Synechismus (aus griech.
συνεχές zusammenhängend, angrenzend; lat. continuum; engl. synechism; frz. synéchisme). Mit dem neu gebildeten Begriff ‹S.› bezeichnet
Ch. S. Peirce seit 1892
[1] zugleich das mathematische Prinzip der Kontinuität, das kosmologisch-evolutionistische Prinzip des Zusammenhanges von Geist und Materie und damit generell das metaphysische Prinzip seiner (realistischen bzw. pragmatizistischen) Philosophie.
1. Den mathematischen Begriff des Kontinuums definiert Peirce noch 1889 in enger Anlehnung an
G. Cantor als den «perfekten Zusammenhang eines Systems von Punkten», d.h., daß zwischen einzelnen Punkten immer ein Übergang durch weitere Punkte angenommen und daß im Abstand zu einem Punkt eine infinite Zahl von Punkten vorgestellt werden muß
[2].
Peirces zunehmende Kritik an dieser Auffassung des Kontinuums hat ihren Grund darin, daß selbst die Nichtabzählbarkeit von transfiniten Mengen immer noch der Vorstellung von individuellen Elementen einer Menge verhaftet bleibt, z.B. einer Punktreihe, die dem philosophischen Problem der Kontinuität von Zeit und Raum nicht adäquat erscheint. Zeit- und Raumpunkte sind nur eine Hilfskonstruktion für Messungen, nicht das reale Kontinuum selbst – wie das Zenonsche Paradox von ‘Achill und der Schildkröteʼ zeigt
[3]. Das wahre Kontinuum besteht deshalb aus
möglichen (Zeit-)Punkten, die jede zahlenmäßige Mengenangabe überschreiten. In diesem Sinne definiert Peirce 1902 das Kontinuum als «something whose possibilities of determination no multitude of individuals can exhaust»
[4], und 1906: «Whatever is continuous has
material parts»
[5]. Damit greift Peirce auf Kants Vorstellung der infinitesimalen Teilbarkeit zurück, versteht diese aber nicht
mehr als Punktreihe, sondern als reale Möglichkeit infiniter Teilbarkeit, d.h. Peirce verbindet in charakteristischer Weise Erkenntnisse der topologischen Geometrie mit einer modallogischen Interpretation der Mengentheorie
[6].
2. In Peirces
evolutionistischer Kosmologie sind es vor allem die kontinuierlichen Phänomene von Zeit und Raum, die das Prinzip des S. bestätigen. Dies läßt sich aber nur dann zeigen, wenn die naturwissenschaftlich beschreibbare wirkliche Entwicklung des Universums und die Methodenkontrolle solcher Beschreibungen die Entstehung von Kontinua in angemessener Weise erklären können. Um dies zu erreichen, sieht sich Peirce seit den 80er Jahren bei seinen Arbeiten zur Forschungslogik und in Auseinandersetzung mit evolutionistischen Denkmodellen zu zwei philosophischen Konsequenzen gezwungen:
a) Der Entwicklungsgedanke muß nicht nur auf die in der Natur beobachteten Gegenstände, sondern auf die Naturgesetze selbst angewendet werden. Die Natur ist folglich nicht gleichförmig, sondern muß aufgrundder Produktivität des
Zufalls («chance») als ein Wachstumsprozeß von einem mehr homogenen zu einem mehr heterogenen Zustand verstanden werden
[7]. Das dieser Einsicht entsprechende kosmologische Prinzip kreativen Wachstums und der Ermöglichung von Regularitäten nennt Peirce 1892 «
Tychismus» (von griech.
τύχη Zufall, Glück)
[8].
b) Die Logik der Induktion führt aufgrundihres prinzipiell unvermeidlichen Probabilismus (des Schlusses von einer Probe auf ein nicht überprüfbares Ganzes) zum methodischen Prinzip des
Fallibilismus, d.h. der Unmöglichkeit «absoluter Exaktheit»
[9]. Wird dieses Methodenbewußtsein mit dem tychistischen Herausbilden von Regularitäten verbunden, so folgt, daß die mechanistischen Evolutionsmodelle die Vielfalt und das Wachstum der Natur ebensowenig zu erklären vermögen wie ein blinder Zufall, wenn nicht das «Gesetz der Liebe» als «operatives» Prinzip der «agapastischen Evolution» hinzutritt
[10]. Die Lehre des
Agapismus (von griech.
ἀγάπη [göttliche] Liebe) bringt zum Ausdruck, wie Einzelnes, sich selbst relativierend, teleologisch mit Anderem und zugunsten eines Gemeinsamen zusammenfindet, und das Evangelium Christi ist dafür Peirces Modell. Erst durch die fundamentalen Triebkräfte der «Identifikation» oder «Verschmelzung»
[11] lassen sich der fallible Erkenntnisprozeß und der reale Wachstumsprozeß von Natur und Geist wirklich verstehen: Der nicht zwanghafte, sondern kreative, opferbereite und darin für die Perfektion des Anderen final sich organisierende (evolutionäre) Zusammenhang ist Grund und Methode
synechistischer Philosophie.
3. Daß Zeit und Raum
kontinuierlich sind, ist eine Konsequenz des S., phänomenologisch gesehen eine seiner entscheidenden Begründungen. Das Zeitgefühl ist dominiert von der Gegenwart, in deren Unmittelbarkeit schlußfolgerndes Denken nicht möglich ist. Ein
realer Zusammenhang zu Vergangenheit und Zukunft wäre folglich ausgeschlossen, es sei denn, diese Zeiterfahrungen können als «unmittelbares Bewußtsein» infinitesimal mit der Gegenwart verbunden gedacht werden
[12]. Das gelingt, wenn die (tychistische) ursprüngliche Kreativität ex nihilo
[13], ohne einen Dualismus von Materie und Geist annehmen zu müssen, (agapistisch) immer differenziertere Zusammenhänge bildend wirksam wird; und Zeit und Raum sind die für diesen Prozeß des
kontinuierlichen Universums ausgezeichneten Beispiele
[14].
Der S. als metaphysisches Prinzip ist ein Universalienrealismus: Realität ist letztendlich bestimmbar im Prozeß ihrer Herausbildung, wobei die kreative Ermöglichung im Anfang als reale Möglichkeit des Sein-Könnens («maybe») von der zukunftsprägenden, gesetzlichen Verhaltenserwartung des Würde-Seins («would-be») logisch zu unterscheiden ist
[15]. Im dazwischenliegenden Bereich der empirischen Existenz gilt unreduzierbar die «rohe Gewalt» der in der Wahrnehmung sich durchsetzenden Fakten
[16], deren teleologische Bedeutung sich im kosmologischen Prozeß des kontinuierlichen Zusammenspiels von (tychistischer) Kreativität, (agapistischer) Sympathie und (synechistischer) Realität des Geistes bestimmen und – tendenziell und auf lange Sicht – erkennbar machen wird.