Historisches Wörterbuch der Philosophie online 

Lebenswelt

Lebenswelt 5236 10.24894/HWPh.5236Paul JanssenWilhelm E. Mühlmann
(engl. Life-World; ital./span./frz. ‹L.›; mögliche Äquivalente etwa ital. mondo quotidiano, frz. monde quotidien)
I. Der L.-Begriff in der Philosophie. – 1. Seine Geschichte. – Bereits im letzten Viertel des 19. Jh. forderten R. Avenarius und E. Mach einen Rückgang auf die vorwissenschaftliche, unmittelbare und reine Erfahrung. Ihre Explikation sollte auf dem Wege einer vorurteilslosen Deskription des Gegebenen zu einem «natürlichen Weltbegriff» führen, der allen bisherigen philosophisch-wissenschaftlichen Theorien und ihrer Grundunterscheidung von psychischem Innen (Ich, Seele) und physischem Außen (Welt, Natur) zugrunde liegt [1]. Diesen «natürlichen Ausgangspunkt» für alle Wissenschaft und Erkenntnistheorie bilden nach Avenarius das Individuum und seine Umgebung in ihrer ursprünglich gegebenen Einheit und gleichwertigen Zusammengehörigkeit [2]. Psychisches und Physisches stellen lediglich zwei verschiedene Aspekte des objektiv-naturwissenschaftlich erforschbaren Seins, der naturalistisch verstandenen «Empfindung», dar.
Die mit dem allgemeinen Programm von Avenarius und Mach zum großen Teil übereinstimmende Forderung von Husserls Phänomenologie nach einem Rückgang auf die reine, ursprüngliche Erfahrung führt zum entgegengesetzten Ergebnis, indem sie die natürliche Erfahrung, so wie sie sich in der intentionalen Grundstruktur des Ich-erfahre-etwas als subjektbezogene Einheit von Ich und Welt ausspricht, als das ursprünglich Gegebene hinnimmt, ohne das Eigenwesen des Psychisch-Subjektiven durch eine absolut gesetzte positivistisch-naturwissenschaftliche Betrachtungsweise zu eliminieren [3]. Ihr bleibt das Psychische, so wie es sich in der natürlichen Erfahrungswelt als die zu allem objektiv-gegenständlich Gegebenen gehörige subjektive Voraussetzung gibt, das Prius aller seiner gegenständlichen Korrelate, das von sich aus zur vorweltlichen, transzendentalen Subjektivität hinüberweist [4]. Schon im ersten Buch der ‹Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie› (1913) ist Husserl bei der Einführung der transzendentalen Epoche von der Welt der natürlichen Einstellung des vorwissenschaftlichen Lebens und ihrer Generalthesis ausgegangen [5]. In der folgenden Zeit gewinnt die Welt der natürlichen Einstellung unter den Titeln ‹Erfahrungswelt›, ‹(subjektive) Umwelt›, ‹Erlebniswelt›, ‹Welt für mich› u.a. in der Reflexion Husserls über die Fundierungszusammenhänge von Natur und Geist große Bedeutung [6]. Erst nach 1930 übernimmt der Begriff ‹L.› in terminologischer Fixierung die Funktion der genannten Begriffe und zugleich eine zentrale Stellung im Gesamt der transzendentalen Phänomenologie und ihrer systematischen Zusammenhänge [7].
Durch Weiterentwicklung und Umbildung von Gedankengängen des späten Husserl gewinnt der L.-Begriff im Lichte von Heideggers ‹Sein und Zeit› (Welt des alltäglichen Daseins) und aufgrundeiner aktuellen geistesgeschichtlichen Interessenlage neue Bedeutungsdimensionen. Er wird zum Schlüsselwort philosophischer Bestrebungen der Gegenwart, die in Gegenwendung zur metaphysischen und transzendentalphilosophischen Tradition und in einer gewissen Parallelität zu bestimmten Gedanken Heideggers die Sache der Philosophie in einem Rückgang auf die vorwissenschaftliche L. zu gewinnen suchen, wie dies z.B. in Merleau-Pontys Werk ‹Phänomenologie der Wahrnehmung› geschehen ist [8]. Danach ist der Mensch «im ontologischen Sinn» In-der-Welt-sein (être-au-monde) [9]. Das tritt zutage, wenn man auf die natürliche L. zurückgeht und Epoché von den objektivierenden Wissenschaften vollzieht [10]. Einer vorurteilsfreien Deskription der «vorprädikativen», reinen Erfahrung zeigt sich, daß das Bewußtsein als durch den Leib in die Welt eingehendes ursprünglich und untrennbar mit der Welt als seiner ‘L.ʼ vereint, an seine Situation und deren Horizonte gebunden und so wesenhaft endlich ist [11]. Im Rückgriff auf Momente von Husserls L.-Begriff vermag auf dem Grunde eines derartigen Sinnhorizontes der Rückgang auf die L. den Zugangsweg zu zahlreichen Anliegen des gegenwärtigen Philosophierens zu bilden: z.B. zu einer Philosophie der vorprädikativen-natürlichen Erfahrung, der Endlichkeit und Geschichtlichkeit des Daseins; der kinästhetischen Leiblichkeit, der Arbeit und der Sozialität [12].
[1]
Vgl. bes. R. Avenarius: Philos. als Denken der Welt gemäß dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes. Proleg. zu einer Kritik der reinen Erfahrung (31917); Kritik der reinen Erfahrung 1. 2 (1888–1890); Der menschl. Weltbegriff (1891); E. Mach: Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen (31902).
[2]
R. Avenarius, Kritik ... a.O. 1, 3ff.; Der menschl. Weltbegriff a.O. XI. 79.
[3]
E. Husserl: Phänomenol. Psychol. Vorles. SS 1925. Husserliana 9 (Den Haag 1962) 55ff.; Die Krisis der europ. Wiss. und die transzendentale Phänomenol. Husserliana 6 (Den Haag 21962) 215ff.; vgl. L. Landgrebe: Von der Unmittelbarkeit der Erfahrung, in: Der Weg der Phänomenol. (21967) 135.
[4]
Husserl, Die Krisis ... a.O. 222ff.
[5]
Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie I. Husserliana 3/1 (Den Haag 1976) 57ff.
[6]
II. Husserliana 4 (Den Haag 1952) 173ff. 311ff.; Phänomenol. Psychol. a.O. [3] 52ff.; Zum Gebrauch des Wortes ‹L.› in diesen beiden Werken vgl. P. Janssen: Gesch. und L. Ein Beitr. zur Diskussion der Husserlschen Spätphilos. (Den Haag 1970) XXII. 162ff.
[7]
Husserl, Die Krisis ... a.O. [3] 18ff. 105ff. 349ff.
[8]
M. Merleau-Ponty: Phénoménol. de la perception (Paris 1945); dtsch. R. Boehm (1966) Iff. 418f. 491ff.; vgl. H.-G. Gadamer: Die phänomenol. Bewegung. Philos. Rdsch. 11 (1963) 1ff., bes. 19ff.; H. Lübbe: Husserl und die europ. Krise. Kantstudien 49 (1957/58) 235.
[9]
Merleau-Ponty, a.O. V. 340ff.
[10]
Iff. 418f.
[11]
Vgl. bes. 235ff. 324ff. 380ff. 455ff. 491ff.
[12]
Vgl. A. De Waelhens: La philos. et les expériences naturelles. Phaenomenologica 9 (Den Haag 1961); E. Paci: Die L.wissenschaft, in: Symposium sobre la Noción Husserliana de la L. Univ. Nacional Autónoma de Mexico. Centro de Estud. filos. (1963) 51ff.; J. Wild: Husserls Life-World and the lived body, in: Symp. a.O. 77ff.; L. Landgrebe: Das Methodenproblem der transzendentalen Wiss. vom lebensweltl. Apriori, in: Symp. a.O. 25ff.; A. Schutz: Coll. Papers III. Stud. in phenomenol. philos. Phaenomenologica 22 (Den Haag 1966); vgl. auch J. Linschoten: Auf dem Wege zu einer phänomenol. Psychol. Die Psychol. von William James (1961).
2. Der L.-Begriff Husserls. – Ihm kommt im Spätwerk Husserls die Funktion zu, den gesamten Stufenbau der konstitutiven Leistungen in einen genetischen Fundierungszusammenhang zu bringen und die verschiedenen Problembereiche des phänomenologischen Denkens zur universalen Einheit zu vermitteln. Er ermöglicht so die Vollendung der Phänomenologie als universaler, letztbegründender Transzendentalphilosophie. Der L.-Begriff leistet dies, indem er für die Phänomenologie in vierfacher Hinsicht bedeutsam wird:
a) Im geschichtsphilosophischen Einleitungsteil der Krisis-Abhandlung zeigt Husserl, daß Philosophie und Wissenschaft des Abendlandes aufgrunddes für sie konstitutiven Vorurteils eines in Wahrheiten an sich erfaßbaren objektiven An-sich-seins die vorwissenschaftliche L. vergessen und übersprungen haben [1]. In der Neuzeit hat der Begriff des objektiven Seins durch die galileische Naturwissenschaft und die Philosophie Descartes' eine Radikalisierung und universale Ausweitung erfahren [2]. Das Vorurteil des Objektivismus hat in der Gegenwart zur Herrschaft des positivistischen Wissenschaftsbegriffes geführt [3]. In dieser seiner äußersten Gestalt hat es die Krise der Gegenwart als den vollständigen Verlust der Einheit von Wissenschaft, Philosophie und Lebensbedeutsamkeit zur Folge [4]. Diese Geschichte des abendländischen Denkens entspringt der Grundtendenz des natürlichen Lebens selber. Indem es ganz seinen gegenständlichen Erfahrungskorrelaten hingegeben ist und durch ihre Gegebenheitsweise dazu motiviert wird, auf dem Wege methodischer Idealisierung den Begriff des objektiven An-sich-seins zu erzeugen, übersieht es den konstitutiven Rückbezug des ideal-objektiven Seins auf die Erfahrung und die methodische Erzeugung des Subjektes [5]. Indem die L. als Ursprungssphäre aller Objektivität aufgedeckt wird, in der sich alles gegenständlich Objektive in seiner ursprünglichen Rückbezogenheit auf das erfahrende Subjekt gibt, kommt ineins mit der Aufdeckung der L. das objektivistische Vorurteil der Tradition als solches in den Blick. Damit ist die Möglichkeit des Gelingens der Transzendentalphilosophie qua transzendentaler Phänomenologie geschichtsphilosophisch gesichert und die Aufgabe ihrer Verwirklichung als «Telos» der Geschichte aufgewiesen [6].
b) Nach einer Epoché von den objektiven Wissenschaften und von allen Zielsetzungen des praktischen Lebens kann die L. als ein «Universum prinzipieller Anschaubarkeit» (zunächst und fundamental reiner Wahrnehmbarkeit) in mundaner Einstellung in mehrfacher Hinsicht zum Thema von apriorischen Wissenschaften werden, die alle methodisch auf der Dignität wirklicher und ursprünglicher Evidenz (Selbstgebung) basieren [7]. Es gehört zur Wesensstruktur der L., daß sie als physisch-naturale Umgebung um eine leibliche, kinästhetisch vermögliche Ichlichkeit zentriert ist, die ihrerseits stets wahrnehmend-erfahrend auf irgendwelche einzelnen Dinge ihrer Umwelt gerichtet ist [8]. Diese sind nur in einem offen-endlosen Horizont von mit ihnen machbaren Erfahrungen gegeben. Ihr Gesamthorizont ist die in allen ihren Inhaltsbeständen immerfort bewegliche, relative Welt, die jeweils Welt eines einstimmig-offenen Erfahrungszusammenhanges besagt und in jeder Einzelerfahrung mitgegeben ist [9]. Alles relative lebensweltliche Erfahren ist jedoch an invariante-irrelative Strukturen gebunden, die als unzerbrechliche Weltform in der Methode der Wesensschau gewonnen werden können und ein Apriori aller lebensweltlichen Gegebenheiten, auch der höherstufigen (animalischen, geistig-personalen, kulturellen) als immer auch physisch fundierten Gegebenheiten, darstellen (Ontologie der L. im ersten und engsten Sinne, «erste Weltwissenschaft») [10]. Auf dieser in der naturalen (noch nicht naturalistischen) Einstellung thematisierten, fundierenden ästhetischen Unterschicht der L. bauen sich die höherstufigen Schichten des Animalischen, Personal-Geistigen, des Kulturellen usw. auf. Sie haben ihre durch keinen Erfahrungswandel betreffbare regionale Typik, die den Aufbau eigenständiger materialer Ontologien ermöglicht [11]. Alle regionalen Ontologien werden umgriffen von der formalen Ontologie als der apriorischen Wissenschaft von möglichen Gegenständen überhaupt [12]. Die L. hat nach Husserl immer auch generativ-geschichtlichen Charakter. Sie ist von Menschen gestaltete, praktische Umwelt, die als eine unter vielen im Horizont der Geschichte und ihrer Traditionen steht [13]. Als solche wird sie in der personalistischen Einstellung thematisch und vom Geisteswissenschaftler in vergleichend-typisierendem Verfahren erforscht [14]. Durch die frei vermögliche, eidetisch-variative Horizontauslegung der Phänomenologie können alle relativen geschichtlichen L.en als Varianten der einen invarianten Struktur von L. überhaupt, die als solche in der Weise des zeitlich-geschichtlichen Strömens ist, und damit als zu ein- und derselben Welt gehörig begriffen werden [15]. Eine konkrete Explikation des geschichtlichen Horizontes unserer, durch die Herrschaft der objektiven Wissenschaft bestimmten L. führt auf ihre Herkunft aus der Geschichte des abendländischen Denkens zurück und vermag objektiv-wissenschaftliches Denken und naturalistisch-wissenschaftliche Einstellung in ihrer geschichtlichen Faktizität als Konsequenzen der wissenschaftlichen Zielsetzung des abendländischen Denkens auf dem Gewißheitsboden der L., dem gemeinsamen Boden aller geschichtlichen Kulturen, zu begreifen [16].
c) In einer solchen Explikation kann der Begriff des objektiven Ansichseins, der für alle Wissenschaften der Neuzeit (auch die Logik) das wahre Sein bedeutet, als «Entwicklungsprodukt» einer spezifisch höherstufigen Art von konstituierenden subjektiven Leistungen, einer exakte Objektivität allererst methodisch erzeugenden Idealisierung, begriffen werden [17]. Alle Idealisierungen haben ihren Ursprung und ihr Sinnesfundament in der L., die ihre Erzeugung ermöglicht und motiviert [18]. Nach einmal gelungener Erzeugung sedimentiert sich das Idealisierte und gehört sodann als passiver Niederschlag (in Gestalt von wissenschaftlicher Wahrheit oder Technik) der L. selber an [19]. Als solches bestimmt es wiederum den jeweiligen Sinn von L. als einer aus dieser geschichtlichen Sinnesgenesis gewordenen; jedoch so, daß die «Urstiftungen», aus denen die Idealisierungen erwachsen sind, stets aus ihrem lebensweltlichen Herkunftsgrunde wieder in Identität ihres Sinnes reaktiviert werden können [20].
d) Da in jeder lebensweltlichen Erfahrung die zeitlich strömende L. als Horizontimplikation vorausgesetzt ist, muß die transzendentale Reduktion so vollzogen werden, daß die Bodengeltung der Welt selber mit einem Schlage außer Spiel gesetzt wird [21]. Erst dadurch gelangt die transzendentale Reduktion zu ihrer Vollendung. Sie verwandelt die L. in das «bloße transzendentale Phänomen», das Korrelat eines uninteressierten Zuschauers [22]. Ihm zeigt sich, wie sich die L. als das erste Objektive aus den Leistungsvollzügen der transzendentalen Subjektivität konstituiert bzw. aufbaut [23]. Ist L. Welt im zeitlich-geschichtlichen Strömen, so muß ihr transzendentales Apriori so beschaffen sein, daß es sie als strömend-geschichtliche ermöglicht [24].
Paul Janssen
[1]
E. Husserl: Die Krisis ... a.O. [3 zu 1] 18ff. 93. 271ff. 392ff.
[2]
a.O. 5ff. 60ff. 74ff. 80ff. 402ff.; Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge. Husserliana 1 (Den Haag 21963) 63f.
[3]
Die Krisis ... a.O. [3 zu 1] 3ff.
[4]
a.O. 314ff.
[5]
146ff. 179. 357ff.
[6]
Vgl. Janssen, Gesch. und L. a.O. [6 zu 1].
[7]
Husserl, Die Krisis ... a.O. [3 zu 1] 138ff. 140ff. 176ff.; Phänomenol. Psychol. a.O. [3 zu 1] 69ff.
[8]
Die Krisis ... a.O. 145f.; Erfahrung und Urteil. Untersuch. zur Geneal. der Logik (41972) 23f.
[9]
Phänomenol. Psychol. a.O. [3 zu 1] 59ff.; Erfahrung und Urteil a.O. 24ff.; vgl. L. Landgrebe: Welt als phänomenol. Problem, in: Weg der Phänomenol. a.O. [3 zu 1] 41ff.
[10]
Husserl, Phänomenol. Psychol. a.O. [3 zu 1] 68ff.; Die Krisis ... a.O. [3 zu 1] 145f. 176f.; Formale und transzendentale Logik. Versuch einer Kritik der log. Vernunft (1929). Husserliana 17 (Den Haag 1974) 296ff.
[11]
Erfahrung und Urteil a.O. [8] 51ff.; vgl. L. Landgrebe: Seinsregionen und regionale Ontol. in Husserls Phänomenol., in: Der Weg der Phänomenol. a.O. [3 zu 1] 143ff.
[12]
Husserl, Formale und transzendentale Logik a.O. [10] 148ff.
[13]
Ideen ... a.O. [6 zu 1] II, 190ff.; Die Krisis ... a.O. [3 zu 1] 314ff. 488ff. 502ff.; Cartes. Medit. a.O. [2] 160f.; vgl. Landgrebe, Das Methodenproblem ... a.O. [12 zu 1] 25ff.
[14]
Husserl, Ideen ... a.O. [6 zu 1] II, 143. 377ff.; Die Krisis ... a.O. 150f.
[15]
Die Krisis a.O. [3 zu 1] 377f. 491ff.
[16]
a.O. 314ff. 485ff.; vgl. L. Landgrebe: Husserls Abschied vom Cartesianismus, in: Der Weg der Phänomenol. a.O. [3 zu 1] 186ff.
[17]
Husserl, Die Krisis ... a.O. 18ff. 357ff.; Erfahrung und Urteil, a.O. [8] 38ff.
[18]
Die Krisis ... a.O. [3 zu 1] 360f. 383ff.
[19]
a.O. 370ff.
[20]
375ff.
[21]
153.
[22]
177f.
[23]
179ff.; Cartes. Meditat. a.O. [2] 163ff.
[24]
Die Krisis ... a.O. [3 zu 1] 491ff.; vgl. Landgrebe, Das Methodenproblem a.O. [12 zu 1] 25ff.
M. Merleau-Ponty: Phénoménol. de la perception (Paris 1945). – A. De Waelhens: La philos. et les expériences naturelles. Phaenomenologica 9 (Den Haag 1961). – H. Hohl: L. und Gesch. Grundz. der Spätphilos. E. Husserls (1962). – H.-G. Gadamer: Die phänomenol. Bewegung. Philos. Rdsch. 11 (1963) 1ff. – Symposium sobre la Noción Husserliana de la L. Univ. Nacional Autónoma de Mexico. Centro de Estud. filos. (1963). – G. Funke: Phänomenol. – Met. oder Methode? (1966). – L. Landgrebe: Welt als phänomenol. Problem, in: Der Weg der Phänomenol. (21967) 41ff.; Husserls Abschied vom Cartesianismus, in: Der Weg ... 163ff. – E. Tugendhat: Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger (1967) bes. 227ff. – R. Boehm: Vom Gesichtspunkt der Phänomenol. (Den Haag 1968). – W. Marx: Vernunft und L., in: Vernunft und Welt (Den Haag 1970) 45–62; L. und L.en a.O. 63–77. – G. Brand: Die L. (1971). – Life-World and consciousness. Essays for A. Gurwitsch, hg. L. Embree (Evanston 1972). – W. Biemel: Refl. zur L.-Thematik, in: Phänomenol. heute. Festschr. L. Landgrebe, hg. W. Biemel (Den Haag 1972) 49–77. – U. Claesges: Zweideutigkeiten in Husserls L.-Begriff, in: Perspektiven transzendentalphänomenol. Forsch. Landgrebe zum 70. Geburtstag, hg. U. Claesges/K. Held (Den Haag 1972) 85–101. – H. Lübbe: Positivismus und Phänomenol. Mach und Husserl, in: Bewußtsein in Geschichten (1972) 33ff. – G. Brand: The structure of the Life-World according to Husserl. Man and World 6/2 (1973) 143–162. – J. N. Mohanty: «Life-World» and «a priori» in Husserl's later thought, in: The phenomenol. realism of the possible worlds. Papers and Debate of the 2nd int. Conf. held by the Int. Husserl a. Phenomenol. Res. Soc, hg. A.-T. Tymineucka, in: Analecta Husserliana 3 (1974) 46–65. – D. Carr: Phenomenol. and hist. (Evanston 1974). – Phänomenol. und Marxismus, hg. B. Waldenfels u.a. 1. 2 (1977). – K. Hedwig: L.en der L. Aspekte einer phänomenol. Thematik. Philos. Lit.anz. 32 (1979) 284–295. – L. und Wiss. in der Philos. E. Husserls, hg. E. Ströker (1979).
II. – a) Die kultur- und sozialwissenschaftliche Bedeutung dessen, was Husserl ‹L.› nennt, wurde bereits von M. Weber klar gesehen und unter dem Begriff ‹nomologisches Wissen› thematisiert [1]. Als nomologisch bezeichnet er unser alltägliches «Wissen von bestimmten bekannten Erfahrungsregeln, insbesondere über die Art, wie Menschen auf gegebene Situationen zu reagieren pflegen» [2]. Das nomologische Wissen schlägt sich nieder in Begriffen, die der vorwissenschaftlichen Sphäre des Soziallebens entstammen [3] (z.B. Bewegung, Berührung bzw. Kontakt, Streit bzw. Konflikt, Spannung, Druck, Zug bzw. Anziehung, Widerstand, Einfluß u.a.), die aber dann in die Soziologie – zunächst ungeprüft – hinübergewandert und dort korrekt und «erfüllt» nur aufgrunddes erlebnismäßigen Nachvollzuges der betreffenden Phänomene anwendbar sind. – Die Beziehung zu Husserls Lehre von der L. ist hier um so eher gegeben, als im Umkreise seiner Phänomenologie weitere Begriffe auftauchen, deren konkomitante Verwendung in der Soziologie (und Kulturanthropologie) seit langem – natürlich immer in «mundaner» Verwendung – üblich ist (z.B. natürliche Einstellung, Einstellung überhaupt, Umwelt, Erwartung, Erfüllung, Horizont, «leistende» Subjektivität u.a.). Die Ausrichtung des L.-Begriffes auf wissenschaftstheoretische Anwendung mit ihrem revolutionären Unterton ist in Husserls Krisis-Band (wie schon in ‹Ideen I und II›) unverkennbar, und die Wendung gegen Szientismus und Methodologismus war ungefähr gleichzeitig schon durch N. Hartmann vorbereitet [4].
Die moderne Soziologie (und Kulturanthropologie) schwenkt in ihren fruchtbarsten Richtungen in eine ähnliche Linie ein, wenn sie, zumal in der Feldforschung, wieder an das «Einleben» appelliert und das Studium des Alltags und seiner «fraglosen Gegebenheiten» zum Hauptgegenstand macht, exemplarisch etwa bei A. Schutz, der unter Berufung auf James, Bergson, Dewey, Husserl und Whitehead nachdrücklich darauf hinweist, daß «the common-sense knowledge of everyday life», die L., wie Husserl sie nenne, der unbefragte, aber stets fragwürdige Hintergrundsei, vor dem jede Untersuchung beginne und von dem her sie allein vorgenommen werden könne [5]. Dieser methodische Ansatz stellt vor allem zwei Probleme: 1. Die L. im Sinne Husserls ist immer die je meine, geschichtlich-kulturell vorgeprägt: Von einer L. fremder Völker und Kulturen läßt sich daher nur in abgeleitetem Sinne reden. Das macht eine doppelte Operation nötig: Erleben der Fremdphänomene als «meine», d.i. gespiegelt in den kulturellen Vorgegebenheiten meiner L., sodann nach phänomenologischer Reduktion Thematisierung der Fremdphänomene als solcher [6]. 2. L. als Alltagswelt der «fraglosen Gegebenheiten» ist eine idealtypisch angenommene Konstante. Diese klinkt aber aus, sobald radikale Wandlungen historisch-kultureller Art und krisenhaften Charakters auftreten, welche die scheinbaren Fraglosigkeiten in Frage stellen, oder sobald psychische Umlagerungen stattfinden, die – wie M. Weber an dem Phänomen des Charismatischen gezeigt hat [7] – das «Alltägliche» langweilig machen und eine Bereitschaft zur Veränderung erzeugen.
[1]
Vgl. A. Walther: Max Weber als Soziologe. Jb. Soziol. 2 (1926) 1–65.
[2]
M. Weber: Ges. Aufsätze zur Wiss.lehre, hg. J. Winckelmann (21951) 276f.
[3]
Vgl. Walther, a.O. [1] 51.
[4]
Vgl. etwa N. Hartmann: Grundz. einer Met. der Erkenntnis (51965) 41; Das Problem des geistigen Seins (31962) 382.
[5]
A. Schutz: Coll. Papers 1 (Den Haag 1962) 57.
[6]
Vgl. E. Husserl: Erste Philos. (1923/24). Husserliana 7 (Den Haag 1956) 296; A. Schutz: Common-sense and sci. interpret. of human action a.O. [5] 3–47.
[7]
M. Weber: Ges. Aufsätze zur Relig.soziol. 3 (21923) 341ff.; Wirtschaft und Gesellschaft (41956) 140ff. 245ff.
E. Rothacker: Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Kantstudien 48 (1956/57) 161–184. – M. Natanson: Lit., philos., and the social sci.es (Den Haag 1962) bes. 195–211, Kap. 17: Causation as a structure of the L.; Psychiatry and philos. (Berlin/Heidelberg/New York 1969). – A. Schutz: Coll. Papers 1–3 (Den Haag 1962–66); vgl. bes. Reg. s.v. ‹Life-World›. – W. E. Mühlmann: M. Weber und die rationale Soziol. (1966); Gesch. der Anthropol. (21968) Kap. VIII/5. – A. Gurwitsch: Problem of Life-World, in: M. Natanson (Hg.): Phenomenol. and social reality. Essays in memory of A. Schutz (Den Haag 1970) 35–61. – G. Brand: Die L. Eine Philos. des konkreten Apriori (1971). – A. Schutz und Th. Luckmann: The structures of the Life-World (London 1974); dtsch. Strukturen der L. (1975).
b) In den sechziger Jahren wurde, insbesondere durch J. Habermas, das Bewußtsein dafür geweckt, daß die Vermittlung von Wissenschaft und L. nicht nur ein theoretisches, sondern auch ein praktisches Problem darstellt: das Problem, «wie eine Übersetzung des technisch verwertbaren Wissens in das praktische Bewußtsein einer sozialen L. möglich ist» [1]. Sozialtechnologie und Systemtheorie halten eine solche Vermittlung weder für möglich noch für notwendig; sie übersehen nach Habermas, daß Technologien, d.h. die wissenschaftliche Kontrolle natürlicher und gesellschaftlicher Prozesse, die Menschen nicht vom Handeln und von der diskursiven Rechtfertigung der Werte und Institutionen der sozialen L. entbinden [2].
Wilhelm E. Mühlmann
[1]
J. Habermas: Technischer Fortschritt und soziale L., in: Technik und Wiss. als «Ideol.» (1968) 107.
[2]
Vgl. a.O. 112; Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus (1973) 14f.