Präsentismus (engl. presentism). ‹P.› ist ein Terminus aus der Theorie der Geschichtswissenschaft. Er wurde wohl 1950 zum ersten Mal von dem amerikanischen Historiker
Ch. McArthur Destler verwendet, der als «subjectivist-relativist-presentism» die Auffassung kennzeichnet, daß wissenschaftliche Objektivität für den Historiker nicht erreichbar sei, vielmehr alle Geschichtsschreibung subjektiv und relativ und der gesamte Forschungsprozeß durch die Gegenwart des jeweiligen Historikers bestimmt sei
[1].
Schon im 19. Jh. zeigt sich in der Reflexion der Historiker auf ihre Wissenschaft eine Konkurrenz zwischen denen, die wie
L. Ranke zu erkennen beanspruchen, «wie es eigentlich gewesen» ist
[2], und denen, die es wie
B. G. Niebuhr für das «allgemeine Los» der Historiker halten, «nicht unabhängig von ihrem Zeitalter zu sein»
[3].
J. G. Droysen spricht in seiner ‹Historik› von «Vorstellungen
und Erinnerungen, deren Zusammenfassung und Gegenwärtigkeit unser Ich umschließt und bestimmt»
[4]. Diese zweite Denkrichtung radikalisiert
B. Croce, dem «jede wahre Geschichte Geschichte der Gegenwart ist»
[5]. Croces entschiedene Gegenwartsfixierung der Geschichte wirkt in die Anfänge der amerikanischen Theoriediskussion hinein, beginnend mit der ‘New Historyʼ seit 1904
[6].
C. L. Becker etwa formuliert seine Reserven gegenüber dem Positivismus programmatisch mit dem Hinweis, daß «jedermann sein eigener Historiker» sei
[7].
W. James und
J. Dewey greifen dies auf, und Dewey formuliert: «das begriffliche Material, das der Geschichtsschreibung zur Verfügung steht, ist das der Epoche ihrer Abfassung, ... Leitgedanken und Hypothesen» des Historikers stammen aus «der historischen Gegenwart»
[8].
Ch. Beard spitzt extrem zu: «Geschichtsschreibung sei bloßes Glaubensbekenntnis» des Historikers
[9]; seine Forderung heißt: «history as past actuality»
[10].
Nach der nicht fortwirkenden Vorwegnahme durch den deutschen Expressionisten
R. Hausmann, für den der «Presentismus» zum Ziel hat, «die entsprechenden Wirklichkeiten des geistigen Lebens ... auf den Stand der Gegenwart zu bringen»
[11], übernimmt
McArthur Destler den Begriff in die Geschichtswissenschaft. Seinen Betrachtungen zur historischen Theorie in den USA ging jedoch schon eine Kritik des lange unbefragt geltenden P. voraus
[12].
Nach Deutschland gelangte der Begriff durch
J. Vogt, der ‹P.› als den Terminus einführt, mit dem «man in Amerika die Vergegenwärtigung der Vergangenheit» bezeichne
[13]. Trotz dieser Anregung und der lexikalischen Erfassung des Begriffs ‹P.› als «Auffassung, daß sich der Wert alles Geschichtlichen durch seine Gegenwartsbezogenheit bestimmt»
[14], wird zwar das Problem diskutiert, jedoch ohne Aufnahme des Terminus
[15]. Marxistische Historiker leisten in Europa die erste Auseinandersetzung mit dem P. Für sie fällt der P. unter das Verdikt des Relativismus.
I. S. Kon anerkennt, daß «präsentistische Methodologie als analytisches Instrument brauchbar» sei
[16]; P. ist aber für ihn, wie für
A. Loesdau und
A. Schaff[17], abzulehnen, weil letztlich «die Geschichte als Projizierung modernen Denkens und moderner Interessen in die Vergangenheit» lediglich subjektivistisch sei
[18]. Die weitere Aufnahme des Begriffs im deutschen Sprachraum ist negativ, zeigt jedoch seine zunehmende Bedeutung auf.
J. Hennig kritisiert den P. scharf als Verabsolutierung der Gegenwart, der die «Geschichte ... auf das beschränkt oder konzentriert, ... was uns noch angeht»
[19], und für
W. Hübener sind «systemversessene Präsentisten» und «ihr dogmatischer P.» – hier nimmt er Bezug auf Droysen – auf die Jetztzeit fixiert: sie «kann nur interessieren, was noch ist ...»
[20].
Diese Kritik, die dem P. historische Kompetenz insgesamt abspricht, bleibt in den USA bisher erfolglos. Hier wirken Begriff und Inhalt, wenn auch kritisch reflektiert, breit fort
[21].
E. N. Saveth, der den Entwicklungszusammenhang zwischen der ‘New Historyʼ und der Diskussion der sechziger Jahre dokumentiert, nennt die Frage nach der «Relevanz» (der Geschichte) das «verbindende Thema»
[22]. P. sei zudem «notwendig für die historische Forschung»
[23], weil er die sozialen Ursachen der Geschichte recht bewerte. Er sei für jeden Historiker Fundament seiner Arbeit, lege offen, «daß die Unterscheidung zwischen Faktum und Interpretation im geschriebenen Geschichtswerk nicht mehr durchschaubar» sei
[24]. P. ist notwendig für den Historiker
«sowohl bei der Rekonstruktion des Vergangenen» als auch «bei der Darstellung für den Leser»
[25]; er fordert die Reflexion des hermeneutischen Ortes des Historikers und opponiert durch seine Relativierung jeden Objektivitätsanspruchs dem reflexionslosen Positivismus
[26].