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Philanthropie

Philanthropie Anthropologie Ethik und Moralphilosophie philanthropia (φιλανθρωπία) dexteritas Liebe zur Menschheit 5347 10.24894/HWPh.5347Rudolf RehnAnton HügliDaniel Kipfer
(griech. φιλανθρωπία, aus φιλεῖν ‘liebenʼ und ἄνθρωπος ‘Menschʼ; lat. humanitas, dexteritas; engl. philanthropy; frz. philanthropie; ital. filantropia)
1. Allgemeine Bestimmung der Ph. – ‹Ph.› bezeichnet ein im umfassenden Sinne menschenfreundliches Denken und Verhalten. Im einzelnen ist nach einer antiken Definition unter ‹Ph.› die freundliche Begrüßung (προσαγορεύειν), die Wohltätigkeit (εὐεργετεῖν) und die Gastfreundschaft (ἑστιᾶν καὶ φιλοσυνουσιάζειν) zu verstehen [1]. Der antike Begriff ist – zum Teil im Unterschied zum modernen – dadurch charakterisiert, daß er a) fast immer etwas von wohlwollender Herablassung enthält; ‘Menschenfreundeʼ sind zunächst nur Götter und Heroen, dann Könige und Feldherren, schließlich auch Richter und angesehene Privatpersonen; b) sich in der Regel nicht unterschiedslos auf alle Menschen erstreckt, sondern nur auf bestimmte Gruppen, auf die Bürger der eigenen Polis z.B. oder die Mitglieder der eigenen Sprach- und Kulturgemeinschaft [2] und c) nicht die Vorstellung der Uneigennützigkeit enthält; der antike Philanthropos erwartet, daß ihm seine Menschenfreundlichkeit Vorteile bringt.
2.Geschichte des Begriffs: Antike und Patristik. – Die sich von φιλανθτρωπ- herleitende Gruppe von Wörtern ist erst seit dem 5. Jh. v.Chr. belegt. Bei Homer und Hesiod findet sie sich nicht, doch sind Begriff und Sache der Menschenfreundlichkeit in dieser frühen Zeit nicht unbekannt [3]. Homer, der mehrfach die Bedeutung einer menschenfreundlichen Gesinnung und Handlungsweise betont [4], spricht z.B. von φιλοφροσύνη, ein Wort, dessen Bedeutung sich weitgehend mit der von φιλανθρωπία deckt [5]. Für das 5. Jh. v.Chr. ist lediglich ‹philanthropos› sicher belegt [6]. Im 4. Jh. v.Chr. tauchen die Wörter ‹philanthropia› und ‹philanthropos› gehäuft auf, und zwar vor allem in den Reden der attischen Rhetoren, in erster Linie von Isokrates und Demosthenes. Platon benützt beide Wörter nur selten. Im ‹Symposion› (189 d 1) und in den ‹Nomoi› (IV, 713 d 5–6) wird die Bezeichnung ‹philanthropos› Göttern beigelegt, im ‹Euthyphron› (3 d 6), einem der frühesten Texte, in dem das Substantiv ‹philanthropia› erscheint, heißt es von Sokrates, er lehre nicht des Geldes wegen, sondern «aus Liebe zu den Menschen» (ὑπὸ φιλανθρωπίας). Eine zentrale Rolle spielt der Ph.-Begriff dagegen in den Schriften Xenophons[7]. Bei ihm zeigt sich die ganze Breite des Anwendungsbereichs dieses Begriffs. ‘Menschenfreundlichʼ heißen bei Xenophon nicht nur Götter (Mem. IV, 3, 7) und Menschen (Instit. Cyri I, 2, 1; Ages. 1, 22; Mem. I, 2, 60), sondern auch Tiere (De rat. equit. II, 3; De vest. III, 9) und bestimmte, das Wohl des Menschen fördernde Künste (Oec. XV, 4; XIX, 17). Vorzugsweise aber sieht Xenophon in der Ph. ein Merkmal außergewöhnlicher Persönlichkeiten, des Spartanerkönigs Agesilaos etwa [8] oder seines philosophischen Lehrers Sokrates [9], vor allem aber des Perserkönigs Kyros, den er als φιλανθρωπότατος bezeichnet (Instit. Cyri I, 2, 1). Ph. ist hier in erster Linie das Merkmal der humanen Gesinnung des Mächtigen und Starken dem Schwachen gegenüber. Wohltätigkeit, Hilfsbereitschaft und Milde sind die Hauptformen, in denen sich diese Gesinnung äußert. Durch die Sophistik und die allgemein intensivere Beschäftigung mit ethisch-pädagogischen Problemen kommt es zu einer neuen Akzentuierung des Ph.-Begriffs, zu dem nun der Aspekt der ‘paideiaʼ hinzutritt. Die Ph. wird nicht mehr als das Ergebnis bloßer Naturanlage aufgefaßt, sondern als das Produkt von Erziehung und Bildung, wie der von Aristipp überlieferte Ausspruch zeigt, «es sei besser, ein Bettler zu sein als ungebildet; denn jenem fehle es an Geld, diesem aber an Menschlichkeit (ἀνθρωπισμός[10]. Deutlich zeigt sich dieser Zusammenhang auch bei Isokrates. Das «menschenfreundliche Sprechen und Handeln» (φιλανθρώπως λέγειν καὶ πράττειν) zeichnet für ihn in erster Linie den sich vom Barbaren durch Sprache und Bildung unterscheidenden Griechen aus [11] und unter den Griechen vor allem den Athener. ‹Philanthropos› und ‹philathenaios› gehören nach seiner Ansicht eng zusammen [12], eine Ansicht, die auch Demosthenes teilt [13]. Daß die Hellenen insgesamt ein besonderes Verhältnis zur Ph. hätten, ist eine Vorstellung, die in der antiken Welt seit dem 4. Jh. v.Chr. weit verbreitet war. Noch Cicero schreibt an seinen Bruder Quintus in Kleinasien: Denen, «die die Menschlichkeit (humanitas) nicht nur selbst besitzen, sondern von denen sie auch zu den übrigen Völkern ausgegangen ist ..., sind wir sie auch am meisten schuldig» [14]. Die Akzentuierung des Bildungselements im Ph.-Begriff hatte eine Abschwächung des karitativen Elements zur Folge. Der ‘logos philanthroposʼ ist in klassischer Zeit Teil jenes überlegen-urbanen Verhaltens, das man von einem gebildeten Menschen erwartete [15]. Überdies signalisierte der ‘logos philanthroposʼ eine demokratische Gesinnung (vgl. schon Xenophon, Mem. I, 2, 60) und war deshalb in den demokratischen Stadtstaaten Griechenlands opportun, wie die Bemerkung des Isokrates zeigt, daß diejenigen, die politisch etwas erreichen wollten, darauf achten sollten, «in allem menschenfreundlich zu erscheinen, sowohl in dem, was sie sagen, als auch in dem, was sie tun» [16].
Bei Aristoteles kommt dem Ph.-Gedanken nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Im Rahmen der Freundschafts-Abhandlung der ‹Nikomachischen Ethik› (VIII, 1, 1155 a 16–22) erklärt er zwar, zwischen allen Wesen gleicher Art (besonders aber beim Menschen) bestehe von Natur aus Freundschaft, und er fügt hinzu: «Darum loben wir diejenigen, die menschenfreundlich sind»; aber es handelt sich hier um eine Einzelstelle, die in systematischer Hinsicht wenig Gewicht besitzt. Nicht die Forderung nach allgemeiner Menschenliebe, sondern ein Freundschaftsbegriff, der die Gleichheit der Partner postuliert und dadurch einen stark exklusiven Zug bekommt, steht im Mittelpunkt der politischen Ethik des Aristoteles. Zudem zeigen die Lehre von einem «natürlichen Sklaventum» und die Äußerungen über die verschiedenen «Temperamente» der einzelnen Völker und Rassen [17], daß Aristoteles in seiner politischen Philosophie de facto nicht von der natürlichen Verwandtschaft und prinzipiellen Gleichheit aller Menschen ausgeht. Erst im nacharistotelischen Peripatos findet sich der Gedanke einer allgemeinen Menschenliebe, wie einige Theophrastfragmente belegen [18], doch bleibt auch dann noch der Ph.-Gedanke von untergeordneter Bedeutung. Das ändert sich erst bei dem Theophrastschüler Menander, der die «eine Natur aller» betont [19] und in dessen Komödien der Ph.-Gedanke eine zentrale Rolle spielt [20]. Bei Menander, dessen Werke in der Bearbeitung durch Plautus und Terenz erheblich das römische Ph.-Verständnis beeinflußten, ist der Ph.-Begriff eng mit dem Gerechtigkeitsgedanken verknüpft. In seinen Komödien erscheint häufig der Philanthropos als der Gegentyp zum Dyskolos, jenes stets mißvergnügten und mißtrauischen Zeitgenossen, der sich den Nöten seiner Mitmenschen konsequent verschließt und immer nur den eigenen Vorteil anstrebt [21].
In stoischen Texten erscheint das Wort ‹Ph.› nur selten, dennoch ist die stoische Philosophie wichtig für die Entwicklung des Ph.-Gedankens. Indem die Stoiker die prinzipielle, auf ‘Verwandtschaftʼ beruhende Gleichheit aller Menschen betonen («hominem homini natura conciliat» erklärt Seneca, Ep. mor. 9, 17, im Anschluß an stoische Vorstellungen) und deshalb gegen Aristoteles hervorheben, niemand sei von Natur aus ein Sklave [22], legen sie die Grundlage für ein vertieftes, nationale und soziale Grenzen weitgehend außer acht lassendes Ph.-Verständnis, wie es sich vor allem im Humanitätsbegriff der römischen Stoiker der Kaiserzeit manifestiert und wie es sich deutlich in dem Satz des Seneca ausdrückt, die Humanität «verbiete es, hochmütig zu sein gegenüber den Mitmenschen, verbiete es, geizig zu sein: mit Worten, Taten, Gefühlen erweist sie sich allen als freundlich und zugänglich, von keinem Unglück glaubt sie, es gehe sie nichts an (nullum alienum malum putat)» [23].
Im Späthellenismus wird das Wort ‹Ph.› populär. Seine Bedeutung verflacht zum Teil: als τὰ φιλάνθρωπα werden jetzt etwa auch die durch königliche Erlasse erworbenen Rechte und Privilegien und bestimmte Formen von Zwangsabgaben bezeichnet [24], und schließlich kann τὸ φιλάνθρωπον auch Geschenk und Trinkgeld bedeuten [25]. Unter den spätantiken Autoren des griechisch sprechenden Teils der alten Welt sind Philon von Alexandrien, Themistius und vor allem Plutarch von Bedeutung, in dessen Werk die Begriffe ‹philanthropia› und ‹philanthropos› häufiger erscheinen als bei jedem anderen antiken Autor. Die Skala der Bedeutungen von Ph. reicht bei Plutarch von ‹Höflichkeit› und ‹Großzügigkeit› bis zu ‹Nächstenliebe› (einschließlich der Feindesliebe). ‹Philanthropos› kann bei Plutarch ‘volksfreundlichʼ, ‘demokratisch gesinntʼ heißen, wird aber auch oft in der abgeflachten Bedeutung von ‘nützlichʼ, ‘angenehmʼ, ‘feinʼ benutzt. Auch leblose Dinge, wie Weine und wohlriechende Salben, werden als ‘philanthroposʼ bezeichnet [26]. Nach Plutarch umfaßt die Ph., die an der Spitze der Tugenden steht [27], alle Lebewesen. Tiere soll der Mensch wenigstens deshalb ‘humanʼ behandeln, um sich in der Ph. zu üben [28]. Für Plutarch gehören – wie bei den klassischen griechischen Autoren – Ph., Zivilisation und Hellenismus eng zusammen. Deshalb betont er den Zusammenhang zwischen der alten Gastfreundschaft (φιλοξενία) und Menschenfreundlichkeit (φιλανθρωπία) der Athener und ihren innovatorischen kulturellen Leistungen [29], und deshalb unterscheidet sich für ihn ein hellenisches Gemeinwesen von einem barbarischen durch eine bürgerfreundliche demokratische Verfassung (φιλάνθρωπος πολιτεία: Phil. 8, 1), durch humane Gesetze (νόμοι φιλάνθρωποι: Pyrrh. 1, 4) und durch eine menschenfreundliche Gesinnung seiner Bürger [30]. ‹Philanthropon› (oft verbunden mit δημοτικόν oder κοινόν) steht für ‘volksnahʼ, ‘demokratisch gesinntʼ, aber auch ‘beliebtʼ im Sinne von ‘populärʼ; es bildet den Gegensatz zu ὀλιγαρχικόν und ἄμεικτον[31]. An diesen demokratischen Akzent ist zu denken, wenn Plutarch von dem «vir bonus et honestus» sagt, es sei sein Ziel, «mit den Vielen in zivilisierter und humaner Weise zusammenzuleben» [32].
Das Werk Plutarchs markiert den Höhepunkt und in einem gewissen Sinne auch das Ende des antiken Ph.-Begriffs. Im lateinischen Westen hat längst die römische «humanitas» das Erbe der griechischen «philanthropia» angetreten und in Cicero ihren Plutarch gefunden. Im griechischsprechenden Osten kommt es in der Auseinandersetzung mit christlichen Vorstellungen zu einer entscheidenden Modifikation des paganen Ph.-Begriffs. Es verengt sich der Kreis derer, denen das Prädikat ‹philanthropos› zugesprochen wird (die Ph. wird vorrangig zu einem Attribut Gottes und des Kaisers), und es erweitert sich der Geltungsbereich der Ph.; sie wird zu einem universellen Prinzip, das die Gesamtheit der Lebewesen umfaßt [33]. Philon von Alexandrien etwa, für den Moses das Musterbild des Menschenfreundes ist [34], versteht unter Ph. die «Fürsorge (ἐπιμέλεια καὶ κηδεμονία) für jeden einzelnen und alle Menschen (ἑνὸς ἑκάστου καὶ πάντων ἀνθρώπων[35] und, wie er hervorhebt, für alle anderen Lebewesen [36]. Die entscheidende Veränderung des Ph.-Konzepts findet sich bei Themistius, in dessen Reden, von denen drei sogar im Titel den Begriff ‹Ph.› tragen [37], die Ph. oft zu den Schlüsselthemen zählt [38]. Unter den verschiedenen Formen der Liebe gebührt für Themistius der Ph. der erste Platz [39], und auch unter den Tugenden nimmt sie eine hervorragende Stellung ein [40]. Themistius verknüpft den Ph.-Gedanken eng mit Gott und Kaisertum [41]. Gott und Kaiser besitzen hier eine fast monopolartige Stellung. Themistius hält es für «lächerlich», bei einem «Weber oder Zimmermann» von Ph. zu sprechen [42]; denn Macht und Ph. gehören zusammen: Gott «ist der größte Menschenfreund, weil er das mächtigste aller Wesen ist» [43]. An zweiter Stelle steht der von Themistius mit universellem Machtanspruch ausgestattete Kaiser [44], der das Ziel, Gott ähnlich zu werden (πρὸς θεὸν ἡ ὁμοίωσις) allein dadurch erreichen kann, daß er sich durch menschenfreundliches Verhalten (τὸ εὖ ποιεῖν ἀνθρώπους) hervortut [45]. Aus dem notwendigen Zusammenhang zwischen Kaiseramt und menschenfreundlichem Verhalten und aus dem universellen Machtanspruch, der mit diesem Amt verbunden ist, ergibt sich für Themistius die Pflicht des Herrschers, sich gegenüber allen Völkern und Rassen als Menschenfreund zu erweisen. Wer «rücksichtslos militärische Stärke gegenüber Barbaren demonstriert ..., der macht sich zum Herrscher allein der Römer, wer sich dagegen in der Auseinandersetzung mit ihnen zwar als der Stärkere erweist, sie aber dennoch schont, weiß sich als Herrscher aller Menschen» [46] und wird mit Recht als «philanthropos» bezeichnet (Orat. XXX, 25). Bei Julian, dessen Ph.-Verständnis von Themistius stark beeinflußt ist [47], bildet die Ph. ein wesentliches Element des durch ihn propagierten Versuchs einer Wiederbelebung antik-paganer Religiosität. Aus diesem Grund ermahnt er immer wieder seine Priesterschaft, vor allem die Ph. zu üben, «denn man muß davon ausgehen, daß die von Natur aus menschenfreundliche Gottheit (φύσει φιλάνθρωπον ὂν τὸ θεῖον) diejenigen mehr als andere liebt, die sich menschenfreundlich zeigen» [48]. Für Julian manifestiert sich die Ph., die er im Anschluß an Themistius als ein in erster Linie Gott, Herrscher und Priesterschaft auszeichnendes Attribut auffaßt [49], vorwiegend in der «maßvollen Bestrafung von Gesetzesbrechern» und in der Hilfe für Bedürftige [50]. Mit der Forderung, sich verstärkt um mittellose Menschen zu kümmern, reagiert Julian auf die intensive karitative Tätigkeit der «gottlosen Galiläer», die «neben den ihren auch noch die unsrigen ernähren» (Ep. 84 a; 430 d). Julians Betonung der karitativen Seite der Ph. ist der Versuch, im Ph.-Begriff ein adäquates heidnisches Gegenstück zum christlichen Liebesbegriff (ἀγάπη) zu gewinnen [51].
Das Verhältnis der christlichen Autoren zur Ph. ist uneinheitlich. Im NT, in dem sich «philanthropia» zweimal (Apg. 28, 2 und Tit. 3, 4) und «philanthropos» einmal (Apg. 27, 3) findet, spielt sie nur eine marginale Rolle, und auch von den lateinischen Kirchenvätern wird der Ausdruck «humanitas» meist mit einer gewissen Zurückhaltung gebraucht. Das gilt vor allem für Augustin, der sich bei der Frage nach der «Liebe zum Menschen (Nächsten)» nicht am humanitas-Begriff orientiert, sondern am Begriff des «amor dei». Anders verhält es sich bei den griechischen Kirchenvätern, in deren Texten die Ph. einen hervorragenden Platz einnimmt. Gregor von Nyssa z.B. nennt die Ph. ein «charakteristisches Attribut der göttlichen Natur» [52], und Athanasius führt als Beweis für die «Ph. und Gutheit» Gottes die Menschwerdung des Gottessohnes und seinen Opfertod an [53]. Schon im 5. Jh. deckt sich die Bedeutung des ursprünglich antik-heidnischen Begriffs ‹Ph.› weitgehend mit der Bedeutung des christlichen agape-Begriffs. Darüber hinaus findet die Ph. im gleichen Zeitraum in der Gott charakterisierenden Formel ὁ ἀγαθὸς καὶ φιλάνθρωπος Eingang in die Liturgie der oströmischen Kirche [54].
Rudolf Rehn
[1]
Diog. Laert. III, 98.
[2]
Vgl. S. T. de Ruiter: De vocis quae est φιλανθρωπία significatione atque usu. Mnemosyne 59 (1931) 284f.; vgl. J. Ferguson: Moral values in the anc. world (New York 1959) 107f.
[3]
Vgl. M. Schneidewin: Die ant. Humanität (1897) 13.
[4]
Vgl. Homer: Ilias IX, 255f.; XVII, 669–772; XIX, 300; Od. XIX, 329–331.
[5]
de Ruiter, a.O. [2] 273.
[6]
Vgl. Aischylos: Prom. 8–11. 28–30; Epicharm: VS 23 B 31; Aristophanes: Frieden 392–393.
[7]
de Ruiter, a.O. [2] 277–283.
[8]
Xenophon: Ages. I, 22.
[9]
Mem. 1, 2, 60.
[10]
Diog. Laert. II, 70.
[11]
Isokrates: Orat. IV, 28f.
[12]
Vgl. Ep. V, 2; Orat. II, 15.
[13]
Demosthenes: Orat. XX, 109; XXI, 12; XXV, 87.
[14]
Cicero: Ad Quint. I, 1, 27.
[15]
Vgl. z.B. Aischines: Orat. II, 39.
[16]
Isokrates: Orat. XV, 132; vgl. auch Demosthenes: Orat. XXIII, 165; XLI, 2.
[17]
Aristoteles: Pol. I, 3, 1254 a 14f.; 1255 a 2; VII, 7, 1327 b 22–25.
[18]
Theophrast: Περὶ εὐσεβείας, hg., übers., eingel. W. Pötscher (Leiden 1964) Frg. 12. 20.
[19]
Menander: Frg. 475.
[20]
Vgl. B. Snell: Die Entdeck. des Geistes (21948) 241f.; R. D. Lamberton: Philanthropia and the evolut. of dramat. taste. Phoenix 37 (1983) 95.
[21]
Lamberton, a.O. 100f.
[22]
SVF III, 352.
[23]
Seneca: Ep. mor. 88, 30.
[24]
Hierzu de Ruiter, a.O. [2] 288–295; U. Wilcken: Griech. Ostraka aus Ägypten und Nubien 1. 2 (1899) 1, 409f.
[25]
de Ruiter, a.O. [2] 293; Snell, a.O. [20] 241.
[26]
Plutarch: Vitae parall. Agis et Cleom. 13, 3; Lyc. 16, 6f.
[27]
An seni sit ger. resp. 1, 783 E.
[28]
Cato maior. 5, 5.
[29]
Cim. 10, 5f.
[30]
Flam. 5, 5; Lyc. 16, 6f.; Aem. 37, 2; Cic. 47, 7.
[31]
Nic. 11, 2; Ages. 1, 3; Cato min. 50, 2; Publ. 4, 4.
[32]
Praec. ger. rem publ. 31, 823 B.
[33]
D. J. Constantelos: Philanthropia as an imper. virtue in the Byzant. empire of the tenth cent. Angl. theol. Rev. 44 (1962) 352f.
[34]
Philo Alex.: De virt. 51. 175.
[35]
a.O. 52.
[36]
160.
[37]
Themistius: Orat. I. VI. XIX.
[38]
G. Downey: Philanthropia in religion and statecraft in the fourth cent. a. C Historia 4 (1955) 201; L. J. Daly: Themistius' concept of Philanthropia. Byzantion 45 (1975) 24.
[39]
Themistius: Orat. VI, 76 c–d.
[40]
I, 5 c; XI, 146 c–d; XIX, 226 d–227 a.
[41]
I, 5 c; XI, 146 c–d; vgl. Downey, a.O. [38] 201; R. Laqueur: Das Kaisertum und die Ges. des Reiches, in: Probleme der Spätantike (1930) 14.
[42]
I, 6 c.
[43]
IX, 126 c.
[44]
Vgl. hierzu Daly, a.O. [38] 32–35.
[45]
Themistius: Orat. VI, 78 d–79 a; vgl. auch VIII, 107 a; X, 139 a; XV, 188 b; XIX, 226 d–227 a.
[46]
X, 131 d–132 a; vgl. XV, 191 a.
[47]
J. Kabiersch: Unters. zum Begr. der Ph. bei dem Kaiser Julian (1960) 14f.
[48]
Julianus Imp.: Ep. 89 b. 289 b.
[49]
Orat. I, 7 b. 16 b. 20 d; Ep. 89 b.
[50]
Ep. 89 b. 289 b–c.
[51]
Ep. 84 a. 429 d; 89 b. 305 b–d.
[52]
Gregor Nyss.: Orat. catechet. XV.
[53]
Athanasius Alex.: De incarn. verbi 1, 3.
[54]
Downey, a.O. [38] 204f.
M. Schneidewin s. Anm. [3]. – R. Reitzenstein: Werden und Wesen der Humanität im Altertum (1907). – S. Lorenz: De progressu notionis φιλανθρωπίας (1914). – E. Hoffmann: Der pädag. Gedanke bei den Sophisten und Sokrates. Neue Jb. Altertum 6 (1930) 59–68. – S. T. de Ruiter s. Anm. [2]. – U. Galli: Il conc. di φιλάνθρωπον sec. la Etica di Aristotele. Atene e Roma 12 (1931) 243–253. – R. Harder: Nachträgliches zur Humanitas. Hermes 69 (1934) 64–74. – H. Bolkestein: Wohltätigkeit und Armenpflege im vorchristl. Altertum (1939). – F. Wehrli: Vom ant. Humanitätsbegr. (1939). – H. Reiner: Humanitas. Sammlung 4 (1949) 684–694. 734–742; 5 (1950) 92–102. 208–215. – F. Beckmann: Humanitas. Ursprung und Idee (1952). – F. Normann: Die von der Wurzel φιλ- gebild. Wörter und Vorst. von der Liebe im Griech. (Diss. 1952). – G. Downey s. Anm. [38]. – F. Ferguson s. Anm. [2]. – J. Kabiersch s. Anm. [47]. – H. I. Martin: The conc. of Philanthropia in Plutarch's Lives. Amer. J. Philology 82 (1961) 164–175. – D. J. Constantelos s. Anm. [33]. – L. J. Daly s. Anm. [38]. – R. D. Lamberton s. Anm. [20]. – J. Moles: Philanthropia in the Poetics. Phoenix 38 (1984) 325–335.
3. Geschichte des Begriffs: Neuzeit. – Der Begriff ‹Ph.› erhält erst durch die pädagogische Reformbewegung des Philanthropismus in der 2. Hälfte des 18. Jh. wieder programmatische Bedeutung. Vorher wird er im deutschen Sprachraum meist in unscharfer Bedeutung und synonym mit ‹(allgemeiner) Menschenliebe› verwendet, sei es zur Bezeichnung «der Liebe, die menschen gegen mitmenschen haben,» oder als Begriff für die Liebe Gottes zu den Menschen [1]. Die deutsche Aufklärungsphilosophie erhebt die Menschenliebe – im Sinne der von der Nächstenliebe (s.d.) kaum zu unterscheidenden Liebe der Menschen zu den andern Menschen – zu einem ihrer zentralen Begriffe; er dient sowohl zur Beschreibung der Wesensbestimmung des Menschen wie auch zur Formulierung seiner ethischen Pflicht. Diese Doppeldeutigkeit zeigt sich exemplarisch etwa bei Ch. Thomasius: Auf der einen Seite gilt zwar der anthropologische Befund, «daß das Wesen des Menschen mehr in einer Liebe anderer Menschen, als in einer so genannten Selbstliebe bestehe» [2], aber da der Mensch nicht nur zu «vernünftiger», sondern auch zu «unvernünftiger» Liebe fähig sei, müsse er – und damit kommt die andere, die normative Seite ins Spiel – die eine Liebe von der andern zu unterscheiden und der vernünftigen Liebe zu andern zu folgen wissen – ein Ziel, von dem nichts geringeres abhänge als die Erreichung der «Gemütsruhe» und mithin der Glückseligkeit [3].
Worin aber besteht die «vernünftige Liebe»? Wie jede Liebe, zu der der Mensch als Mensch – im Unterschied zu Gott, den Tieren, den Pflanzen und den leblosen Dingen – fähig ist, ist sie zunächst das «Verlangen des menschlichen Willens, sich mit demjenigen, das der menschliche Verstand für gut erkennet hat, zu vereinigen oder in dieser Vereinigung zu bleiben» [4]. Diese Vereinigung hat jedoch ein anderes Ziel, je nachdem, ob die Liebe sich auf Gott, die andern Menschen, oder auf die «geringeren Geschöpfe» richtet: In bezug auf Gott «weist uns auch das schwache Liecht der Vernunfft ... daß wir unsern Willen dem seinigen unterwerfen» sollen; in bezug auf die niedrigeren Geschöpfe, «daß sie unserem Willen unterworfen seyn, das ist, daß wir sie nach unserem Gefallen zu unserem und anderer Nutzen gebrauchen» [5]. Die vernünftige Liebe aber zu den anderen Menschen muß, da diese mit uns gleichen Wesens sind, eine Vereinbarung intendieren, bei der «keiner über den andern sich einer Botmässigkeit anmaße, sondern beyde Wechselweise aus freyem Willen dasjenige wollen, was das andere will» [6]. «Alles was Tugend heißt sind Neben-Affecten oder Bächlein, die aus der vernünftigen Liebe als aus einem Brunnquell ausfliessen, vornemlich aber gehören hieher: Sanfftmuth, Grossmuth und Barmhertzigkeit» [7]. Jede andere Art von Liebe aber, die einen andern Zweck als den der Gleichheit hat – die «Liebe der stolzen Ehre und Ruhms», «die Liebe der sinnlichen Lüste oder Wollust» und die «Liebe des Geldes und der Creaturen, die unter den Menschen sind» – ist unvernünftig; aus ihr fließen die «Irrtümer und Laster» [8].
Zum Grundprinzip des Naturrechts wird die Menschenliebe auch bei Ch. Wolff und Ch. A. Crusius. Um unserer eigenen Lust und unseres eigenen Vergnügens willen sind wir, wie Wolff argumentiert, «verbunden des andern Glückseligkeit zu wollen ... und also ... auch verbunden den andern zu lieben» [9]. «Und diese Liebe treibet eben den Menschen an des andern seine Wohlfahrt zu befördern, so viel ihm möglich ist». Sie verbindet ihn, «jedermann Freund, niemanden aber Feind zu seyn» [10]. Die Gleichsetzung von Menschenliebe mit der christlichen Nächstenliebe zeigt sich noch deutlicher bei Crusius, der die allgemeine Menschenliebe aus der Liebe Gottes zu den Menschen begründet: «Wir sind ... schuldig, alle Menschen darum, weil sie von Gott geliebet, und als letzte Endzwecke ... angesehen werden, vermöge der Liebe, welche wir Gott schuldig sind, ebenfalls wahrhaftig zu lieben» [11]. Menschenliebe (einschließlich der Liebe zu den Feinden) ist daher «die höchste Pflicht des natürlichen Rechtes» [12]. Menschenliebe, Menschenfreundschaft oder «Menschlichkeit» sind aber, wie J. G. Herder in seiner Exegese von Röm. 13, 8 aufzeigt, nicht nur «Regungen, die eigentlich den Grund unseres Herzens, die das Gewebe unserer Natur ausmachen», sondern auch «die Erfüllung des Gesetzes des Christentums», während «alle Verbote des Gesetzes als Verbote des Menschenhasses» verstanden werden können [13].
Zum Leitbegriff wird die Menschenliebe in der pädagogischen Bewegung des sogenannten «Philanthropismus» oder «Philanthropinismus», wie sie aufgrunddes 1744 von J. B. Basedow in Dessau gegründeten «Philanthropinums, einer Schule der Menschenfreundschaft und guter Kenntnisse für Lernende und junge Lehrer» [14] genannt wurde. «Alle Menschen», so formuliert Basedow die Grundvoraussetzung dieser Bewegung, «haben einen angeborenen Trieb der Menschenliebe: 1. Ein Mitleiden bei dem Schmerz und Elend anderer, 2. eine Mitfreude über ihr Glück und ihr Vergnügen, 3. eine vorzügliche freundschaftliche Liebe zu einigen» [15]. In emphatischer Weise stellt J. Iselin in seinen ‹Träumen eines Menschenfreundes› eine sittliche Welt vor Augen, die auf dem Grundprinzip der menschenfreundlichen Gesinnung beruht und Freundschaft, Freude an der Glückseligkeit und Vollkommenheit der anderen sowie deren Förderung zum Ziele hat. In den nicht weniger emphatisch gehaltenen ‹Philanthropischen Aussichten› hat Iselin den Begriff der Menschenliebe noch etwas differenziert: Äußerungsformen der Menschenliebe sind etwa «Wohltätigkeit» und «Sympathie», und «alle diese Triebe und Empfindungen sind wieder Quellen eines neuen Vergnügens» [16]. Er unterscheidet dabei zwischen allgemeiner Menschenliebe – «der Trieb wohlzutun ist allgemein und uneingeschränkt» – und der besonderen Liebe, die sich an der beschränkten Kraft und dem beschränkten Wirkungskreis des Einzelnen orientiert [17]. Pädagogische Bedeutung erlangt das Prinzip der Menschenliebe auf Grund der Annahme, daß der «angeborene Trieb» der Menschenliebe in seiner ursprünglichsten Form «Sympathie» nur schwach ist und «durch besonderen Reiz zur Liebe, durch Beispiel und durch Sittenlehre oder Religion gestärkt» werden muß [18]. Aus Menschenfreundschaft hat der Erzieher daher zur Menschenliebe zu erziehen, die, wenn sie ausgebildet ist, zur «vorzüglichsten Quelle [der] eigenen Glückseligkeit wird» [19]; denn die Erfüllung des Wunsches anderer ist «unser eigenes Vergnügen, und also ein Theil unserer eigenen Wohlfahrt» [20]. Je größer der Kreis der Menschen ist, an deren Wohl uns liegt, um so größer das Glück. Entgegen dem Vorwurf F. I. Niethammers[20a], die Philanthropisten hätten ihre Zöglinge nur zum Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft vorbereiten wollen, war ihnen erklärtermaßen die Liebe zum menschlichen Geschlecht wichtiger als die «Liebe zum Vaterland», zur «Nachbarschaft» oder «zur Familie» [21].
Nach I. Kant darf die von uns geforderte «Menschenliebe (Philanthropie)» [22] nicht «als Lust an der Vollkommenheit anderer Menschen, nicht als Liebe des Wohlgefallens» verstanden werden, «(denn Gefühle zu haben, dazu kann es keine Verpflichtung durch Andere geben), sondern muß als Maxime des Wohlwollens (als praktisch) gedacht werden, welche das Wohlthun zur Folge hat» [23]. Ein «Menschenfreund (Philanthrop)» heißt nach Kant der, «welcher am Wohlsein (salus) der Menschen, so fern er sie blos als solche betrachtet, Vergnügen findet», Menschenfeind – «Misanthrop in praktischem Sinne» – dagegen, wem «nur wohl ist, wenn es Anderen übel ergeht» [24]. J. G. Fichte setzt in seiner ‹Anweisung zum seligen Leben› der landläufig verstandenen Menschenliebe, die er polemisch als «gut sein und alles gut sein lassen» bestimmt, eine «religiöse Menschenliebe» entgegen, die aus der «Liebe Gottes» entspringt [25]. Die landläufige Menschenliebe nennt Fichte eine «absolute Flachheit und innere Zerflossenheit eines Geistes, der weder zu lieben vermag, noch zu hassen»; wer jedoch religiös die Menschen liebe, kümmere sich nicht um «die sinnliche Glückseligkeit des Menschengeschlechts, und er will kein Glück für dasselbe außer in den Wegen der göttlichen Ordnung» [26]. Im Unterschied zur Liebe des unsittlichen Menschen, der nur sein Ich liebt, ist, nach der ‹Sittenlehre› von 1812, die Liebe als «zweiter Grundzug eines sittlichen Characters» eine «allgemeine Menschenliebe»: Der Sittliche liebt «die gesamte Menschheit, und insbesondere die Glieder derselben, mit denen er in Beziehung kommt, für die er schon gehandelt und gewirkt hat» [27].
Für A. Schopenhauer ist die Menschenliebe neben der Gerechtigkeit eine der beiden «Kardinaltugenden», aus der sich die übrigen Tugenden ableiten lassen [28]. Hegel freilich sieht in einer solchen umfassenden Menschenliebe «ein Abstractum»: «Die Menschen, die man lieben kann ..., sind einige Besondere: das Herz, das die ganze Menschheit in sich einschließen will, ist ein leeres Aufspreizen ... zum Gegentheil der wirklichen Liebe» [28a]. Er bringt sie in eine direkte und unmittelbare Abhängigkeit von seiner ethischen Grundkategorie, dem Mitleid (s.d.). Als Trieb ist sie angeboren [29]; theoretisch gefaßt wurde sie im NT [30]. Allein in der Menschenliebe (Mitleid) kann ich mich mit einem anderen identifizieren; dennoch sind, wie Schopenhauer zugesteht, nicht wenige menschenfreundliche Handlungen egoistisch motiviert. Für F. Nietzsche ist die Verwirklichung der Utopie der allgemeinen Menschenliebe, «ein qualvoller und lächerlicher Zustand» [31] und, wie die Nächstenliebe, ein Ausdruck von Schwäche, christlicher «Décadence». Nietzsche stellt dieser Art von Liebe die «echte Menschenliebe» entgegen, die das «Opfer zum Besten der Gattung» verlangt, während das auf Menschenliebe gegründete Christentum «diese Pseudo-Humanität, ... gerade durchsetzen» wolle, «daß niemand geopfert wird ...» [32]. In Nietzsches Nachfolge spricht L. Klages von Entartung zum «liebetödlichen Gespenst einer allgemeinen ‘Menschenliebeʼ» [33]. M. Scheler will die christliche Nächstenliebe und die allgemeine Menschenliebe streng voneinander unterschieden wissen. Die Menschenliebe habe die Förderung des sog. Gesamtwohls des Kollektivums Menschheit im Blick; sie habe ihre deutlichste Ausprägung im Positivismus gefunden und beruhe insgesamt auf «altruistischen» Regungen. Die christliche Nächstenliebe dagegen richte sich an das Individuum, die Person; der Liebende begreife sich in der Nächstenliebe als Teil des Gottesreiches. «Aus dieser tiefsten und innersten Verschiedenheit der Tatsachen und Begriffe der christlichen Liebe und der allgemeinen Menschenliebe läßt sich – was Nietzsche ganz entgangen zu sein scheint – verstehen, daß im Namen der modernen Menschenliebe toto coelo verschiedene Forderungen ergangen sind als im Namen der christlichen Liebe» [34].
Insgesamt wieder zu neuen Ehren gebracht wurde die allgemeine Menschenliebe von L. Nelson und den Neukantianern. Menschenliebe als «allgemeines Wohlgefallen an den Menschen» wäre nach Nelson ein «fantastisches Ideal», als allgemeines Wohlwollen dagegen, als «das Bestreben, den Menschen die Möglichkeit zu verschaffen, durch Selbsttätigkeit ihre wahren Interessen zu befriedigen», ein erstrebenswertes ethisches Ideal, das über die reine «Gerechtigkeitsliebe» hinausgeht; denn die Anforderungen der Menschenliebe verlangen nicht nur, «daß den Menschen kein Unrecht geschieht», sondern daß sie «positiv zu einem wertvollen Leben gelangen» [35]. Ähnlich wie Nelson und im unmittelbaren Anschluß an Kant unterscheidet H. Cohen zwischen einer «schwärmenden Ethik», die auf die «Liebe zum Menschen» als Gefühl, als «Rührung» abstellt, und der moralisch gebotenen «Pflicht zum Wohltun» [36]. Menschenliebe sei zwar, wie Kant sage, eine große moralische «Zierde» der Welt, aber sie könne «die Pfeiler des Sittengesetzes in der Menschenwelt nicht ersetzen» [37].
Diese Wiederbelebung des Begriffes ‹Menschenliebe› hat jedoch nicht verhindern können, daß Wörter wie ‹Menschenliebe› oder gar ‹Ph.› in der Philosophie des 20. Jh. ins Abseits gerieten oder ihre Bedeutung an von alters her verwandte Begriffe wie ‹Menschlichkeit› und ‹Caritas› abgetreten haben. Der mit ihnen verbundene ethische Grundgedanke hat jedoch kaum an Bedeutung verloren. Er ist in zeitgemäßer Formulierung durchaus noch gegenwärtig, wie etwa die von W. Kamlah postulierte «praktische Grundnorm» – «Beachte, daß der Andere ein bedürftiger Mensch ist wie du selbst, und handle demgemäß!» [38] – auf exemplarische Weise zeigt.
Anton Hügli
Daniel Kipfer
[1]
Ch. E. Steinbach: Vollst. Deutsches Wörter-Buch (1734, ND 1973); vgl. auch: J. H. Zedler: Großes vollst. Univ.-Lex. aller Wiss.en und Künste 20 (1739, ND 1961) 761; 27 (1741, ND 1961) 1799.
[2]
Ch. Thomasius: Einl. zur Sittenlehre (1692, ND 1968) 157.
[3]
Vgl. a.O. 163ff; Ausübung der Sittenlehre (1692, ND 1968) 133.
[4]
Einl., a.O. [2] 159.
[5]
a.O. 162.
[6]
161.
[7]
Ausübung, a.O. [3] 139.
[8]
a.O. 134.
[9]
Ch. Wolff: Vernünfftige Gedancken von der Menschen Thun und Lassen ... (1720, 41733). Ges. Werke I/4, hg. H. W. Arndt (1976) 545.
[10]
a.O. 546f.
[11]
Ch. A. Crusius: Anweisung vernünftig zu leben (1744, ND 1969) 444.
[12]
a.O. 531f.
[13]
J. G. Herder: Menschenliebe als die Erfüllung des Gesetzes des Christentums. Sämmtl. Werke, hg. B. Suphan 32 (1899, ND 1968) 403. 405.
[14]
J. B. Basedow: Das in Dessau errichtete Philanthropinum ... (1744).
[15]
Elementarwerk (1744), zit. hg. Th. Fritzsch (1909) 1, 134.
[16]
J. Iselin: Philanthrop. Aussichten redlicher Jünglinge (1775) 11.
[17]
a.O. 17; vgl. auch: Philanthrop, und patriot. Träume eines Menschenfreundes (31762) 27ff.
[18]
Basedow: Prakt. Philos. für alle Stände (21777) 104; vgl. Th. Abbt: Vom Verdienste (21766, ND 1978) 176ff.
[19]
Elem.werk, 2. Bd. (1774) 287, a.O. [15] 1, 484.
[20]
Elem.werk, 2. Stück (1770) 240, a.O. 165.
[20a]
F. I. Niethammer: Der Streit des Philanthropismus und Humanismus in der Theorie des Erz.unterrichts unserer Zeit (1908).
[21]
a.O. [18] 106.
[22]
I. Kant: Metaph. der Sitten, Tugendlehre § 26. Akad.-A. 6, 450.
[23]
§ 25, a.O. 449; ähnlich schon: Th. Abbt: Vom Verdienste (21766, ND 1978) 176f.
[24]
§ 26, a.O. 450.
[25]
J. G. Fichte: Die Anw. zum sel. Leben (1806) 10. Vorles. Werke, hg. F. Medicus 5 (1962) 258.
[26]
a.O.
[27]
Sittenlehre (1812), a.O. 6 (1962) 92.
[28]
A. Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik. Sämtl. Werke, hg. A. Hübscher 4 (1950) 213.
[28a]
G. W. F. Hegel: Jub.-A., hg. H. Glockner 15 (1959) 292; vgl. später auch: N. Berdiajew: Von der Bestimmung des Menschen (1935) 260f.
[29]
a.O. 251.
[30]
226ff.
[31]
F. Nietzsche: Morgenröte 147. Werke, hg. K. Schlechta 1 (1955) 1116.
[32]
Nachlaß, a.O. 3 (1955) 800.
[33]
L. Klages: Sämtl. Werke, hg. E. Frauchiger u.a. 3 (1974) 405.
[34]
M. Scheler: Ges. Werke 3 (41955) 100.
[35]
L. Nelson: Ges. Schr., hg. P. Bernays u.a. 5 (1970) 262f.
[36]
H. Cohen: Ästhetik des reinen Gefühls (1912). Werke 8, hg. G. Wolandt (1982) 206f.; Kants Begründung der Ethik (21910) 333.
[37]
Kants Begr. der Eth., a.O.
[38]
W. Kamlah: Philos. Anthropol. (1973) 103.