussionen des Verhältnisses und der Genese der seelischen Vermögen Wahrnehmung, Phantasie, Vermutung, Nachdenken und Begreifen kann auch in inhaltlicher Betrachtung ‹H.› zum Synonym werden für
‹Meinung› (doxa) im Sinne von Ansicht, Lehre, Überzeugung und theoretischer Konzeption, ohne daß zunächst damit etwas über den Wahrheitswert solcher Aussagen festgelegt ist. Es kann sich dabei inhaltlich um Annahmen (H.) handeln, die der überspannten Meinung der Herakliter zugrunde liegen
[30], um diskutable und zu diskutierende Positionen in der Theorie der Freundschaft
[31] und der Milchstraße
[32], um den Satz des Protagoras vom Menschen als Maß aller Dinge
[33], um die Platonische Ideenlehre (
ὑπόληψις περὶ τὰς ἰδέας)
[34], um die durch ein
Hesiod-Zitat
[35] belegte «alte und volkstümliche, von fast allen Menschen geteilte Auffassung (H.)», alles sei letztlich Erde
[36], wie auch um eine spezielle eigene Lehre des Aristoteles über den Äther, die mit altüberkommenen Annahmen (H.) früherer Denker in voller Übereinstimmung steht
[37]. Immer hält Aristoteles an dem methodischen Grundsatz fest, daß man zu Beginn einer jeden sachlichen Erörterung zuerst die Meinungen (hypolepseis) anderer über das anstehende Thema durchzugehen und an diese anzuknüpfen habe
[38]. Im Hinblick auf ein solches Vorgehen hat
J. Ritter, um den dialektisch-hermeneutischen Charakter der Philosophie des Aristoteles zu kennzeichnen, deren Methode eine hypoleptische genannt
[39]. ‹H.› «meint unter anderem: 1. jemandem ins Wort fallen; 2. an den Vorredner anknüpfen; gemeint ist hier natürlich die zweite Bedeutung»
[40].