Mühlsteinkragen und Totentanz
Matthias Oberli — Mühlsteinkragen und Totentanz – Conrad Meyers Welt
Mühlsteinkragen und Totentanz - Der barocke Grafiker und Maler Conrad Meyer (1618–1689) aus ZürichMatthias Oberli — Mühlsteinkragen und Totentanz – Conrad Meyers Welt 10.24894/978-3-7965-5341-7Matthias Oberli, Jochen Hesse, Werner Dubno, Walter R.C. Abegglen17 Krieg, Pest und Hexenwesen Matthias Oberli Mühlsteinkragen und Totentanz - Conrad Meyers Welt Krieg, Pest und Hexenwesen Fünf Monate bevor Conrad Meyer das Licht der Welt erblickte, ereignete sich in Böhmen der sogenannte Prager Fenstersturz. Diese handgreifliche Eskalation zwischen dem protestantischen und dem katholischen Lager entfachte einen drei Jahrzehnte währenden Krieg, der in der Folge weite Teile Mitteleuropas in ein riesiges Schlachtfeld verwandelte, auf dem auch viele eidgenössische Söldner ihr Leben liessen.2 Verschiedene Schweizer Städte reagierten auf diesen Konflikt mit dem Ausbau ihrer Befestigungsanlagen, so auch Zürich ab 1642.3 Conrad Meyer sollte sich später auf vielfältige Weise mit diesen kriegerischen Umständen seiner Zeit beschäftigen. In zahlreichen Zeichnungen und Radierungen hielt er die Es war eine bedrückende Zeit, in die Conrad Meyer am 3. Oktober 1618 in Zürich als Sohn der Elisabetha Ulrich (1580-1625) und des angesehenen Malers und Kupferstechers Dietrich Meyer d. Ä. (1572-1658) hineingeboren wurde: Tod und Zerstörung prägten den Alltag der Menschen, und der Teufel schien allgegenwärtig. Die Erscheinung von drei grossen Kometen im Herbst dieses Jahres wurde - wie auch spätere Sichtungen solcher als «Zornboten Gottes» titulierter Himmelsobjekte - als weiteres böses Omen für eine wenig verheissungsvolle Zukunft gedeutet.1 Abb. 4 | Conrad Meyer, Delineation der Statt Zürich, 1647, Radierung, 13,2 × 17,5 cm, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, ZH 1a mit Zürichberg 1, 32 Pp A 4 18 Mühlsteinkragen und Totentanz - Conrad Meyers Welt Bollwerke seiner Vaterstadt als architektonische Mahnmale der ständigen Bedrohung fest. 1655 lieferte er die Illustrationen zu Johann Hartmann Lavaters militärischen Instruktionen für die Zürcher Bürger, und in den späten 1670er Jahren bebilderte er das Exercier-Büchlein von Johannes Schalch mit Darstellungen von Kampfhandlungen nach Vorlagen von Jacques Callot und mit Schlachtordnungen4 (siehe auch Abb. 280 und 281). Nur allmählich erholte sich die Eidgenossenschaft im Jahrzehnt von Conrad Meyers Geburt vom demografischen Kahlschlag, den 1611 ein neuerlicher Pestzug im Land hinterlassen hatte. Allein in Zürich raffte der «Schwarze Tod» in diesem Jahr fast die Hälfte der Stadtbevölkerung dahin, darunter sehr viele Kinder.5 Die Seuche, die seit Mitte des 14. Jahrhunderts in Abständen von zehn bis zwanzig Jahren Dörfer und Städte mit verheerenden Folgen heimsuchte, grassierte auch weiterhin, ehe sie hierzulande von 1667 bis 1670 ein letztes Mal wütete.6 Auch in Conrad Meyers Familie fuhr der Tod reiche Ernte ein. Seine Mutter, die zuvor sieben Knaben und fünf Mädchen das Leben geschenkt hatte, verlor unser Protagonist 1625, als er gerade einmal sieben Jahre alt war. Conrads dreizehn Jahre älterer Bruder Rudolf, der ihn in die Kunst des Malens und Zeichnens eingeführt hatte, starb 1638 im Alter von 33 Jahren, und seine Schwester Agnes, die nach dem Tod der Mutter den Meyer’schen Haushalt führte, ging 1642 kurz vor ihrem 35. Geburtstag an den Folgen von Melancholie und schwacher Gesundheit zugrunde.7 Kein Wunder, dass diese Allgegenwart des Todes auch in der Kunst ihren Niederschlag fand.8 Im 16. und 17.- Jahrhundert entstanden in der Schweiz verschiedene beeindruckende Totentanzdarstellungen in profanem und religiösem Kontext.9 Die Gebrüder Rudolf und Conrad Meyer schufen zu diesem morbiden Thema ebenfalls eine beeindruckende Gedicht- und Radierfolge unter dem Titel Sterbensspiegel, die weitherum rezipiert wurde (siehe dazu auch den Beitrag von Achim Riether).10 Das Haus zum steinernen Kindli (Neumarkt 20), das die Familie Meyer im 17. Jahrhundert in Zürich zeitweise bewohnte, ziert ein Putto mit Symbolen der Vergänglichkeit wie Totenschädel, Sanduhr und Blumen (Abb. 42, siehe dazu auch den Beitrag von Mylène Ruoss). Sich selbst stellte Conrad Meyer wiederholt in Gegenwart Abb. 5 | Conrad Meyer, Duellanten (nach Jacques Callot), 1678, Radierung, 11 × 18 cm, in: Johannes Schalch, Exercier-Büchlein, Basel 1680, S. 99, Universitätsbibliothek Basel, UBH AN 74 19 Krieg, Pest und Hexenwesen Abb. 6 | Conrad Meyer, Elf Kopfstudien und sechs Schädel, nicht datiert, Öl auf Leinwand, 58 × 88 cm, Kunsthaus Zürich, Kellersche Sammlung, 1854 Abb. 7 | Conrad Meyer, Selbstbildnis mit Totenkopf, 1647, Feder in Schwarz, 13,2 × 10,7 cm, Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung, Z.A.B. 1329 Abb. 8 | Conrad Meyer, Memento mori, nicht datiert, Radierung, 10,5 × 7,4 cm, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Varia Embleme I, 2 Abb. 9 | Conrad Meyer, Bau[e]r, 1650, Radierung, 15 × 10,5 cm, in: Conrad und Rudolf Meyer, Sterbensspiegel, Zürich 1650, Tf. 34, S. 75, Zentralbibliothek Zürich, 6.133 21 Krieg, Pest und Hexenwesen von Skeletten und Totenköpfen dar, als eindringliche Mahnung, dass der Tod uns allen bevorsteht oder wie es die lateinische Redewendung knapp ausdrückt: «Memento mori». Nicht weniger in Angst und Schrecken als Krieg und Seuchen versetzte Meyers Zeitgenossen auch das angebliche Hexenwesen. 1615 wurden Regula Frytag aus Dällikon und Anna Müller aus Lengnau von ihren Nachbarn der Hexerei bezichtigt und nach Zürich überführt.11 Im Wellenberg, dem in der Limmat stehenden Gefängnisturm, wurden die beiden Frauen mehrfach unter schwerer Folter verhört und nach ihrer Verurteilung auf einer Kiesbank in der Sihl bei lebendigem Leib verbrannt. 1701 fand in Zürich der letzte Hexenprozess statt und beendete diese dunkle Justizperiode, die im Lauf der Zeit auf Zürcher Staatsgebiet über achtzig, in der gesamten Schweiz mehrere Tausend - meist weibliche - Opfer geforderte hatte.12 Der Bestärkung des christlichen Glaubens und der Furcht vor Sünde und Verdammnis kam in diesem Umfeld eine zentrale Rolle zu, und Conrad Meyer wurde einer der bedeutendsten Illustratoren und Herausgeber von moralischer und religiöser Erbauungsliteratur, in der auch die Darstellung der Höllenqualen und des Teufels zentrale Aspekte sind. Abb. 10 | Conrad Meyer, Ansicht von Zürich mit dem Wellenbergturm und Regenbogen, nicht datiert (um 1660), Öl auf Leinwand, 86,5 × 108,5 cm, Privatbesitz 22 Mühlsteinkragen und Totentanz - Conrad Meyers Welt Räumliche Weite, gesellschaftliche Enge Conrad Meyer wuchs in Zürich in überschaubaren Verhältnissen auf. Die Limmatstadt zählte um 1600 etwa 9000 Einwohnerinnen und Einwohner13 und war damit von der Bevölkerungsgrösse her vergleichbar mit anderen bedeutenden Schweizer Städten wie Basel, Bern oder Genf.14 Im 17. Jahrhundert wies die Eidgenossenschaft, die ungefähr das Territorium der heutigen Schweiz abdeckte, eine Gesamtbevölkerung von schätzungsweise einer Million Menschen auf. Sie war damals noch eher dünn besiedelt: Rund 30 Personen verteilten sich zu jener Zeit durchschnittlich auf einem Quadratkilometer, während es heute bei einer Bevölkerung von neun Millionen Menschen weit über 200 pro Quadratkilometer sind. Dementsprechend unverbaut und weitläufig präsentierte sich in Meyers Epoche auch die Schweiz. Matthäus Merians 1642 erstmals erschienenes Ansichtswerk der Orte der Eidgenossenschaft, die Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae, zeigt uns das Bild einer von Dörfern und Kleinstädten geprägten Gegend mit wenigen Verkehrswegen und viel naturbelassenem Umland. Conrad Meyers später entstandene Veduten der Zürcher Herrschaft und der Alpen und seine zahlreichen Zeichnungen von Hühnern, Schweinen und Ziegen, die damals inner- und ausserhalb Zürichs Stadtmauern gehalten wurden, bestätigen diese vermeintliche Idylle einer vorindustriellen Landschaft (siehe dazu auch die Beiträge von Jochen Hesse und David Schmidhauser). Auch Fortbewegung und Warenverkehr vollzogen sich damals in anderen Dimensionen als heute: «Der Transport von Gütern auf dem Landweg war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit so mühsam wie langsam».15 Im 17.- Jahrhundert waren die Strassen noch ohne Steinbett und bei schlechtem Wetter kaum befahrbar; Güter wurden möglichst auf dem Wasserweg verschifft, Kutschen für den Personentransport waren kaum in Gebrauch und wenn, dann meist nur im Winter. Grössere Distanzen mussten zu Pferd oder mit dem Schiff zurückgelegt werden und ihre Bewältigung nahm viel Zeit in Anspruch: Städte wie Bern oder Basel waren von Zürich aus nur Abb. 11 | Conrad Meyer, Das Jüngste Gericht …, 1667, Radierung, 21 × 14 cm, Kupfertitel, in: Johannes Ulrich, Das Jüngste Gericht: Oder Gründliche Erklärung der uralten Weissagung des heiligen Patriarchen Enochs …, Zürich 1667, Universitätsbibliothek Basel, UBH Fi VI: 28: 1 Abb. 12 | Conrad Meyer, Studien eines Schweins, nicht datiert, Feder in Schwarz, graublau laviert, 13,7 × 17 cm, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Meyer Conrad ZEI 1.0016.036 Pp 23 Räumliche Weite, gesellschaftliche Enge in zwei bis drei Tagesreisen erreichbar. Diese beschwerlichen Umstände hinderten namentlich die damaligen Künstler jedoch nicht daran, auch weite Distanzen in Angriff zu nehmen und ganz Europa zu erkunden. So weilte Conrad Meyer während seiner Lehrzeit in Bern, Lyon, Frankfurt a. M. und Augsburg sowie in den Bergen von Glarus und der Innerschweiz; sein zwanzig Jahre jüngerer Kollege Joseph Werner d. J. (1637-1710) aus Bern wirkte als Maler gar in Basel, Frankfurt a. M., Rom, Paris, Augsburg und Berlin (siehe dazu auch den Beitrag des Autors zu Meyers Netzwerken). Es war neben Neugier und dem Bestreben, sich handwerklich und künstlerisch weiterzubilden, vermutlich auch die gesellschaftliche Enge, die viele Schweizer Künstler in der Fremde neue Erfahrungen und Freiheiten suchen liessen. Denn in den eidgenössischen Städten des 17. Jahrhunderts herrschte ein rigides obrigkeitliches und religiöses System, das seine Bürgerinnen und Bürger stark einschränkte. Die politische Ordnung der Stadt Zürich gründete auf der seit 1336 geltenden Zunftverfassung. Es gab die zwölf Zünfte der Handwerker und Gewerbetreibenden sowie die «Gesellschaft zur Constaffel» als Vereinigung des alten Patriziats und von Bürgern mit nicht zunftgebundenen Berufen.16 Der Grosse Rat, auch «das Regiment» genannt, setzte sich aus 212 Mitgliedern zusammen, bestehend aus achtzehn Mitgliedern der Constaffel, 144 Zünftern und den fünfzig Angehörigen des Kleinen Rats. Er zeichnete verantwortlich für die Gesetzgebung, hatte die Steuer- und Münzhoheit inne und bestimmte über die Aufnahme neuer Bürger. Dem Kleinen Rat gehörten die beiden sich halbjährlich abwechselnden Bürgermeister, Abb. 13 | Conrad Meyer, Schlittenfahrt am Zürichsee, 1660, Öl auf Leinwand, 49 × 61 cm, Kunsthaus Zürich, Schenkung 1950 24 Mühlsteinkragen und Totentanz - Conrad Meyers Welt 24 Zunftmeister, vier Constaffelherren sowie 14 Zunftsratsherren und sechs freie Ratsherren an. Er übernahm die Staats- und Stadtverwaltung und hatte die Oberste Gerichtsbarkeit inne. So lag das Schicksal von Stadt und Staat Zürich damals in der Hand eines auserlesenen Zirkels von Handwerkern und Vertretern des alten Patriziats. Conrad Meyer porträtierte so manchen dieser Amtsinhaber (siehe dazu den Beitrag von Walter R. C. Abegglen) oder fertigte für diese einflussreiche Klientel Scheibenrisse für Glasgemälde mit den entsprechenden Familienwappen an. Alleinige Oberaufsicht über das Handwerk übten die Zünfte aus. Dies mussten 1628 auch Conrad Meyers Vater und sein Bruder Rudolf am eigenen Leib erfahren. Damals erhob die Weinleutezunft beim Kollegium der Zünfte der Stadt Zürich Klage gegen verschiedene Maler, darunter Hans Conrad Gyger, Samuel Hofmann, Dietrich Meyer d. Ä., seinen Sohn Rudolf und Gotthard Ringgli. Der Vorwurf lautete, dass sich diese nicht mehr allein mit der figürlichen Malerei («sich nit mehr deß contrafetens») begnügen würden, sondern auch lukrative Arbeiten als Flachmaler ausführten, ein Metier, das eigentlich der Zunft zu Weinleuten vorbehalten war.17 Die beschuldigten Zürcher Maler, die teilweise anderen Zünften angehörten, mussten sich darauf auf obrigkeitlichen Beschluss hin der Zunft zu Weinleuten anschliessen und sich dort neu einkaufen. 1629 verfassten die solchermassen in die Weinleutezunft gedrängten Maler eine Verordnung zu ihrem Berufsstand, die von der Regierung im Folgejahr genehmigt wurde und bis zum Jahr 1798 Gültigkeit hatte. In diesem 24 Artikel umfassenden Reglement wurden die handwerkliche Ausbildung und das Gesellenwesen festgelegt sowie die Pflichten und Rechte der Malermeister gegenüber der Zunft und dem Staat erörtert. Folglich kaufte sich auch Conrad Meyer im Sommer 1643 in die Zunft zu Weinleuten ein, die heute unter der Bezeichnung Zunft zur Meisen als grösste Zunft Zürichs gilt. Doch nicht allein in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht waren den Menschen des 17. Jahrhunderts klare Grenzen gesetzt. Sogenannte Sittenmandate regelten detailliert die Bekleidung von Männern und Frauen und dienten der gesellschaftlichen Distinktion. Die städtischen Kleiderordnungen sollten auch die Zurschaustellung von Reichtum kontrollieren. Insbesondere die Reformation brachte eine Flut von Sittenmandaten und schrieb den Männern und speziell den Frauen «äusserliche Schlichtheit, Ehrbarkeit, Bescheidenheit und den Verzicht auf aufreizende Kleidung und ‹sündhaften› Aufwand» vor.18 In Zürich wurden im barocken Zeitalter wiederholt Abb. 14 | Conrad Meyer, Scheibenriss für die Allianzwappenscheibe für Hans Hafner und Catharina Müller respektive Hans Zollinger und Catharina Huber, 1681, Feder in Schwarz, grau laviert, 34,5 × 24,8 cm (Blattmass), Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Scheibenrisse A II 13 Abb. 15 | Zunft- und Reisbuch der Zunft zur Meisen, Zürich, Eintrag der Aufnahme Conrad Meyers in die Zunft zur Meisen am 29. Juni 1643, Staatsarchiv Zürich, 1531-1847, W I 11.41, S. 72, Nr. 724 25 Räumliche Weite, gesellschaftliche Enge Hoffartserlasse gegen neue modische Einflüsse und zur Schau gestellten Prunk ausgesprochen.19 So wandte sich das Zürcher Sittenmandat von 1650 gegen Hutbänder, Nesteln, gold- und silberbestickte Gürtel, gegen goldene Ketten, Handschuhe, Muffe und kleine Spiegel.20 Die von der spanischen Hofmode geprägten schwarzen Gewänder und der obligate Mühlsteinkragen, eine mehrlagig gefaltete Halskrause aus gestärktem weissen Leinen, waren modischer Ausdruck eines restriktiven Regiments: Dazu gehörten ebenso die für Zürcher Frauen typischen Kopfbedeckungen, nämlich das sogenannte «Tächli- Tüchli» als zweilagige weisse Stoffhaube und der voluminöse «Hinderfür», eine dunkle, kugelförmige Kappe aus Bären-, Marder- oder Zobelfell respektive eine Imitation davon aus Wolle. All diese modischen Accessoires tauchen in Conrad Meyers Bildnissen stets auf. Abb. 16 | Conrad Meyer, Forma, Habitus ac Mundus Virginis Thuricensis, 1659, Öl auf Leinwand, 88 × 58 cm, Privatbesitz Abb. 17 | Conrad Meyer, Doppelbildnis des Zürcher Scharfrichters Johann Jakob Volmar und der Maria Volmar-Berchtold, 1677, Öl auf Leinwand, 88,7 × 135 cm, Schweizerisches Nationalmuseum, IN 6961.1-3 26 Mühlsteinkragen und Totentanz - Conrad Meyers Welt Der Zürcher Staat sorgte im 17. Jahrhundert bei seinen Bürgerinnen und Bürgern rigoros für die Durchsetzung religiöser Pflichten und sittlicher Zurückhaltung. Neben den bereits erwähnten Kleiderordnungen, die für den Besuch der Gottesdienste noch verschärft waren, gab es verschiedene Einschränkungen, die besonders an Feiertagen einzuhalten waren. So war der Besuch der reformierten Sonntagsmesse verpflichtend. Säumige Kirchgänger konnten ihr Bürgerrecht verlieren oder wurden aus der Zunft ausgeschlossen.21 Sonntags galt ein allgemeines Arbeitsverbot, und der Transport von Waren und Personen war nur zu bestimmten Zeiten vor oder nach der Predigt erlaubt. Wer am Montag einen auswärtigen Markt besuchen wollte, dem war es erst nach dem Kirchenbesuch am Sonntagmorgen erlaubt, die Stadt zu verlassen oder man musste - wie es das Sittenmandat von 1650 vorschreibt - unterwegs einem Gottesdienst beiwohnen.22 Über Nacht blieben die Tore der Stadt Zürich für Bewohnerinnen und Bewohner gewöhnlich geschlossen. Private Feste wie Taufessen, Hochzeiten oder Leichenmahle waren ebenfalls streng reglementiert und sollten nicht zu ausschweifend gefeiert werden. So wurde 1636 die maximale Anzahl der Hochzeitsgäste auf sechzig Personen limitiert, und die Tafel musste um 22 Uhr aufgehoben werden.23 1640 schrieb der Kleine Rat der Stadt Zürich sogar die Speisenfolge und deren Umfang für Hochzeitsgesellschaften detailliert vor. Conrad Meyers Tischzucht, eine Radierung für das erste Neujahrsblatt der Bürgerbibliothek Zürich von 1645, ist eine direkte künstlerische Reaktion auf diese staatlichen Vorgaben, die sich tief in das Privatleben der Familien einmischten.24 Auch in Bezug auf die Produktion von Kunst und Literatur führte der Zürcher Staat ein striktes Regiment. Die Zürcher Zensurbehörde hielt ein wachsames Auge auf einheimische Publikationen, damit diese nicht gegen ihre Auffassung guter Sitten oder theologischer Prinzipien verstiessen. Dies bekam auch Conrad Meyer zu spüren, als er sich im Frühling 1650 anschickte, seine Totentanzfolge zu publizieren. Sein aus Illustrationen und Versen bestehender Sterbensspiegel stiess bei zwei Zensoren auf erbitterten Widerstand, und nur dank Fürsprache einflussreicher Freunde gelang es ihm, das später sehr populäre Werk dennoch zu veröffentlichen.25 Abb. 18 | Conrad Meyer, Tischzucht, 1645, Radierung, 14 × 24 cm (Bildmass), Illustration zum Neujahrsblatt der Bürgerbibliothek Zürich auf das Jahr 1645, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Kupf. 210 27 Arte et Marte: Die Zürcher Bürgerbibliothek Arte et Marte: Die Zürcher Bürgerbibliothek Am Abend des 6. Februar 1629 empfing Johann Heinrich Ulrich, Zürcher Pfarrer und Professor für Altgriechisch, in seiner Wohnung an der Kirchgasse vier seiner ehemaligen Schüler.26 Dort berichteten die Gebrüder Johann Balthasar und Felix Keller, Johann Heinrich Müller und Johann Ulrich Ulrich, damals alle zwischen zwei- und vierundzwanzig Jahre alt, von ihren soeben beendeten Studienreisen nach Italien, England und Frankreich. Grossen Eindruck hatten auf die jungen Männer aus der Zürcher Oberschicht die fürstlichen Sammlungen, Bibliotheken und Kuriositätenkabinette gemacht, die sie im Ausland besuchen konnten. Diese Schilderungen brachte die Runde auf den Gedanken, in Zürich eine vergleichbare Sammlung von Büchern und Artefakten zu begründen, die für die Bevölkerung der Stadt frei zugänglich sein sollte. Diese private Initiative gilt als Geburtsstunde der Zürcher Bürgerbibliothek, einer der ersten öffentlichen Sammlungen der Schweiz überhaupt. Professor Ulrich verfasste daraufhin eine Programmschrift für die zu gründende Bibliotheca nova Tigurinorum publico-privata, die auch als Spendenaufruf gedacht war: «Lassend uns samlen allerhand gattung der nutzlichisten Authorum und Scribenten / lassend uns anstellen Bibliothecas / … Lassend uns durch diß mittel Vestenen unnd schanzen der Tuge[n]t / und Zeüghäuser der weißheit auffbauwen und bevestnen […]».27 Abb. 19 | Johannes Meyer, Abriß der Kunst-Kammer auf der Wasser Kirchen In Zürich, 1688, Radierung, 17,1 × 26,1 cm, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, STF III,2 28 Mühlsteinkragen und Totentanz - Conrad Meyers Welt Neben einer umfangreichen Bibliothek zu Themen der Theologie, Politik und Geschichte, der Geografie, der Naturwissenschaften oder der Technik sollte die Sammlung auch eine Kunstkammer mit «… allerley Antiquiteten und Rariteten von Müntzwerck unnd allerley Sorten und Metall alten geldts / Kunststuck Kupferstich / new erfundne und geschwinde werck unnd der gleichen mehr» enthalten.28 Zur Verwaltung der Objekte wurde eine Bibliotheksgesellschaft gegründet und als deren lateinische Devise «Arte et Marte» gewählt, ein Hinweis auf Wissenschaft und militärische Stärke als Fundamente einer guten Regierung.29 Zunächst in privaten Räumen untergebracht, wuchs die Sammlung durch Donationen rasch an; im Jahr 1631 zählte sie bereits über 1500 Bände. Hinzu kamen allerlei seltene Objekte wie Medaillen, Fossilien, Antiquitäten, Mineralien und Instrumente, aber auch 18 Bildnisse.30 Auf ihr Gesuch hin überliess der Rat der Stadt Zürich den Initianten die beiden oberen Geschosse der Wasserkirche am Ufer der Limmat, um dort die Sammlung einzurichten. Der spätgotische, seit der Reformation säkularisierte Bau hatte bisher als Warenlager und Markthalle gedient. 1634 wurde die Sammlung der höher gestellten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.31 Conrad Meyer stand in enger Verbindung zur Zürcher Bürgerbibliothek. Nicht nur dürfte er die dort befindlichen Objekte, wie etwa Albrecht Dürers Grafiken oder dessen Lehrbuch Underweysung der messung mit dem Abb. 20 | Conrad Meyer (? ), H. Balthasar Venators verteutsches Ehren- und Lobgeticht für die im 1629 jahr neuaufgerichte Burgerbücherey zu Zürich, 1661, Radierung, 38,2 × 30 cm, Neujahrsblatt der Bürgerbibliothek Zürich auf das Jahr 1661, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, AZZ 17: 19 29 Anmerkungen Zirckel und richtscheit von 1525 sowie die Porträtgalerie studiert haben.32 Mit seinem 1645 erstmals erschienenen Neujahrsblatt für die Zürcher Bibliotheksgesellschaft begründete er eine bis ins 20. Jahrhundert andauernde Tradition.33 Diese Drucke mit Illustration und belehrendem Text wurden jeweils am 1. Januar den Kindern der Unterstützer der Bibliothek als Dankesgabe überreicht. Das Neujahrsblatt von 1661 ziert eine vermutlich von Meyers Hand stammende Aussenansicht der Wasserkirche, und sie wird von einem Lobgedicht des deutschen Späthumanisten Balthasar Venator auf diese öffentliche Einrichtung begleitet, die in der für die Limmatstadt schmeichelhaften Einsicht mündet: «Es sey das Kunstgebirg / der Musen Thron und Zellt, wanns nicht zu Zürich ist, an keinem Ort der Welt.» Anmerkungen 1 Dazu Lehmann 1985 und Bentley 2005. Eine Conrad Meyer zugeschriebene Radierung (Meyer 1661 [? ] (Komet) in der Zentralbibliothek Zürich (Signatur EDR 1661 Komet Ia, 1) schildert mit Text und astronomischer Karte eine weitere Kometenerscheinung im Januar 1661 über Zürich. Dazu steht als Trost: «Cometen waren ieder Zeiten / Zornbotten Gottes, und bedeüten / Wind, Theürung, Pest, Krieg, Wassersnoht, / Erdbidem, Endrung, Fürstentodt. / Solt aber drum der fromm verzagen? / Nein, sonder, mit vertrauen sagen: / Wan Erd und Himmel braechen eÿn, / wird Gott mein Port und Anker seÿn.» 2 Kat. 1648 - Krieg und Frieden in Europa. 3 Grunder 2005. 4 Meyer / Lavater 1655 (Kriegswaffen) und Meyer 1680 (Kupfertitel und Illustrationen in Schalch 1680). 5 Daszynska 1891, S. 2 und 30. Im Pestjahr 1611 wurden in Zürich 4464 Verstorbene gezählt, darunter 1757 Kinder, in normalen Jahren lag die durchschnittliche Sterbequote zwischen 400 und 700 Personen. 6 Zur Pest in Zürich im 17. Jahrhundert vgl. Flüeler / Flüeler-Grauwiler 1994-1996, Bd. 2, S. 289-292, und zur Pest in der Schweiz allgemein HLS, Lemma «Pest». 7 Abegglen 1996, S. 250-252. 8 Siehe dazu auch Loetscher 1999. 9 Zu Totentanzdarstellungen in der Schweiz im 16. und 17. Jahrhundert siehe Ströle 1999, S. 29-42, und Oberli 2021, S. 165-170. 10 Meyer 1650 (Sterbensspiegel). Siehe dazu auch Ströle 1999. 11 Sigg 2019, S. 145-155. 12 In der Schweiz wurden vom Mittelalter bis ins 18. Jh. schätzungsweise 10’000 Hexenprozesse durchgeführt. Siehe HLS, Lemma «Hexenwesen» und Flüeler / Flüeler-Grauwiler 1994-1996, Bd. 2, S. 292-296. 13 Daszynska 1891, S. 3 und 12. 14 Oberli 2021, S. 28. 15 HLS, Lemma «Verkehr». Siehe zum Schweizer Verkehrswesen im 17. und 18. Jahrhundert auch Kopp / Trachsler / Flüeler 1982, S. 8-26. 16 Zimmermann 1983, S. 10-11. 17 Schlégl 1980, S. 27 f. 18 HLS, Lemma «Kleidung», Jakob 2018 und Franzen 2022. 19 Ziegler 1978, S. 58-63. 20 Ebd., S. 62. 21 Ebd., S. 32 f. 22 Ebd., S. 34 f. 23 Ebd., S. 46. 24 Siehe dazu auch Baer / Baer 2024, S. 28-35. 25 Dazu ausführlich Ströle 1999, bes. S. 167-192. Die Zensoren stiessen sich besonders an den Texten zu den Figuren von «Kaiser», «Papst» und «Prediger». Meyer kam den Änderungswünschen nur teilweise nach. Ob das Buch, wie Ströle mutmasst (Ströle 1999, S. 180), zur Umgehung der Zensur in Strassburg gedruckt wurde, bleibt fraglich. Auf dem Titelblatt der Ausgabe vom August 1650 jedenfalls zeichnet die Zürcher Druckerei Bodmer verantwortlich. 26 Rütsche 1997, S. 52-58. 27 Ulrich 1629, S. 100 f. 28 Ebd., S. 104. 29 Zur Entstehung dieser Devise in der italienischen Renaissance siehe Brink 2000. 30 Das Inventar der Kunstsammlung bei der Eröffnung 1634 bei Rütsche 1997, S. 110 f. 31 Die Mitgliedschaft in der Bibliotheksgesellschaft war der Oberschicht vorbehalten und kostete zehn Gulden. Fremde hatten für die Benutzung der Bibliothek einen Beitrag von fünf Gulden oder ein Geschenk von ähnlichem Wert zu entrichten. Rütsche 1997, S. 92-94. 32 Dass Dürers Werke in den 1660er Jahren in der Bürgerbibliothek zugänglich waren, dokumentiert Conrad Meyers Schüler, Wilhelm Stettler. Siehe dazu Oberli 2021, S. 41. 33 Boerlin-Brodbeck 1996 und Sulmoni 2007. Abb. 21 | Conrad Meyer, Vorlagenblatt mit acht Kopfstudien, Aller frommen Seelen Speiß ist deß Höchsten lob und preiß (Psalm 110), 1645, Radierung, 9,7 × 12,6 cm (Plattenmass), Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Meyer, Dietrich I, 10