Muße (griech.
σχολή, lat. otium, frz. loisir, engl. leisure) bedeutet zunächst das Freisein von Staatsgeschäften und ökonomischen Tätigkeiten, die in der Antike als Nicht-Muße (
ἀ-σχολία, negotium) definiert waren, und impliziert in diesem Sinne die Hinordnung des Lebens primär auf den Bereich der ruhenden Beschauung.
σχολὴν ἄγειν bedeutet Feste feiern, Freude haben, sodann Beschäftigung während dieser Zeit (Vorträge), schließlich Ort dieser Tätigkeit (Schule). M. (ahd. muoza, mhd. muoze) bedeutet freie Zeit, Möglichkeit, Gelegenheit zu etwas; in diesem Sinne steht das Wort etymologisch in der Nähe von «müssen» (mhd. müezen, altgerm. môtan).
Bei
Platon ist M. die Voraussetzung für Philosophie überhaupt
[1], damit sich die Seele, befreit von den Forderungen des Leibes, in die Schau der Dinge (
θεωρία) versenken kann
[2], und stellt so im ‹Symposion› das Bild höchster Vollendung dar. Die Philosophen sind in Freiheit und M. aufgewachsen, Geschäfte und Dienstleistungen sind Sache der
βάναυσοι[3]. M. ist somit Freiheit von privaten und öffentlichen Geschäften
[4]. Nur die Polis, die M. und das Nötige zum Leben gewährt
[5], schenkt
Glück. Das
ἀσχολούμεθα γὰρ ἵνα σχολάζωμεν (wir sind tätig, damit wir M. haben) des
Aristoteles[6] zeigt das Grundverhältnis von Arbeit und M. an. Alles zweckorientierte Einzelhandeln entbehrt des letzten Glücks. Allein die M. schafft die Bedingung, dies zu erreichen. So transzendiert der Mensch sich in der M., berührt darin etwas Übermenschliches und Göttliches. Es ist Aufgabe des Gesetzgebers, Ziel der Erziehung und Wille der guten Herrschaft und des Staates, die sozialen Bedingungen für dieses grundsätzlich kontemplative Verhältnis zum Seienden zu schaffen
[7]. Entsprechend sorgt der Tyrann dafür, daß niemand M. hat
[8]. Achtet die Erziehung nicht auf die Schaffung von M., so führt sie zur Knechtschaft, wie ja auch alle lohnbringenden Künste und Handwerke, die auch eine schlechte körperliche Verfassung zur Folge haben, banausisch sind
[9]. Deshalb ist die M. ein Privileg der durch Sklaven entlasteten Freien. Aber auch bei ihnen schlägt in der Fülle der äußeren Güter die M. in Übermut um, wenn sie nicht einhergeht mit den Tugenden der Gerechtigkeit, der Mäßigung und der Weisheitsliebe
[10]. Indem die Griechen Normen für die M. aufstellten, die ihrem Volkscharakter entsprachen, entwickelten sie die M. zu einer «nationalen Kunst»
[11]. – Die Berührung des Göttlichen in der M. ist nicht verfügbar, sondern nach
Vergil ein Geschenk der Götter
[12], doch «otium sine litteris mors est et hominis vivi sepultura» (M. ohne Kunst und Wissenschaft ist der Tod und das Grab des lebendigen Menschen) (
Seneca[13]).
In der christlich-abendländischen Rezeption der Antike mündet die aristotelische Lehre von der M. dann mehr oder weniger in den breiten Strom der vita contemplativa ein
[14]. Der alte Gegensatz von sklavischer
ἀσχολία und freier
σχολή allerdings setzt sich fort in der mittelalterlichen Polarität von artes serviles und artes liberales. Mit der Neuzeit beginnt dann die M. ihren Vorrang (auch als Bedingung für Philosophie) an die Arbeit abzugeben. Die Zuordnung der Wissenschaft zu den praktischen Künsten an Stelle von «Disputationen» und «müßigen magischen Zeremonien»
[15] soll dem Menschen die von Gott gegebene und im Sündenfall verlorene Herrschaft über die Kreatur zurückgeben.
Kant verwarf – in Ablehnung der M. als Grundhaltung und in Anwendung des modernen Arbeitsbegriffs auf die Tätigkeit des Philosophen – die Schau (
θεωρία) als das Wesen der Erkenntnis; er kehrte damit auch den grundlegenden Satz des Aristoteles über die M. um. Ebenso wird bei
Hegel die Arbeit anstelle der M. «zum Namen für den dialektischen Weg zu Gott»
[16]; doch behält bei Hegel zugleich die M. insofern ihre alte Funktion, als für ihn die Philosophie der «Sonntag des Lebens» ist, an dem sich der Mensch über das Geschäft des Werktages erhebt
[17]. An Hegel anknüpfend, tritt vollends bei
Marx der «wahre, weil wirkliche Mensch, als Resultat seiner
eigenen Arbeit» hervor
[18]. Im Bemühen, den elitären M.-Begriff der Tradition zu universalisieren und zugleich die notwendige Neubestimmung des Verhältnisses von Arbeit und freier Zeit (einschließlich der Mußezeit) vorzunehmen, versteht es sich für Marx von selbst, daß «die unmittelbare Arbeitszeit selbst nicht in dem abstrakten Gegensatz zu der freien Zeit bleiben kann – wie sie vom Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie aus erscheint»
[19]. Auf der Grundlage einer tendenziell auf völlige Automatisation zusteuernden Planwirtschaft werde es nämlich in zunehmendem Maße jedermann möglich werden, seine universelle Selbstentfaltung voranzutreiben. Hatte Aristoteles gegen den latenten Umschlag der M. in Übermut den Privilegierten die korrektiven
Tugenden der Gerechtigkeit, der Mäßigung und der Weisheitsliebe empfohlen, so setzt Marx auf den – «mit Bezug auf den werdenden Menschen betrachtet» – selbstdisziplinierenden Effekt des «unmittelbaren Produktionsprozesses», der gewährleisten soll, daß die erweiterte «freie Zeit – die sowohl M.-Zeit als Zeit für höhre Tätigkeit ist», ihren «Besitzer» auch wirklich «in ein andres Subjekt verwandelt»
[20]. Zudem wird in der klassenlosen Gesellschaft nach Marx «die Arbeit travail attractif, Selbstverwirklichung des Individuums»
[21]. So werden M. und schöpferische Produktivität von Marx, der als Beispiel für «wirklich freie Arbeiten» eine ästhetische Selbstobjektivation, das «Komponieren», anführt
[22], nicht schlichtweg eliminiert, sondern in ihrem Stellenwert neu bestimmt.
Der Verlust der vita contemplativa in der Moderne läßt dann die M. wieder thematisch werden. Allerdings ist die M. als «Blüte und Frucht des Daseins»
[23] in der Gefährdung der Neuzeit der gewöhnlichen Natur des Menschen fremd; sie gelingt – so
Schopenhauer und
Nietzsche – nur mehr dem Genie
[24]. Im «Widerpart» zum Müßigen, dem Philister
[25], kristallisiert sich für beide die Kritik an der Arbeitsideologie der Neuzeit; nur der Rückgriff auf den M.-Begriff der Antike
[26] vermag den Menschen davor zu bewahren, daß nunmehr alles schlechte Gewissen auf Seiten des otium liegt und alles gute Gewissen auf Seiten des animal laborans, so daß die Legitimation der M. nur noch im «Bedürfnis nach Erholung» gesucht wird
[27]. Die – in der Folgezeit sich besonders in Amerika ausbreitende – Vorstellung einer Freizeitgesellschaft, deren Mitglieder eben bloß vermeinen, sie verstünden sich auf die «Kunst des Müßiggangs», unterzog schon Nietzsche einer heftigen Kritik
[28].
Aspekte des M.-Begriffes sind also seine Polarität zum zweckorientierten und zielgerichteten Handeln, die Bereitstellung eines Raumes, innerhalb dessen die Kontemplation sich entfalten kann, indem das Ich sich aus der Isoliertheit einzelner Betätigung und aus dem Dienst des unmittelbaren Zweckes löst und in ruhender Gelassenheit sich in der Sinnmitte der Person sammelt. Dieser Ruhe eignet eine besondere Feierlichkeit, die die M. in die Nähe von Spiel, Kult, Fest, Feier und Repräsentation rückt. Der Fest-Teilnehmer steht der Darstellung des im Fest (Kult, Liturgie) Gefeierten in der Haltung der M. gegenüber. Die Fähigkeit zur M. prägt sich so gesellschaftlich auch in einer geistigen Rangordnung aus, die aus dem Unterschied im Grad innerer Freiheit erwächst (Herrschaftsmoment). Wie M. die eine Seite des menschlichen Lebens darstellt, in dem aufnehmendes Empfangen und tätiges Sich-Auswirken wie Ebbe und Flut alterieren, so steht sie auch zwischen Nichts-Tun (Müßiggang, Langeweile, «leere» Zeit) und betriebsamer Geschäftigkeit, Hetze. In der M. «haben» wir die Zeit, und in diesem Haben sind wir bei uns selbst und der Welt im Modus der Geborgenheit, Entspanntheit und Gelöstheit. Der Knecht-Freie-Sinnentwurf der Antike freilich wirkte so stark nach, daß der Zerfall der feudalen Gesellschaftsordnung einen tiefgreifenden Bedeutungswandel nach sich zog. Während der im Gefolge der ersten industriellen Revolution aufkommende Arbeitsbegriff – zusammen mit der Funktionalisierung (Entzauberung) – auch noch die spezifisch musische Geistigkeit (artes liberales) seinem Geltungsanspruch zu unterwerfen trachtete (Freizeit und Erholung als Arbeit), erweiterte die zweite industrielle Revolution die dem Menschen zur Verfügung stehende «freie Zeit» derart, daß die Theorie der «Freizeit» weithin an die Stelle der M. trat.
Demgegenüber versuchen
J. Pieper und
H. Kuhn im Rückgriff auf Antike und Mittelalter die M. als empfangendes Offensein, hörendes Schweigen und entspannte Aktivität der Person, als kontemplativen Kontakt zur Mitte der Welt, zum Bezirk der ewigen Urbilder, gerade für den heutigen Menschen mit seiner anwachsenden freien Zeit zu retten
[29]. Die «freie Zeit» selbst ist nicht schon M.; mit welchem Tun sie auszufüllen sei, war schon bei
Aristoteles die Hauptfrage
[30]. Die letzte innere Ermöglichung und Rechtfertigung empfängt die M. nach
Pieper aus ihrer «Einwurzelung in der Kultischen Feier»
[31]. Letztlich ist so der Bereich der M. «der Bereich der Kultur überhaupt»
[32], denn auch «die Künste sind eine Gabe der M. an die Arbeit»
[33].