Zeiten der Alltäglichkeit 

Friedrich Balke: «Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit»

Zeiten der Alltäglichkeit - Eine schwer fassbare Erfahrung in den Künsten und der PhilosophieFriedrich Balke: «Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit»10.31267/978-3-7574-0129-0 Jonas Cantarella, Dina Emundts, Michael Gamper«Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit» Medien und Zeit nach Heidegger Friedrich Balke Vorbemerkung Dass die Philosophie ein Licht auf die Technik werfen und ihr eine seinsgeschichtliche Stellung anweisen kann, ist Heideggers Überzeugung. Aber Philosophie ist in die Geschichte von Technik und Medien auch selbst verstrickt - und zwar mehr, als ihr lieb sein kann. Technik hat sich vor dem Auge der Philosoph : innen zu entbergen. Sie tritt ins helle Licht ihrer begrifflichen Unterscheidungskunst. Dieser Beitrag soll ein umgekehrtes Verfahren erproben : Bestimmte fundamentalontologische Begriffsdispositionen, die Heidegger zu einer folgenreichen Revision des Verhältnisses von Sein und Zeit geführt haben, sollen auf ihre technischen, genauer medientechnischen Voraussetzungen hin durchsichtig werden. Medien wie zum Beispiel das Radio schreiben sich durchaus in den Diskurs von Sein und Zeit ein. 1 Und über die Zeit kann man schlechterdings nichts Belastbares sagen, wenn man nicht auch, wie es Heidegger tut, über Uhren nachdenkt. Heidegger neigt allerdings dazu, Technik und Medien nur dann Zugang zu seinem Denken zu gewähren, wenn es um die Anprangerung einer folgenreichen Fehlentwicklung des philosophischen Denkwegs geht. Die Technik, für die er die Metapher des Gestells verwendet ( weil sie die Wirklichkeit ‹ stellt ›, also herausfordert ), erweist sich als ein notwendiges Verhängnis der Seinsgeschichte, der Heidegger mit seiner Philosophie eine andere Wendung zu geben versucht. 1 Martin Heidegger : Sein und Zeit, Tübingen 1979 (1927 ), 105 : « Mit dem ‹ Rundfunk › zum Beispiel vollzieht das Dasein heute eine in ihrem Daseinssinn noch nicht übersehbare Entfernung der ‹ Welt › auf dem Wege einer Erweiterung und Zerstörung der alltäglichen Umwelt.» Autos, Straßen, Brillen, Telefonhörer sind weitere derartige ‹ Beispiele ›, die die Rolle von Medien bei der Ent-fernung des Daseins behandeln, wobei Heidegger, wie heute im Diskurs über die wearables, also die am Körper getragenen digitalen Medienobjekte ( die oftmals, wie im Fall der Uhren, ältere Medien um neue, z. B. biometrische Funktionen erweitern ), die Kontiguitätsbeziehung zwischen Medium und Körper hervorhebt : So heißt es von der Straße, auf der wir entlanggehen, dass sie sich « gleichsam an bestimmten Leibteilen, den Fußsohlen entlang [ schiebt]» ( ebd., 107.). Zur impliziten Bezugnahme Heideggers auf die Fotografie im Kontext seiner Beschreibung der ‹ Begaffung › von Dingen ( ebd., 69 ) vgl. Friedrich Balke : Besorgen, Begaffen. Heidegger und das Problem der fotografischen Ontologie, in : Friedrich Balke, Maria Muhle (Hrsg.): Räume und Medien des Regierens, Paderborn 2016, 234 - 252. Die positiven ebenso wie die kritischen und dekonstruktiven Stimmen zu dieser Theorieanlage sollen hier nicht aufs Neue durchgespielt werden. Vielmehr versucht der folgende Beitrag im Anschluss an pragmatische Elemente einer Philosophie des sogenannten « Daseins » und der Betonung der umweltlichen Rolle von sogenanntem « Zeug » und seiner « Zuhandenheit » herauszuarbeiten, dass Medien und Technik nicht nur als Zeugen eines seinsgeschichtlichen Verhängnisses der Menschheitsgeschichte von Heidegger mobilisiert werden (1). Auch die Konzepte, mit denen er ein anderes Denken zu inaugurieren und dabei insbesondere die spezifische Zeitvergessenheit der Metaphysik zu korrigieren versucht, verweisen auf medientechnische Bedingungen und Möglichkeiten, die Heidegger in philosophische Kategorien und häufig genug : in Neologismen übersetzt, weil sie seinen Diskurs ausgerechnet dort, wo er auf Alternativen zum überlieferten Begriffsrepertoire der Metaphysik abzielt, als unverzichtbare Ressourcen dienen (2 ). Technische Analogmedien wie der Film und die ihn bestimmenden Zeitverhältnisse schreiben sich in Heideggers Diskurs ein, auch wenn sie nicht selbst genannt werden. Und Begleitmedien einer digitalen Alltagskultur sowie bestimmte Praktiken, die sie ermöglichen und die Heidegger schlicht nicht zur Kenntnis nehmen konnte, weil sie zu seiner Lebenszeit nicht existierten, erschüttern einen « vulgären » Zeitbegriff auf ähnlich nachdrückliche Weise, wie es sich Heidegger von seinen philosophischen Überlegungen erwartet hatte (3 ). I. Handy und Zuhandenheit: Der Ort der Medien in Heideggers Analyse der Alltäglichkeit Die Ubiquität und Alltäglichkeit smarter Mediengeräte und der durch sie eröffneten sozialen Kanäle beschert ausgerechnet einer Philosophie eine überraschende Aktualität, der man ein prekäres Verhältnis zur Technik, die sie gleichwohl zu denken beansprucht, nachsagte : der Existenzialontologie Martin Heideggers. Die neuere medienökologische Wende der Medienwissenschaft 2 positioniert Medien in der alltäglichen Umwelt ihrer Nutzer : innen und versteht sie, ganz im Sinne Heideggers, als wesentlich zuhandene Medien. Wortspiele mit dem deutschen Handy drängen sich auf, denn sie weisen die Hand und die Handhabbarkeit als entscheidende Merkmale und Vorzüge von Medientechnologien aus, die nicht länger an festen Plätzen ( z. B. als Desktops ) installiert sein müssen. User : innen 2 Vgl. dazu einführend den Schwerpunkt « Medienökologien » der Zeitschrift für Medienwissenschaft, Heft 14 : Medienökologien, Jg. 8 (2016 ), Nr. 1. DOI: https : / / doi.org/ 10.25969/ mediarep/ 1684, sowie den Entwurf einer Philosophie der elementaren Medien, den John Durham Peters vorgelegt hat : The Marvelous Clouds. Toward a Philosophy of Elemental Media, Chicago 2015. 254 Friedrich Balke tragen diese portablen Medien 3 vielmehr ständig mit sich herum, sie fallen also durch ihre Körpernähe auf. Medien in diesem Sinne sind tatsächlich, ganz unemphatisch gesagt, nichts anderes als Medien des Daseins, denn wir treffen nicht nur an speziellen Orten und zu bestimmten Zeiten auf sie, sondern verfügen permanent über sie - wobei die Umkehrung des Satzes gleichermaßen gilt : Sie verfügen auch über uns. 4 Sie sind Alltagsbegleiter und in diesem Sinne ubiquitär und Teil einer Netzwerkstruktur : « In unserer gegenwärtigen Welt und während der vergangenen Jahrzehnte haben sich die Medien von einem Funktionstypus, der durch Aufzeichnen, Speichern und Übertragen bestimmt wird, zu einer Plattform für eine unmittelbare, handlungserleichternde Verschaltung mit und Rückkoppelung aus der Umwelt verlagert.» 5 Heidegger verfolgt die Rolle der Hand von den handwerklichen Tätigkeiten bis in die hochspezialisierten Orte wissenschaftlicher Forschung hinein, denn auch in den Laboren verschwindet die Praxis keineswegs zugunsten eines « puren Hinsehens ». Vielmehr differenziert sie sich in sehr unterschiedlichen Hantierungen aus, wie sie sich in dem « verwickelten ‹ technischen › Aufbau der Versuchsanordnung » 6 manifestieren. In Sein und Zeit hatte Heidegger diese « handlungserleichternde Verschaltung » mit den Körpern der Mediennutzer : innen bezeichnenderweise an Schreibwerkzeugen demonstriert, die allerdings noch in Arbeitszimmern lokalisiert waren. Notizbücher und Bleistifte gab es aber schon länger. Die digitalen Begleitmedien, von denen hier die Rede ist, sind, in Heideggers gewöhnungsbedürftiger Terminologie, je-meinige Medien, nicht nur in dem Sinne, dass ich sie an meinem Körper trage, sondern auch insofern die Nutzungsgeschichte des jeweiligen Users in die Art und Weise, welchen content sie mir anzeigen oder melden, eingespeist wird. Medien weisen in unterschiedlichem Grad den « Charakter der Jemeinigkeit » 7 auf - und das gilt von Geräten wie den Smartphones ebenso wie von den sozialen Medien, die über verschiedene kuratorische Eingriffe, darunter auch algorithmische, jeder Nutzer : in anders erscheinen. 3 Matthias Thiele : Portable Media. Von der Schreibszene zur mobilen Aufzeichnungsszene, in : Martin Stingelin, Matthias Thiele (Hrsg.): Portable Media. Schreibszenen in Bewegung zwischen Peripatetik und Mobiltelefon, München 2010, 7- 27. 4 « These days, we generate more than we participate - and even our participation generates further and increasingly comprehensive ‹ meta ›-data about itself. Our cars, phones, laptops, Global Positioning System ( GPS ) devices, and so on allow for the comprehensive capture of the data trails users leave as they go about the course of their daily lives.» Mark Andrejevic, Mark Burdon : Defining the Sensor Society, in : Television and New Media, 16/ 1, 2015, 20. 5 Mark B. N. Hansen : Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung, in : Erich Hörl (Hrsg.): Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Frankfurt a. M. 2011, 365 - 409, hier : 371. 6 Heidegger (Anm.1), 358. Vgl. auch FN 21. 7 Heidegger (Anm. 1), 42. «Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit» 255 Diese zuhandenen Medien, so smart sie uns auch erscheinen mögen, sagen uns, wie es Heidegger von den Kategorien (im Unterschied zu den Existenzialien ) formuliert, « auf den Kopf zu » 8 , was wir sind, indem sie unser Verhalten minutiös kategorisieren (taggen ) und zu prädizieren beanspruchen. Indem sie die Vergangenheit von Nutzungsgewohnheiten in die Gegenwart der digitalen Feeds und Flows, die auf den Screens erscheinen, wieder eintreten lassen, erzeugen die neuen und neusten Medien offenbar sehr eigene Zeitverhältnisse. Von diesen Medien kann man insgesamt sagen, was Heidegger vom Dasein sagt, nämlich dass es ihnen um das Sein dieses Seienden selbst geht. Philosophische Sätze wie der folgende gewinnen eine ganz neue, medientechnische und medienpraxeologische Lesbarkeit : « Und weil Dasein wesenhaft je seine Möglichkeit ist, kann dieses Seiende in seinem Sein sich selbst ‹ wählen ›» 9 . Zu dieser Wahl gehört auch, dass es gewählt werden kann, also der mediale Raum der Selbstwahl zugleich als einer der Fremdbestimmung (tracking ) erlebt werden kann bzw. von Beobachtern, die das Treiben in den social media beschreiben, analysiert wird. « Komplizen des Erkennungsdienstes » 10 hat Andreas Bernhard daher mit Blick auf Phänomene wie die Quantified-Self-Bewegung und die Lust an der Vermessung unserer Körper die digitalen Alltagsmedien bezeichnet. Dass Heideggers Sein und Zeit einem umweltlichen Denken, wie es die neuen und neuesten Medien implementieren, philosophisch vorarbeitet, lässt sich an seiner Kritik der Vorstellung des ( geometrisierten ) Raumes zeigen, die seit Descartes den philosophischen Diskurs bestimmt. Diese Kritik verdichtet sich in der Formel vom « In-der-Welt-sein überhaupt als Grundverfassung des Daseins » 11 . Medientechnisch aktualisiert, lässt sich das « In-Sein » 12 als eine zentrale Erfahrung aktueller Mediennutzung bestimmen, denn das entscheidende Differenzkriterium der neuen Medien besteht darin, dass sie tatsächlich eine Welt im Sinne Heideggers zur Verfügung stellen, die alle Eigenschaften der sogenannten ersten oder Lebenswelt aufweist. Selbst die Tatsache, dass man nicht überall in der Welt zur gleichen Zeit sein kann, dass wir das meiste von dem, was über die sozialen Kanäle kommuniziert wird, gar nicht erst zu Gesicht bekommen, teilt die Welt der sozialen Medien mit der sozialen Welt, in der wir uns physisch alltäglich bewegen und die uns immer nur ausschnitthaft zur Verfügung steht. Heidegger legt Wert darauf, dem « In » seine exklusiv räumliche Deutung abzusprechen und bedient sich dabei wie so oft etymologischer Hinweise : 8 Ebd., 44. 9 Ebd., 42. 10 Andreas Bernhard : Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur, Frankfurt a. M. 2017. 11 Heidegger (Anm.1), 52. 12 Ebd., 53. 256 Friedrich Balke ‹ in › stammt von innan-, wohnen, habitare, sich aufhalten ; ‹ an › bedeutet : ich bin gewohnt, vertraut mit, ich pflege etwas […]. Der Ausdruck ‹ bin › hängt zusammen mit ‹ bei ›; ‹ ich bin › besagt wiederum : ich wohne, halte mich auf bei … der Welt, als dem so und so Vertrauten. 13 Soziale Medien verdienen diesen Namen nicht, weil sie im moralischen Sinne sozial wären, sondern, viel grundsätzlicher, weil sie diese Struktur des Bei-Seins und Vertrautseins mit einer Welt beschreiben, die ohne ihre medientechnische Implementierung schlicht nicht existierte - so wie unsere physische Umwelt nur im Rahmen bestimmter biologischer und klimatischer Parameter existiert, deren Virulenz und Verletzlichkeit seit Längerem ein ökologischer Diskurs reflektiert. Die Dinghaftigkeit der Medienapparate und damit die Vorstellung ihrer wesensmäßigen Abgeschlossenheit und Selbstgenügsamkeit ist zugunsten einer Konzeption aufgegeben worden, die Heidegger bei den Griechen findet, die die Dinge als pragmata verstanden, also als das, « womit man es im besorgenden Umgang ( praxis ) zu tun hat.» 14 Heidegger spricht bekanntlich von «Zeug» und wenn er schreibt: « Ein Zeug ‹ ist › strenggenommen nie. Zum Sein von Zeug gehört je immer ein Zeugganzes, darin es Zeug sein kann, das es ist» 15 , dann verweist dieses Konzept der wesentlichen Unabgeschlossenheit und Ergänzungsbedürftigkeit von Zeug auf die heute diskutierten Theorien der Netzwerkhaftigkeit der ‹ Mediendinge ›, die Heidegger als «Verweisungszusammenhang» 16 fasst. Netzwerke lassen sich tatsächlich als eine «Verweisungsmannigfaltigkeit» 17 begreifen. Was Heidegger, nicht nur für Literaturwissenschaftler: innen einschlägig, 18 am Beispiel des Schreibzeugs exemplifi- 13 Ebd., 54. 14 Ebd., 68. Hierbei ist immer auch die seit Marshall McLuhan bekannte Umkehrung mitzudenken, nämlich die Verdinglichung der Menschen durch die Medien bzw. ihre Einfügung in Handlungsketten, die operativ Menschen Dingen gleichstellen. 15 Ebd., 68. 16 Ebd., 68. 17 Ebd., 69. Vgl. auch Sebastian Gießmann : Die Verbundenheit der Dinge. Eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke, Berlin 2016. 18 Die sich im Anschluss an eine briefliche Mitteilung eines anderen Philosophen seit längerer Zeit für die Frage interessieren, wie das « Schreibzeug » an der Formulierung von Gedanken beteiligt ist : Ende Februar 1882 schreibt Nietzsche an Heinrich Köselitz mit der Schreibmaschine : « Sie haben Recht - unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.» Wobei im anschließenden Satz, was weniger beachtet wird, diese Mitarbeit des Mediums als eine Herausforderung für die ‹ Nutzer : innen › in den Blick gerät. Hypotaxen mit der Maschine zu tippen bzw. zu « drücken », wie Nietzsche sagt, verlangt eine besondere Fingerfertigkeit, die dem Philosophen noch abgeht. Die Eigenzeit des maschinell unterstützten Schreibvorgangs deckt sich nicht mit der Eigenzeit des philosophischen Denkens. Die Schreibmaschine privilegiert kurze Sätze : « Wann werde ich es ueber meine Finger bringen, einen langen Satz zu drücken ! » Friedrich Nietzsche : Sämtliche Briefe. KSA Bd. 6, Januar 1880 - Dezember 1884, München 1986, 172. «Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit» 257 ziert, gilt a fortiori für digitale Medien, die außerhalb ihres Netzwerks zwar vorkommen, aber nicht existieren können: « Schreibzeug, Feder, Tinte, Papier, Unterlage, Tisch, Lampe, Möbel, Fenster, Türen, Zimmer» 19 bilden eine Kette, die zusammen die «Zeugganzheit » ausmacht. Heideggers im Zug seiner Zeugontologie vorgetragene Kritik an der Differenz zwischen praktischem und theoretischem Verhalten trifft den Kern digitaler, bildschirm- oder screenbasierter Medien, für die noch weniger plausibel ist als für Heideggers Beispiele, dass praktisches Verhalten « Sichtlosigkeit» 20 impliziere : Das Betrachten, und man darf hier durchaus an die Infrastrukturen und Dispositive wissenschaftlicher Forschung denken, die Heidegger von den Orten und den Vollzügen her denkt, auf die sie angewiesen ist, 21 ist so ursprünglich ein Besorgen, wie das Handeln « seine Sicht hat» 22 , die für das Navigieren unabdingbar ist. Das Medienhandeln bildet spezifische Formen der Sichtbarkeit (Interfaces ) aus, die wiederum eingebettet sind in kommunikative Vgl. auch die inzwischen auf 31 Bände angewachsene von Davide Giuriato, Martin Stingelin und Sandro Zanetti herausgegebene Reihe Zur Genealogie des Schreibens ( Paderborn 2004 - 2023 ), die aus einem Forschungsprojekt hervorgegangen ist, das die Literaturgeschichte der Schreibszene von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart untersucht. Grundlegend für die entsprechenden Forschungen ist der kurze Aufsatz Rüdiger Campes, der ein Konzept der Schreibszene entwickelt, in dem insbesondere die historisch variierende instrumentelle Ausstattung der Schreibenden sowie die Affordanzen des jeweiligen Schreibzeugs eine zentrale Rolle spielen. Vgl. Rüdiger Campe : Die Schreibszene, Schreiben, in : Sandro Zanetti (Hrsg.): Schreiben als Kulturtechnik. Grundlagentexte, Frankfurt a. M. 2012, 269 - 282. 19 Heidegger (Anm.1), 68. 20 Ebd., 69. 21 Tatsächlich verfolgt die neuere Wissenschaftsforschung, wie sie Hans-Jörg Rheinberger vorangetrieben hat, auch programmatische Überlegungen Heideggers aus Sein und Zeit, die wissenschaftliche Forschung von ihren Orten, also Laboren, und Handgreiflichkeiten her denkt statt von ihren veröffentlichten Spuren (Hypothesen, Abhandlungen, Paradigmen). Die entsprechenden Überlegungen Heideggers finden sich in § 69 b ) von Sein und Zeit (Anm. 1), 356 - 364. Das Labor ist ein Ort des praktischen Besorgens und nicht des « puren Hinsehens » (357 ): « Und wie der Praxis ihre spezifische Sicht (‹ Theorie ›) eignet, so ist die theoretische Forschung nicht ohne ihre eigene Praxis. Die Ablesung der Maßzahlen als Resultat eines Experiments bedarf oft eines verwickelten ‹ technischen › Aufbaus der Versuchsanordnung. Das Beobachten im Mikroskop ist angewiesen auf die Herstellung von ‹ Präparaten ›. […] Aber auch die ‹ abstrakteste › Ausarbeitung von Problemen und Fixierung des Gewonnen hantiert zum Beispiel mit Schreibzeug.» Heidegger (Anm. 1), 358. Vgl. zu Rheinbergers Heidegger-Bezug im Anschluss an seinen Satz : « Epistemische Dinge sind Artikulationen von Graphemen »: Hans- Jörg Rheinberger : « Alles, was überhaupt zu einer Inskription führen kann », in : ders.: Iterationen, Berlin 2005, 9 - 29, hier : 21. 22 Heidegger (Anm. 1), 69. In welcher Weise selbst alltäglichste Handlungsvollzüge, wie das Sich-Orientieren im städtischen Raum, inzwischen screenbasierte Navigationshilfen mobilisiert, ist Gegenstand medienwissenschaftlicher Forschung, die in den sogenannten screen studies stattfindet. Vgl. exemplarisch Nanna Verhoeff : Mobile Screens. The Visual Regime of Navigation, Amsterdam 2012. 258 Friedrich Balke Strukturen, wie sie zum Beispiel sogenannte sensor media zur Verfügung stellen, also Medien, die permanent im Rückraum unserer Aufmerksamkeit Daten erheben, um daraus spezifische ‹Übersichten › (mapping ) und Verhaltensempfehlungen zu generieren. II. «Nothing to read»: Die Verbindung von vulgärem und ekstatischem Zeitbegriff im Film Die zeitbezogenen Problemstellungen der aktuellen Medienwissenschaft sind keineswegs erst mit den digitalen Medien in den Fokus gerückt. Diese Problemstellungen haben einen medienphilosophischen Vorlauf, den ich an Heideggers zeitkritischer Behandlung des Seins ablese. Heideggers Zeitphilosophie hat einen konkreten medient echnischen Hintergr und, der sich nicht in der berühmten und vielkommentierten Rundfunkstelle in Sein und Zeit erschöpft. 23 An welcher Stelle kommt nun das « zeitliche Problem » in Heideggers zunächst stark raumbzw. umweltbezogener Analyse des Daseins ins Spiel ? Diese Frage möchte ich zunächst mit Blick auf seine Überlegungen in § 69 von Sein und Zeit erörtern, in dem es ganz grundsätzlich um die « Zeitlichkeit des In-der-Welt-seins » geht : « Die Welt ist weder vorhanden noch zuhanden », heißt es dort (in Abschnitt c ), « sondern zeitigt sich in der Zeitlichkeit.» Heidegger knüpft das Thema der Zeitlichkeit an das der « Ekstasen », die er als spezifische Weisen der « Entrückung zu …» 24 versteht, was bedeutet, dass das Dasein nicht nur ‹ bei sich › ist ( Gegenwart), sondern immer auch außer sich, nämlich, erstens, aus der Zukunft auf sich zu kommt und sich, zweitens, aus der Vergangenheit ‹ erschließt ›. Heidegger nimmt Anstoß an dem, was er den « vulgären Zeitbegriff » 25 nennt, einer messbaren Zeit, die nichts als vergeht. Sie unterzieht er einer ausführlichen Analyse, in der insbesondere auch Medien, vor allem der Uhr, eine zentrale Rolle zukommt. Vieles spricht dafür, dass die ( Taschen‐)Uhr vor dem Smartphone jenes andere hochtechnische, am Körper getragene Medium ist, das die jederzeitige Datierbarkeit alltäglichen Tuns und Besorgens garantiert. Vor der mechanischen Uhr gibt es bereits andere Techniken, die Zeit z. B. am Sonnenstand abzulesen erlauben. Aber selbst für diese ‹ primitive › Zeitmessung gilt, dass sie einer Medialisierung unterliegt, insofern die Zeit keineswegs direkt oder unvermittelt am Sonnenstand abgelesen werden kann, sondern am Schatten, « den ein jederzeit verfügbares Seiendes wirft », das in diesem Fall der Mensch selbst ist, der sich ja immer mit sich herumträgt : 26 « Im Schatten, der Jedermann 23 Vgl. Heidegger (Anm. 1), 105. 24 Ebd., 365. 25 Ebd., 420. 26 Ebd., 415. «Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit» 259 ständig begleitet, begegnet die Sonne hinsichtlich ihrer wechselnden Anwesenheit an den verschiedenen Plätzen. Die untertags verschiedenen Schattenlängen können ‹ jederzeit › abgeschritten werden.» 27 Von der sogenannten antiken Bauernuhr bis zu Einsteins Uhren 28 haben wir es mit unterschiedlich komplexen Bezugssystemen zu tun, die die Zeit standardisieren, sodass Heideggers Frage mit Blick auf Sonnen- und Taschenuhren nicht unberechtigt ist : « Aber warum finden wir jeweils an der Stelle, die der Schatten auf dem Zifferblatt einnimmt, so etwas wie Zeit ? […] Wo ist denn die Zeit, die wir dergestalt an der ‹ Sonnenuhr ›, aber auch an jeder Taschenuhr direkt ablesen ? » 29 Weil die « alltägliche Zeitauslegung sich einzig in der Blickrichtung der besorgenden Verständigkeit hält und versteht, was in deren Horizont sich ‹ zeigt ›» 30 , beschneidet sie die Jetztfolge, auf die sie die Zeit reduziert, um ihre ekstatischen Bezüge. Dieses punktualisierte Jetzt, das sich in einer chronologischen Reihe von unabschließbaren Jetztmomenten entfaltet, vergisst seine Verwobenheit in die beiden nicht-gegenwärtigen Zeitekstasen. Uhr-Zeit vollzieht sich diskret, also stetig 31 . Die « ekstatische Erstrecktheit der Zeitlichkeit » ist dagegen, so behauptet Heidegger, « jeder Kontinuität eines Vorhandenen fremd » 32 . Dass etwas mit dieser « vulgären Zeiterfahrung » nicht stimmt, obwohl sie ihr « natürliches Recht » hat, 33 kann Heidegger nur so vehement behaupten, weil er im Zeitalter technischer Analogmedien lebt, die allererst ein nicht-vulgäres Zeitverständnis auch für Nicht-Philosophen und im Rahmen populärkultureller Mediennutzung zugänglich machen - und zwar alltäglich zugänglich machen, nämlich zum Beispiel durch den Kinobesuch. « Die vulgäre Auslegung bestimmt den Zeitfluß », merkt Heidegger an, « als ein nichtumkehrbares Nacheinander. Warum läßt sich die Zeit nicht umkehren ? » 34 Der Film führt genau diese Möglichkeit vor, denn er beruht strukturell auf den Möglichkeiten der time axis manipulation : Bei jenem seit Démolition d’ un mur von Georges Méliès so beliebten Filmtrick […], der den Abbruch einer Mauer aufnahm, um ihn als zeitverkehrten Film vorzuführen, merkt 27 Ebd., 416. 28 Vgl. Peter Galison : Einsteins Uhren, Poincarés Karten. Die Arbeit an der Ordnung der Zeit, Frankfurt a. M. 2006. Poincarés Ansatz bestand darin, in der « Uhrenkoordination durch telegrafischen Signalaustausch die Basis für eine konventionelle Definition der Simultanität » zu erkennen ( ebd., 41). Die Herstellung einer Weltzeit beruht auf einer spezifischen medientechnischen Beherrschung des Raums. 29 Heidegger (Anm. 1), 416. 30 Ebd., 422. 31 Ebd., 423. 32 Ebd., 424. 33 Ebd., 426. 34 Ebd., 426. 260 Friedrich Balke jedes Auge die Manipuliertheit der Wiedergabezeit, einfach weil es in realer Zeit das Wunder nicht gibt, daß zersprungene und umgestürzte Mauersteine wieder zur mühsam geschaffenen Ordnung zurückfinden. 35 Temporale Reversibilität ist also filmtechnisch implementierbar. Für Heidegger, der ja die ekstatisch-horizontale Zeitlichkeit insgesamt von der unvermeidlichen (menschlichen ) Zukunft, nämlich vom Tod her denkt, noch einschlägiger war ein zweites Zeitachsenexperiment Méliès : In der Charcutérie mécanique, erinnert Kittler, « verwandelte sich eine fertige Wurst, wie um den Tod zu verspotten, wieder zurück in das Schwein, dessen Schlachtung ja Sache von Metzgereien ist. Und die Auferstehung des Fleisches ward Anschauung.» 36 « An sich », schreibt Heidegger daher ohne ausdrücklichen Bezug auf den Film, aber philosophisch folgerichtig, « und gerade im ausschließenden Blick auf den Jetztfluß » sei nicht einzusehen, « warum die Abfolge der Jetzt sich nicht einmal wieder in der umgekehrten Richtung einstellen soll.» 37 Filmische Zeit ist also, von ihrer Möglichkeit her, im strikten Sinne nichtvulgäre Zeit. Sie orientiert, selbst wenn sie handwerkliche Vorgänge, wie in den frühen Aktualitätenfilmen, zum Gegenstand macht, ihre Darstellungen keineswegs an dem sogenannten Bewandtniszusammenhang alltäglichen Besorgens, den sie bloß zu ‹ dokumentieren › scheint. Mary Ann Doane hat in ihrer Studie zur Emergence of Cinematic Time wichtige Hinweise gegeben, wie Heideggers scheinbar nichts als philosophische Rede von der ekstatischen Erstrecktheit der Zeit, die durch ihre Auflösung in vorrückende Jetztmomente verfehlt wird, vor dem Hintergrund des Films eine neue Lesbarkeit gewinnt. Denn im Film verschränken sich beide von Heidegger unterschiedenen Zeitformen, die vulgäre und die ekstatische. In dem Maße nämlich, wie dem Film in seiner Entwicklung zunehmend eine narrative Organisation auferlegt wird, wie Filme also Geschichten erzählen müssen, untersteht er dem Gesetz der Zeit als organisierter, einer elementaren Chronologie verpflichteten Jetztfolge. Geschichten haben seit Aristoteles’ Definition einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. 38 Regisseure, die die chronologische Ordnung akzeptieren, setzen ihren Ehrgeiz darein, die Brüche oder Schnitte, die ihre Bild- und Tonmontagen erzeugen, so weit zu ‹ kitten ›, dass der Eindruck eines narrativen Flows entsteht. Dem Film, wie ihn Holly- 35 Friedrich Kittler : Real Time Analysis, Time Axis Manipulation, in : ders.: Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig 1993, 182 - 207, hier : 185. 36 Kittler (Anm. 35 ), 185. 37 Heidegger (Anm. 1), 426. 38 « Die Teile der Geschehnisse », fordert daher Aristoteles, müssen « so zusammengefügt sein, daß sich das Ganze verändert und durcheinandergerät, wenn irgendein Teil umgestellt oder weggenommen wird.» Gegen diese chronologische Norm kann allerdings durchaus verstoßen werden. Aristoteles : Poetik. Griechisch/ Deutsch, hrsg. von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1982, 29. «Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit» 261 wood dann kanonisieren wird, 39 wird die « ontologische Orientierung an einem ständig Vorhandenen » und die daraus resultierende continuity vorgegeben : « Man sieht die Stetigkeit der Zeit im Horizont eines unauflöslichen Vorhandenen.» 40 Aber die kinematische Zeit, das hatte Bergson erkannt und nach ihm Deleuze für die Filmgeschichte im Detail ausgeführt, nahm zugleich auch eine radikale Nivellierung oder Gleichbehandlung aller ‹ Jetztmomente › vor, auf deren Grundlage eine neue, moderne ‹ Gespanntheit der Zeit › möglich wurde, die sich nicht auf die Logik des Vorher und Nachher reduzieren lässt, sondern komplexe Zeitmontagen ermöglicht. Heidegger hat im § 73 von Sein und Zeit, der das « vulgäre Verständnis der Geschichte » behandelt, am Geschichtsbegriff kritisiert, dass es « den Menschen als das ‹ Subjekt › der Ereignisse » 41 voraussetze. Darin besteht der Sinn narrativer Konstruktionen, wie sie für den konventionellen Film der Traumfabrik zum keineswegs unangefochtenen Standard werden wird : Subjekte, Personen, Akteure werden als Handlungsträger entworfen, denen Geschichte ‹ zugeschrieben › wird. Bevor der Film aber zu einer vorrangigen Sache von Schauspieler : innen wird (jedenfalls am Front-End des Mediums ), bevor er das Publikum mit stories und plots beschäftigt, die die problemlose Lesbarkeit des filmisch Präsentierten ermöglichen soll, wird an ihm eine Erfahrung gemacht, die ekstatisch insofern zu nennen ist, als sie mit dem verknüpft ist, was Doanne « the ever-present and consistently disturbing potential of meaninglessness, of providing the spectator with nothing to read » 42 nennt. Die Kamera, trotz ihrer unbezweifelbaren Rahmungs- und Selektionsmacht, ist doch zugleich jenes Medium, das « issues of subjectivity, agency, and intentionality in the process of an unthought and mechanical recording » 43 ignoriert. Dass der Film über die Fähigkeit zur grenzenlosen Repräsentation auch des Insignifkanten, Sinnlosen, des puren Rauschens ( noise ) im informationstechnischen Sinne verfügt, wurde schon früh als eine Bedrohung beschrieben und löste, wie Doanne schreibt, «Ängste » 44 aus : « The anxiety generated would be that of sheer undivided extension, of a ‹ real time › without significant moments, of a confusion about where or why to look. If everything is recordable, nothing matters except the act of re- 39 Zur Sogwirkung des sogenannten Spielfilmmodells auf andere, z. B. dokumentarische Genres vgl. Philip Rosen : Document and documentary. On the persistence of historical concepts. in : Michael Renov (Hrsg.): Theorizing documentary, New York 1993, 58 -89, sowie Friedrich Balke : Theorie des Dokumentar- und Essayfilms, in : Bernhard Groß, Thomas Morsch ( Hrsg.): Handbuch Filmtheorie, Wiesbaden 2021, 193 - 210. 40 Heidegger (Anm. 1), 423. 41 Ebd., 379. 42 Mary Ann Doanne : Emergence of Cinematic Time. Modernity, Contingency, The Archive, Cambridge, Mass./ London 2002, 63. 43 Ebd., 63. 44 Ebd., 65. 262 Friedrich Balke cording itself.» 45 Die « sheer undivided extension » der technischen Analogmedien, so meine These, konstituiert, in Heideggers philosophischen Worten, die « Gelichtetheit des Da ekstatisch-horizontal » 46 , also als eine nicht narrativ organisierte Form der Erstreckung, wobei das « Da » in Heideggers Diskurs für die weder begründungsbedürftige noch begründungsfähige Instanz einer puren Kontingenz steht. Obwohl sich der Film also auf der einen Seite einer Reduktion aller zeitlichen Momente auf das Immergleiche ‹ schuldig › macht und damit dem vulgären Zeitverständnis Vorschub leistet ( weshalb Heidegger ihm nicht wohlgesonnen war) 47 , ist er zugleich das Medium, dem die frühe Filmtheorie etwa Siegfried Kracauers zutraut, einen ekstatischen Bezug zum Ereignis zu stiften, und der Grund dafür, dass er aufgrund seiner radikalen Öffnung zur Welt ein Medium ist, von dem Doanne sagt : « it must be experienced rather than described » 48 . III. Ekstatisches Zeitverständnis oder ‹ world witnessing › in den Social Media: Der Screen Shot Nachdem der medientechnische Verweisungszusammenhang einer zeitkritischen Philosophie dargelegt wurde, komme ich zu den digitalen Medien unserer Gegenwart zurück. In verschiedenen theoretischen Kontexten ( von Lacan bis Barthes ) 49 hat man den referenziellen Exzess moderner audiovisueller Medien beschrieben und zum Anlass genommen, in ihm eine eigene Form medialer Bezeugung oder Zeugenschaft der Welt zu sehen, die bloß organische Perzeptionsmöglichkeiten überschreitet. Die Medienwissenschaftler Paul Frosh und Amit Pinchevski formulieren diesen Sachverhalt so : « This is, then, a radically inclusive form of witnessing - we might call it ‹ world witnessing › to distinguish it from the ‹ eye › or ‹ flesh › witnessing that are primarily mediated by and filtered through the human body.» 50 Um noch einmal auf das Konzept der kinematischen Zeit zurückzukommen : Ganz im Sinne Heideggers unterscheidet Doanne 45 Ebd., 65 f. 46 Heidegger (Anm. 1), 408. 47 Gilles Deleuze hat gezeigt, dass der Film zwar in Übereinstimmung mit der wissenschaftlichen Revolution der Neuzeit « die Bewegung nicht mehr auf herausgehobene Momente, sondern auf jeden beliebigen Moment » bezieht, dass es ihm dabei aber gelingt, dem Beliebigen « das Singuläre » abzugewinnen, statt das Singuläre als Aktualisierungsmoment einer « transzendenten Form », einer « Pose » ( wie sie für das Theater typisch ist) zu erzeugen. Vgl. Gilles Deleuze : Das Bewegungs-Bild. Kino 1, Frankfurt a. M. 1990, 17, 19. 48 Doanne (Anm. 42 ), 25. 49 Roland Barthes : In Vorbereitung des Romans. Vorlesung am Collège de France 1978 - 1979 und 1979 - 1980, Frankfurt a. M. 2008, 126 ff. 50 Paul Frosh, Amit Pinchevski : Media Witnessing and the Ripeness of Time, in : Cultural Studies, 2014, 594 - 611, hier : 599. «Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit» 263 eine selektive Zeitrepräsentation, die technisch durch den Projektor und den unbeirrbar vorrückenden Filmstreifen garantiert wird, von einer « Weltzeit », die sich, der Definition Hans Blumenbergs entsprechend, als die « Gleichgültigkeit der Welt » gegen den Menschen, seine Erwartungen wie seine Erinnerungen, zur Geltung bringt : « Zeit », heißt es bei Blumenberg, « ist das am meisten Unsrige und doch am wenigstens Verfügbare », also das, was niemals « unser Eigentum sein kann » 51 ( aber uns dennoch ‹ bewohnt ›, deshalb das ‹ Unsrige ›), so sehr wir auch in Erinnerungen und Hoffnungen schwelgen mögen. Was Blumenberg mit der Metapher einer «Öffnung der Zeitschere » 52 beschreibt, die immer wieder zu schließen versucht wird, ist nicht nur eine philosophische Denkfigur, sondern zugleich auch Gegenstand einer populärkulturellen Erfahrungsform : « The cinema was assigned the task of producing a record of time that allowed for the spontaneous and unexpected - a look at the camera, a shadowy figure passing in front of the lens.» 53 Was für technische Analogmedien gilt, gilt erst recht für soziale Medien der digitalen Gegenwart. Sie geben, im Sinne von Frosh und Pinchevski, nichts Geringeres als die Welt, denn diese Medien steigern den Perspektivenreichtum auf Ereignisse und ihre Referenzierbarkeit über alles hinaus, was das « vulgäre Daseinsverständnis » sich als seine Welt zurechtlegt : Sie öffnen also die Zeitschere ( zwischen Lebens- und Weltzeit ) ins Unabsehbare und stellen gleichwohl Techniken zur Verfügung, über die Unerinnerbares zurückholbar wird. Vulgäres und ekstatisches Zeitverständnis treten in den sozialen Medien auseinander und überlagern sich zugleich : Der Feed ist Ausdruck jener Zeit, die unabänderlich vergeht ( die unüberschaubare Jetztfolge ) und zugleich nur je meine Zeit, denn der Strom aus Bildern, Texten und Tönen ist algorithmisch so arrangiert, dass er auf meine Präferenzen und damit : meine Mediennutzungsgeschichte abgestimmt ist. Manche populären Plattformen verstärken den Eindruck der flüchtigen Zeit noch dadurch, dass sie die Verfügbarkeit von Posts an eine bestimmte Zeitspanne binden, nach deren Ablauf sie verschwinden, wenn sie nicht auf andere Weise festgehalten werden. Die Zeit der sozialen Medien gehört niemandem, sie lässt sich nicht aus der Lebenszeit ihrer Nutzer : innen ableiten oder von ihnen beherrschen. Dadurch gewinnt sie ihren öffentlichen Charakter. Insofern lässt sich mit Heidegger sagen, dass soziale Medien ein « Wegsehen von der Endlichkeit » organisieren, eben weil sie « die selbstvergessene ‹ Vorstellung › von der ‹ Unendlichkeit der öffentlichen Zeit ›» 54 erzeugen. 51 Hans Blumenberg : Lebenszeit und Weltzeit, Frankfurt a. M. 2020, 74. 52 Blumenberg (Anm. 51), 69. 53 Doanne (Anm. 42 ), 144. 54 Heidegger (Anm. 1), 424. 264 Friedrich Balke Aber die sozialen Medien haben auch Praktiken ausgebildet, mit deren Hilfe sich User : innen dem besinnungslosen Fluss der ( digitalen ) Zeit, der angeblich keinerlei Festigkeit mehr erlaube, entgegenstemmen können. Ich möchte abschließend auf eine dieser Praktiken eingehen, weil sie auf besonders nachdrückliche Weise einem philosophischen Einsatz der Zeitlichkeit Heideggers Rechnung zu tragen scheint. Ausgerechnet am Ort einer medial erzeugten « nivellierten Jetztfolge » 55 entsteht die Möglichkeit einer ekstatischen Zeiterfahrung, die einen bestimmten Zustand des Zeitflusses festhält und ihn damit gerade davor bewahrt, zu vergehen, sodass der festgehaltene Zustand wieder und wieder betrachtet werden kann. Die Rede ist vom Screenshot. An ihm lässt sich das für Heidegger so entscheidende Verhältnis von Endlichkeit und Unendlichkeit der Zeit entfalten, denn der Screenshot dokumentiert einen Ausschnitt dessen, was die jemeinige Bildschirmlandschaft in einem bestimmten Moment versammelt und was schon im nächsten durch eine andere Landschaft ersetzt ist. Der Screenshot erfasst ein Bild der visuellen Daten, die sich zum Zeitpunkt seiner Entstehung auf dem Bildschirm einer Nutzer : in befanden : « Oberflächenelemente, Desktop/ Startbildschirm-Hintergrund, offene Tabs, Fenster und Apps ( samt ihrem Inhalt ) sowie gelegentlich die Position des Cursors » 56 . Paul Frosh hat allerdings darauf hingewiesen, dass der « Eindruck der Stabilität » nur ein Aspekt des Screenshots ist, der damit scheinbar aus der Welt digitaler Flüchtigkeit herausfällt ; ein anderer Aspekt besteht in seiner komplexen temporalen Struktur, die den Screenshot als ein « Mittel der Zeugenschaft und Welterschließung » 57 zu fassen erlaubt. Der Screenshot ist darüber hinaus von philosophischer Bedeutung, weil er ausgerechnet im digitalen Kommunikationsfluss die Instanz eines Wahrsprechens etabliert, das auf einem mediendokumentierenden oder medienforensischen Akt beruht : « Dass eine Aussage verändert wird oder verschwindet, wird verhindert, indem man sie aus dem unmittelbaren Zeitfluss herausnimmt und dank Wiederholung, Geschichte und Archivierung in weniger turbulente, verlangsamte Zeitlichkeiten verlagert.» 58 Der Screenshot teilt damit ein Motiv der Befragung von Sein und Zeit, insofern er das Sein auf dem Boden der Zeit restituiert bzw. der Macht einer Zeit widerspricht, der das Dasein verfallen ist, weil es sich ihm gegenüber nicht zu stabilisieren vermag : erinnerungslos, von Moment zu Moment in ihr treibend. Mit Blick auf die aggressiven Zeitbeschleuniger unter den Apps wie Snapchat hat Frosh den Screenshot daher einigermaßen pathetisch als « Racheengel der traditionellen Fotografie » bezeichnet, weil er das « radikale Unterfangen » dieser Apps « unterläuft, die konventionelle Verwendung von Fotos als Erinnerungsstücken 55 Ebd., 425 56 Paul Frosh : Screenshots, Berlin 2019, 31. 57 Ebd., 24. 58 Ebd., 24. «Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit» 265 und Beweismitteln unmöglich zu machen.» 59 Damit bindet Frosh die Wahrheitsfrage in sozialen Medien, die oft genug pauschal als Orte der Vergesslichkeit, der Manipulation, der Halbwahrheiten und der Lüge verstanden werden, an Akte der unter Umständen sogar forensisch relevanten Bezeugung. Mit dem Screenshot wird aus dem Zeitfluss ein Moment herausgeschnitten und festgestellt, der eben dadurch zu einem sozial geteilten oder teilbaren Moment wird, insofern er Beweisfunktionen übernehmen kann : Somit macht der Screenshot mehr, als lediglich einen Moment in einem bestimmten Feed auf einem Gerät festzuhalten. Und er umfasst mehr als nur die private ‹ Welt › eines einzelnen Nutzers, auf die sich aus dem zu einem bestimmten Zeitpunkt konservierten Inhalt seines Bildschirms schließen lässt. 60 Die Bedeutung dieser dokum entarischen Praxis geht also über die idiosynk ratische Fixierung eines spezifischen Moments hinaus : « Zeugenschaft abzulegen bedeutet, etwas zum ‹ Ereignis › zu deklarieren, das in einem bestimmten Moment auf dem Bildschirm meines Gerätes erscheint und auf die Bildschirme anderer übermittelt werden kann oder soll.» (45 f.) Heideggers ekstatisches Zeitmodell schließt an die Etymologie von ek-stasis an, denn sie bezeichnet die paradoxe Dauer (‹ Erstreckung ›) von Augenblicken, die mittels bestimmter Techniken aus dem Zeitfluss und seiner ‹ Gleichgültigkeit › herausgenommen werden. Über diese Techniken der Ereigniserstreckung, die auch in älteren Medien ihr Pendant haben, schweigt sich Heidegger allerdings aus, weil er sie der vulgären Zeit zuordnet. Der Screenshot teilt mit der Indexikalität der technischen Analogmedien das, was Frosh und Pinchevski « referential excess » 61 nennen : « Das heißt, es befindet sich immer mehr im Bild als ursprünglich gewollt ; es gibt immer Details, die in keinerlei Zusammenhang mit der Intention des Fotografen stehen, aber doch aussagekräftig und interpretierbar sind.» 62 Frosh und Pinchevski haben ihr Konzept einer Ripeness of Time genau auf diese retrospektive Anreicherung eines vermeintlich vergangenen und abgeschlossenen Ereignisses abgestellt, die eben voraussetzt, dass Medien zur Verfügung stehen, die über alles Menschenmaß hinaus perzipieren und memorieren : « Media witnessing, therefore, contributes to a general intensification of the eventfulness of the world.» 63 59 Ebd., 25. 60 Ebd., 42. 61 Frosh/ Pinchevski (Anm. 50 ), 598. 62 Frosh (Anm. 56 ), 47. Diese Figur eines referenziellen Exzesses spielt, wie die Überlegungen Doannes zur cinematic time deutlich machen sollten, bereits für technische Analogmedien eine zentrale Rolle und taucht bei so unterschiedlichen Medien- und Kulturtheoretikern wie Siegfried Kracauer, Roland Barthes und Friedrich Kittler auf, wenn sie sich mit Medien befassen, die die alphanumerische Codierung unterlaufen. 63 Frosh/ Pinchevski (Anm. 50 ), 599. 266 Friedrich Balke Heideggers Auseinandersetzung mit dem vulgären Zeitbegriff kulminiert in einer u. a. von Derrida ausführlich kommentierten Lektüre von Hegels Zeitbegriff, 64 den er als die « radikalste und zu wenig beachtete begriffliche Ausformung des vulgären Zeitverständnisses » 65 kritisiert. Dass Hegel den Raum in Zeit übergehen lasse, heißt, dass sich die Zeit im « Punkt » in ihr Anderes verwandelt. Das vulgäre Zeitverständnis ist eben genau dies : Die Zerlegung der Zeit in gegeneinander abgeschlossene Zeitpunkte und damit die Privilegierung einer « Gegenwart », die allerdings Hegel selbst bereits als prekär und ‹ unhaltbar › kennzeichnet, wenn er in der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften schreibt : « Das Jetzt hat ein ungeheures Recht [ die sozialen Medien bestätigen genau dies auf eklatante Weise, sie sind das Hegel’ sche « absolut Unruhige », FB ] - es ist nichts als das einzelne Jetzt ; aber dies Ausschließende in seiner Aufspreizung ist aufgelöst, zerflossen, zerstäubt, indem ich es ausspreche.» 66 Die Zeit vom « Sein des Punktes » und seiner Aufspreizung zu lösen, ist nun aber genau das, was mit der Konzeption einer Reife der Zeit gemeint ist, die den medialen Bezeugungspraktiken eigen ist : Diese ‹ Reife › ist nämlich nicht das Telos eines Prozesses, das (immer nur vorläufige ) Ende einer ‹ Laufbahn ›, ein Zustand der Perfektion, sondern die retrospektive Anreicherung dessen, was, sofern es vergeht, ein bloßer Punkt gewesen sein wird, dessen Zerfließen oder Zerstäuben die Unmöglichkeit des Einschlusses der Zeit in den vermeintlich selbstgenügsamen Punkt anzeigt. Dieser Armut des selbstgenügsamen Punktes setzt das mediale Bezeugen tatsächlich eine ekstatische Erstrecktheit entgegen, die durch konkrete Medientechniken ermöglicht wird : Frosh und Pinchevski nennen u. a. « slow motion, freeze frame, picture and audio enhancement » 67 und formulieren zugleich das Gegeneinander von vulgärem und ekstatischen Zeitverständnis, das nicht so zu verstehen ist, als könne das eine jemals das andere überwinden : « The more we try to pinpoint the event, the less we can grasp it in its entirety ; and the more we 64 Jacques Derrida : Ousia und gramme. Notiz über eine Fußnote in Sein und Zeit, in : ders.: Randgänge der Philosophie, Frankfurt a. M., Berlin, Wien 1976, 38 -87. 65 Heidegger (Anm. 1), 428. 66 Georg Wilhelm Friedrich Hegel : Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften II, Frankfurt a. M. 1976, § 258, Zusatz, 50. Man könnte einwenden, dass Hegel Sprache bzw. Sprechakte als Bezugsmedien heranzieht, an denen er die Flüchtigkeit der Zeit abliest. Dass soziale Medien, wie die Forschung am Beispiel der Verwendung von Selfies gezeigt hat, tatsächlich den Austausch von Fotos in einen konversationellen Akt verwandeln und damit das Bild dem gesprochenen Wort ( das auf eine Erwiderung hin angelegt ist) annähern, zeigt allerdings, dass Hegels Hinweis auf das ausgesprochene Wort sich als mediengeschichtlich hellsichtig erwiesen hat. Zum Foto als Konversationsbild (« image conversationelle ») vgl. André Gunthert : The conversational image. New uses for digital photography, in : Études Photographiques, Nr. 31, 2014 ( https : / / journals.openedition.org/ etudesphotographiques/ 3546) [konsultiert am 21. 12. 23 ]. 67 Frosh/ Pinchevski (Anm. 50 ), 599. «Nivellierte Jetztfolge» und «ekstatische Erstrecktheit» 267 account for its spread, the less sense it makes in talking about an event as a singular space - time configuration.» 68 Anders gesagt : Die Datierbarkeit des Ereignisses, die die Zeit dem Gezählten und Zählbaren annähert, ist nur sein Ausgangsaspekt ; seine Medialisierung besteht in der « ad-hoc sum of its various junctures, linkages and possible connections, making it practically impossible to determine where and when its centre of gravity is located.» 69 Weit davon entfernt also, dass der Screenshot den Zeitpunkt befestigt, löst er ihn auf, indem er das Jetzt zu befragen erlaubt und ihm, wenn man so will, eine andere Räumlichkeit - verstanden als Flächigkeit, Volumen oder Kontextualität - zurückgibt. 68 Ebd., 604. 69 Ebd., 604 268 Friedrich Balke