Schriftsinn, mehrfacher. Mit der Lehre von der Auslegung nach einem m.Sch. wird vorausgesetzt, daß der buchstäbliche Sinn eines Textes nicht schon die gesamte vom Autor beabsichtigte Aussage enthält oder aber der Verstehenssituation eines späteren Rezipienten nicht mehr genügt, so daß über die wörtliche Bedeutung eines Textes hinaus nach einem weiteren Sinn gefragt werden muß. Die Interpretation nach einem m. (d.h. mehr als wörtlichen) Sch. will die Aporien vermeiden, die sich durch die historische Differenz von religiös-kulturellen Überlieferungen und neuen Rezeptionsbedingungen ergeben, wenn die tradierten Texte ihre Autorität insgesamt behaupten, jedoch gleichzeitig in ihrem wörtlichen Sinn mehr und mehr verstummen. Der Theorie eines m.Sch. entspricht als exegetische Methode die Allegorese, die nach dem Grundsatz «aliud dicitur, aliud significatur» («das eine wird gesagt, etwas anderes bezeichnet») verfährt, und zwar nicht nur dort, wo der auszulegende Text die rhetorische Figur der zur Allegorie erweiterten
Metapher enthält, sondern auch überall dort, wo der Text selbst – bei historisch-kritischer Beurteilung – nur in seinem wörtlichen Sinne verstanden sein will. Die allegorische Exegese bildet von der Antike bis über die Reformationszeit hinaus eine Hauptform der Auslegung der Heiligen Schrift und ist daher historisch und sachlich zunächst der christlichen Bibelhermeneutik zuzuordnen, hat aber auch Vorläufer in der heidnischen Antike und der hellenistisch-jüdischen Geisteswelt.
In der griechischen Antike entsteht das Bedürfnis der Auslegung der älteren Dichtung (
Homer, Hesiod)
[1] in einem anderen Sinne als nur dem buchstäblichen dadurch, daß neue religiöse und ethische Überzeugungen die überlieferte Mythenwelt in Frage stellen. Bereits im 6. Jh. v.Chr. werden die homerischen Epen, deren Göttererzählungen fragwürdig geworden sind, allegorisch gedeutet (zuerst durch
Theagenes von Rhegion); die damit begründete Tradition gipfelt in der stoisch geprägten Schule von Pergamon, deren Exegese wir aus zwei Werken des 1. Jh. n.Chr. kennen, der sogenannten homerischen Theologie des
L. Annaeus Cornutus[2] und den homerischen Allegorien des (
Ps.-)Herakleitos[3]. Nach der stoischen Dichterallegorese enthält der buchstäbliche Sinn des Textes nicht die ganze Aussage des Dichters, sondern «der volle Ertrag aus der Lektüre Homers ist demjenigen vorbehalten, der zum tieferen Sinne vordringt. Dieser Sinn, der unter dem litteralen Sinn verborgen ist, wird mit
ὑπόνοια bezeichnet»
[4]. Der Begriff
ἀλληγορία setzt sich für diese Exegese erst in hellenistischer Zeit durch und löst den vorher üblichen Terminus
ὑπόνοια ab.
Die Methoden, mit denen die pergamenische Schule die Homerrezeption vollzieht, werden im hellenistischen Judentum durch
Philon von Alexandria[5] auf das AT übertragen. Philon übernimmt dabei von der Stoa die doppelte Ausrichtung der Allegorese auf physikalisch-kosmologische und ethische Auslegungen. So deutet er z.B. das Körbchen der Aussetzung Moses physikalisch wegen seiner Form als Zeichen mathematischer Gesetzlichkeiten und in ethisch ausgerichteter Allegorese wegen seines Inhaltes (es trägt den Gesetzgeber) als Zeichen des Gesetzes
[6]. Durch regelmäßige Anwendung bestimmter Auslegungstechniken (Etymologie, Zahlensymbolik) sucht Philon die Allegorese methodisch zu festigen.
Mit dem NT verändert sich die hermeneutische Situation grundlegend, da der Glaube an Christus nun die Voraussetzung für ein allegorisch-typologisches Verständnis des AT bildet, das in den Überlieferungen des Alten Bundes Präfigurationen des von Christus vollzogenen Heilsgeschehens sieht. Die allegorisch-typologische Methode wird im NT benutzt und mit dem Allegoriebegriff bezeichnet, insofern
Paulus im Galaterbrief (4, 24) die Frauen Abrahams, Sara und Hagar, als Zeichen der beiden Testamente deutet und diese Auslegung mit
ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα (Vulgata: «quae sunt per allegoriam dicta», «was sinnbildlich gesagt ist») kommentiert
[7].
Zu einer systematischen Lehre vom m.Sch. wird die Allegorese bei
Origenes[8] entfaltet, der seine hermeneutische Methodik auf den Gedanken gründet, die Struktur der biblischen Offenbarung stehe in Analogie zur Seinsordnung und zum Wesen des Menschen: Der ontologischen Trichotomie von Leib, Seele und Geist entspricht ein dreifacher Sch., mit dem zwischen somatischer (buchstäblicher, historisch-wörtlicher), psychischer (moralischer) und pneumatischer (allegorischmystischer)
Exegese unterschieden wird
[9]. Trotz verschiedener Reaktionen gegen die allegorische Exegese, von denen die Gegenposition der Antiochener (
Diodor von Tarsos, Theodor von Mopsuestia u.a.)
[10] zur alexandrinischen Schule
[11] besonders hervorzuheben ist, setzt sich die seit Origenes systematisierte Lehre vom dreifachen Sch. durch. Die mittelalterliche Bibelhermeneutik kann sich für die triadische Stufung der Sch.e auf das einflußreiche Werk ‹Moralia in Iob›
Gregors des
Grossen[12] berufen, der mit seiner exegetischen Theorie und Praxis die wörtliche Erklärung des biblischen Berichtes (historica expositio), die heilsgeschichtlich-allegorische, auf die Gegenstände des Glaubens, vor allem auf Christus und die Kirche, bezogene Auslegung (allegoria; typica investigatio) und die moralische Allegorese (allegorica moralitas) fordert und selbst durchfuhrt
[13].
Im Übergang von der christlichen Spätantike zum Mittelalter bestehen verschiedene Dreier- und Vierergruppen des m.Sch., von denen die Gliederung in folgende vier Stufen in Theorie und Praxis der Bibelexegese weiteste Verbreitung gefunden hat
[14]: 1. Historia (littera): Der «sensus litteralis» ist der buchstäbliche Sinn im Unterschied zur spirituellen Bedeutung, die ihrerseits in mehrere Sch.e unterteilt wird; die «historia» ist der Bericht über biblische Personen und Ereignisse in ihrem realen historischen Kontext. Als Fachtermini der Exegese werden ‹historia› und ‹littera› weithin synonym gebraucht, so daß mit beiden Begriffen einheitlich das in der Bibel im wörtlichen Sinne Ausgesagte bzw. Berichtete bezeichnet wird. Obwohl der wörtliche Sinn als unentbehrliche Basis der christlichen Schriftauslegung allgemein anerkannt wird, liegen die geschichtlichen Differenzen zwischen verschiedenen Autoren und Epochen der Bibelhermeneutik von der Antike bis zur Reformationszeit vor allem in der verschiedenen Akzentuierung des Vorrangs von wörtlichem oder spirituellem Sinn. – 2. Allegoria: Der Begriff der Allegorie wird, wie
Thomas von Aquin bemerkt
[15], nicht nur für den Gesamtbereich des spirituellen Schriftverständnisses gebraucht, sondern auch für eine einzelne Stufe des vierfachen Sch. («allegoria sumitur aliquando pro quolibet mystico intellectu; aliquando pro uno tantum ex quatuor»). In diesem engeren Sinne bezeichnet ‹allegoria› in der Regel die heilsgeschichtliche, auf Christus und die Kirche bezogene Bedeutung. Wenn der Bedeutungsträger dieses allegorischen Sinnbezugs der vorchristlichen Welt des AT entstammt, während das ‹significatum› dem NT bzw. der christlichen Welt zugeordnet ist, liegt das Deutungsschema der Typologie
[16] vor, das Personen, Dinge und Ereignisse der Zeit vor Christus als Präfigurationen (typus, praefiguratio) von Ereignissen und Sachverhalten aus der mit der Inkarnation Christi eingeleiteten Heilszeit versteht. – 3. Tropologia (moralis intellectus): Mit dem Begriff der Tropologie (aus
τρόπος und
λογία, d.h. lateinisch sermo conversus bzw. sermo conversivus) ist die moralische Auslegung der Bibel («sermo conversivus, pertinens ad mores animi»)
[17], ihre Bedeutung für das Seelenheil des Menschen angesprochen. Der tropologisch-moralische Sinn ist daher von besonderer Relevanz für die Predigt. – 4. Anagogia bzw. anagoge: Gemäß der Etymologie des griechischen
ἀναγωγή, die
Hugo von St. Viktor in die Formel «Anagoge, id est sursum ductio» («In-die-Höhe-Führung»)
[18] faßt, führt der anagogische Sinn über die irdische und zeitliche Welt hinaus zum Ewigen und Himmlischen, so daß der Gesamtbereich des Eschatologischen und des Transzendenten
dieser Sinndimension zugeordnet werden kann.
Als Merkvers für diese vier Sinnstufen wird seit dem 13. Jh.
[19] das Distichon überliefert: «Littera gesta docet, quid credas allegoria, / Moralis quid agas, quo tendas anagogia» («Der buchstäbliche Sinn lehrt, was geschehen ist; der allegorische, was man glauben, der moralische, was man tun, und der anagogische, wohin man streben soll»). Als frühe Zusammenfassung der Lehre vom vierfachen Sch. gilt ein Abschnitt aus den ‹Collationes› (um 420) des
Johannes Cassianus, der die Unterscheidung von «historica interpretatio» und «intelligentia spiritalis» bzw. von «historica narratio» und «spiritalis sensus et expositio» erläutert. Cassian gebraucht dabei als Beispiel, das in den folgenden Jahrhunderten immer wieder herangezogen wird, die Stadt Jerusalem: Im wörtlich historischen Sinne Hauptstadt der Juden, bezeichnet Jerusalem in allegorisch-heilsgeschichtlicher Bedeutung die Kirche Christi, im tropologisch-moralischen Sinne die Seele des Menschen und unter anagogisch-eschatologischem Aspekt den Himmel als ewige Gottesstadt («secundum historicam ciuitas Iudaeorum, secundum allegoriam ecclesia Christi, secundum anagogen ciuitas dei illa caelestis ..., secundum tropologiam anima hominis»)
[20]. – Zur begrifflichen Präzisierung und zur Festigung einer einheitlichen Tradition tragen die Definitionen bei, die
Beda Venerabilis in seinen exegetischen und rhetorischen Schriften erläutert: «Historia namque est cum res aliqua quomodo secundum litteram facta siue dicta sit plano sermone refertur ...; allegoria est cum verbis siue rebus mysticis praesentia Christi et ecclesiae sacramenta designantur ...; tropologia, id est moralis locutio, ad institutionem et correctionem morum siue apertis seu figuratis prolata sermonibus respicit ...; anagoge, id est ad superiora ducens locutio, est quae de praemiis futuris et ea quae in caelis est uita futura siue mysticis seu apertis sermonibus disputat ...» («Der historische Sch. liegt vor, wenn eine Sache so, wie sie buchstäblich geschehen ist oder gesagt wurde, in unverhüllter Ausdrucksweise zur Sprache kommt; der allegorische Sinn liegt vor, wenn mit verschlüsselten Worten oder Dingen die Gegenwart Christi und die Heilsgeheimnisse der Kirche bezeichnet werden; die Tropologie, d.h. die moralische Redeweise, zielt mit offenen oder bildhaften Worten auf die Erziehung und Verbesserung der Sitten. Die Anagogie, d.h. die zum Höheren führende Redeweise, handelt mit verhüllten oder offenen Worten von den zukünftigen Belohnungen und vom zukünftigen himmlischen Leben ...»)
[21]. Beda definiert hier nicht nur den Quaternar der Sch.e, sondern differenziert die Methodik weiter, indem er die «allegoria facti» (die Söhne Abrahams, also historische Personen, bezeichnen die beiden Testamente) von der «allegoria verbi» (das Sprachbild vom Reis aus der Wurzel Jesse verweist auf die Inkarnation Christi) unterscheidet und indem er mit der Gegenüberstellung von offener und verhüllender Redeweise (sermo apertus – sermo mysticus) betont, daß der moralische und anagogische Sinn des Bibeltextes nicht nur durch Allegorese aufgedeckt werden, sondern auch schon im Wortsinn offen vor uns liegen kann.
Im 12. Jh. knüpft
Hugo von St. Viktor, der für die Gliederung der Sch.e den traditionellen Ternar «historia, allegoria, tropologia» anführt
[22], bei der Erläuterung des allegorischen Verfahrens an Elemente der Zeichentheorie an, die
Augustinus in ‹De doctrina christiana› entwickelt hat. Augustinus arbeitet mit dem Instrumentarium
der antiken Rhetorik, wenn er die Gegenstände der Allegorese als bildhafte Sprache (locutio figurata) des Bibeltextes definiert, er verläßt aber den Rahmen der Rhetorik, wenn er nicht nur der Sprache selbst, sondern auch den von den Wörtern bezeichneten Dingen eine signifikative Funktion im Bereich der «signa translata» zuweist. Diese liegt vor, «wenn die Dinge, die wir mit den ihnen zugeordneten Wörtern bezeichnen, ihrerseits zur Bezeichnung von etwas anderem gebraucht werden» («cum et ipsae res, quas propriis verbis significamus, ad aliquid aliud significandum usurpantur»)
[23]. Augustinus betont daher die Notwendigkeit von Kenntnissen über die Realien der Natur (Tiere, Pflanzen, Steine) für den Exegeten
[24]. Diese bei Augustinus mehr angedeuteten als ausgeführten Überlegungen nimmt
Hugo von St. Viktor auf und bezieht sie auf die Unterschiede von biblischer und profaner Literatur: Während in der weltlich-heidnischen Literatur nur das Wort (vox) eine Bedeutung hat, ist in der Heiligen Schrift auch das vom Wort bezeichnete Ding (res) Bedeutungsträger. Es ist die eigentliche Aufgabe der christlich-spirituellen Exegese, die Signifikanz der Dinge zu erschließen. Dies geschieht durch Beschreibung und Deutung der sichtbaren und unsichtbaren Eigenschaften (proprietates) der Dinge; als Beispiel dient der Schnee: «Secundum exteriorem formam» ist der Schnee weiß und bedeutet daher die Reinheit, «secundum interiorem naturam» ist er kalt und wird so zum Zeichen für das Löschen der Sündenglut
[25]. Da jede «res» eine Vielfalt von «proprietates» haben kann, ist ihr auch potentiell ein entsprechend breites Bedeutungsspektrum zugeordnet. Bedeutungsträger im skizzierten Sinne sind nach Hugo auch die Personen, Zahlen, Orte, Zeiten und die Ereignisse, d.h. insgesamt die Summe der Realien aus Schöpfung und Geschichte.
Thomas von Aquin schränkt die Anwendung der spirituellen Exegese ein, indem er den Gesamtbereich der durch bildhafte Sprache der Bibel konstituierten Sinnbezüge dem «sensus litteralis» zuordnet. Nicht die Wörter und die mit ihnen gebildeten Metaphern (voces, verba, similitudines), sondern die Dinge sind Träger des spirituellen Sinnes. Da Gott nicht nur Urheber der Schrift als Autor des Textes ist, sondern auch die Realien, von denen die Bibel spricht, zum Zweck der Offenbarung eingerichtet hat, ist der «sensus spiritualis» der Dinge das auszeichnende Merkmal der Heiligen Schrift im Unterschied zur profanen Literatur wie z.B. den «fictiones poeticae»: «sicut enim homo potest adhibere ad aliquid significandum aliquas voces vel aliquas similitudines fictas, ita deus adhibet ad significationem aliquorum ipsum cursum rerum suae providentiae subiectarum» («Wie nämlich der Mensch, um etwas zu bezeichnen, irgendwelche Wörter und Metaphern verwenden kann, so verwendet Gott, um etwas zu bezeichnen, den Lauf der Dinge selbst, die seiner Vorsehung unterworfen sind»)
[26]. Die biblische Wirklichkeit wird dabei im Zusammenhang mit der gesamten Heilsgeschichte in einer Zeitstruktur gesehen, in der das Frühere jeweils das Spätere präfiguriert.
M. Luther[27] betrachtet die Allegorese und die Auslegung nach dem drei- oder vierfachen Sch. als überwundene Methode seiner Jugend bzw. seiner Lebensphase als Mönch und setzt ihr das Bemühen um ein Bibelverständnis «simplici sensu» entgegen: «Weil ich jung war, da war ich gelerrt, ... da gieng ich mitt allegoriis, tropologiis, analogiis umb – nuhn hab ichs faren lassen, und dieß ist mein letzte und beste kunst: Tradere
scripturam simplici sensu» («die Schrift nach ihrem einfachen Sinn überliefern»)
[28]. Ebenso offenkundig wie Luthers Zurückweisung der Allegorese in diesen und anderen
[29] Aussagen ist das weitere Vorkommen allegorischer Exegese in seinem Werk auch nach der für die Hermeneutik entscheidenden Phase von 1517–1521. Doch auch mit der Formel, er habe die Allegorese in der Theorie zwar grundsätzlich überwunden, sich ihrer in der Praxis aber weiterhin bedient, ist Luthers Stellung in der Geschichte der Lehre vom m.Sch. nicht hinreichend beschrieben. Die neue hermeneutische Position bedarf vielmehr weiterer Differenzierungen, so zu dem Grundsatz «Scriptura sacra sui ipsius interpres» («Die Heilige Schrift legt sich selbst aus»)
[30], zu der Neuinterpretation des Verhältnisses von Buchstabe und Geist im Sinne einer Spiritualisierung des Buchstabens
[31] sowie zur Intensivierung des christologischen Sinnes und der damit verbundenen Beibehaltung der typologischen Exegese
[32]. Bibelhermeneutische Lehrbücher des Protestantismus in den beiden Jahrhunderten nach Luther, wie die ‹Clavis scripturae sacrae› des
M. Flacius Illyricus[33], die ‹Philologia sacra› des
S. Glassius[34] und die ‹Institutiones hermeneuticae sacrae› des
J. J. Rambach[35] bleiben bei der Abwendung von der mittelalterlichen Version des vierfachen Sch., unterscheiden aber weiterhin zwischen «sensus litteralis» und «sensus mysticus». Begrifflich am stärksten differenziert wird die Lehre vom «scripturae sacrosanetae sensus duplex»
[36] bei
Glassius: Zwei Erscheinungsformen des Literalsinnes (proprius, figuratus) unterscheiden die bildhafte von der unmetaphorischen Redeweise. Der «sensus mysticus» wird in «sensus allegoricus», «typicus» und «parabolicus» aufgeteilt. Angesprochen sind damit die traditionelle Allegorese biblischer Realien, das typologische Verständnis alttestamentlicher Ereignisse als Präfigurationen des neutestamentlichen Geschehens und mit dem Sonderfall des «sensus parabolicus» die spirituelle Deutung fiktiver, nur erzählter Ereignisse
[37]. Kernstück der protestantischen Versionen vom «sensus mysticus» ist die Typologie, wie sie
Flacius mit der Lehre vom «Schleier des Mose» (velamen Mosis) vorträgt. Demnach besteht der mystische Sinn der Schrift vor allem in der typologischen Bedeutung des AT, in jenem «primarius, uerus ac genuinus sensus aut scopus», den Christus enthüllt, indem er den Schleier des Gesetzes entfernt
[38]. Wo dieser «scopus» nicht mehr anerkannt wird, wo also das von Christus im NT vollzogene Heilsgeschehen nicht mehr die entscheidende Instanz für das Verstehen der gesamten Bibel bildet, kann die typologisch-allegorische Schriftauslegung wie durch
H. S. Reimarus als «bloßes Spielwerk der Einbildungskraft» abgelehnt werden
[39].
Die durch Allegorese erschlossenen Bedeutungen der Dinge wurden seit den ‹Formulae spiritalis intelligentiae› des
Eucherius von Lyon (5. Jh.)
[40] bis zu entsprechenden Werken noch des 18. Jh.
[41] in allegorischen Lexika gesammelt, die zum Teil alphabetisch, zum Teil systematisch nach Dingbereichen geordnet sind. Diese lexikographische Kodifizierung wird dazu beigetragen haben, daß die Lehre vom m.Sch. und von der Signifikanz der Dinge nicht nur über die Zeit des Mittelalters, sondern auch über den Bereich der Theologie weit hinauswirkt: Die Metaphernsprache der Dichtung und die Sinnbildsprache der Kunst von der christlichen Spätantike bis in die Neuzeit hinein sind, wie ikonographische und literarhistorische Untersuchungen gezeigt haben, ohne sie zu einem großen Teil nicht verständlich.
Noch die Dingbedeutung in der Emblematik der Barockzeit ist eine Erscheinungsform des «sensus spiritualis», der erst seit dem 18. Jh. unter den Bedingungen eines neuen Wissenschaftsverständnisses, einer autonomen Naturbetrachtung, des Bewußtseins historischer Relativität, der Emanzipation von theologischen Traditionen und der wachsenden Relevanz historischkritischer Methoden seinen früheren Geltungsbereich endgültig verliert.