Museum Helveticum 

Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329)

MH Band 77Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329)10.24894/2673-2963.0000101.06.2020Museum Helveticum Band 77:96-114Marco Tentori MontaltoZum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329) Marco Tentori Montalto, Mannheim Abstract: The paper provides a new exegesis of a funeral epigram for the mercenary Plator, SEG 42, 329 (Sparta, end of the 3rd – beginning of the 2nd century BC). The analysis reveals typical Hellenistic phenomena, such as Homeric forms, a hapax legomenon instead of an expression previously marked with cruces desperationis, as well as a rare and elaborate final distich. This epigram forms part of a group together with two other contemporary Spartan funeral epigrams for mercenaries. An appendix is dedicated to the only other epigram known from Hellenistic Laconia, which was composed for an ephebe. Keywords: Hellenistic epigram, mercenary, Sparta, funeral formulae. Das Steinepigramm SEG 42, 329 gehört zusammen mit GVI 903 und 2075 einer repräsentativen Gruppe von in Sparta gefundenen Grabepigrammen für Söldner an. Die Präsenz von Söldnern ist auf die Zeit vor dem Tod des Königs Nabis im Jahr 192 v. Chr. zu datieren, als Sparta vermehrt Söldner einsetzte, die keinesfalls länger als bis 189 v. Chr. dienten.1 Die Epigramme GVI 903 und 2075 wurden bereits intensiv untersucht und werden daher nur kurz vorgestellt, bevor der Fokus auf SEG 42, 329 gelegt wird, um neue exegetische Perspektiven zu eröffnen. In ganz Lakonien ist neben diesen dreien einzig ein weiteres hellenistisches Grabepigramm ausserhalb von Sparta für einen Epheben bekannt, nämlich GVI 2003, das etwa 150 Jahre später entstanden ist und im Appendix kurz Dieser Aufsatz entstand im Rahmen des vom DAAD und DAI geförderten Projektes «Epigrammatische Geschichtsschreibung: Die Entwicklung Spartas in der hellenistischen Zeit» (München, Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik, 01.03.–31.08.2016) und konnte dank der Stipendien an der Universität zu Köln und der Université de Fribourg fertiggestellt werden. Ich danke Chr. Schuler und C. Brélaz für ihre Unterstützung auch ausserhalb meines Aufenthaltes an den jeweiligen Institutionen und für die Möglichkeit, meine Forschung vorstellen zu können (München, 06.07.2016; Bern, 24.11.2017). F. Sittig (Universität zu Köln) gilt mein Dank für die sprachliche Korrektur des Textes. Zudem bin ich St. Rebenich und den anonymen Gutachtern sehr dankbar, die durch ihre Anmerkungen einen wichtigen Beitrag zu dieser Arbeit geleistet haben. Der Aufsatz wurde von der Redaktion im Jahr 2018 zur Veröffentlichung angenommen und war zum Zeitpunkt des Erscheinens des Beitrags von L. Ruggeri, Osservazioni sul testo dell’epitafio di Platôr figlio di Sakolas (SEG 42 329), SCO 65 (2019) 151–162, der zu ähnlichen Ergebnissen gelangt, bereits in der Vorbereitung zur online-Publikation und zum Druck; die Diskussion der Ausführungen Luca Ruggeris war deshalb leider nicht mehr möglich. Die in diesem Aufsatz verwendeten Abkürzungen der epigraphischen Corpora folgen dem Supplementum Epigraphicum Graecum (SEG). 1 Für die Söldner unter Nabis vgl. Polyb. 13, 6. Im Jahr 189, nachdem Philopoimen den Anschluss Spartas an den Achaiischen Bund erzwungen hatte, wurde die Mauer Spartas zerstört und alle Söldner mussten Sparta verlassen, wie Liv. 38, 34 berichtet. Ohne stichhaltige Gründe diskutiert Steinhauer (1992, S. 241) neben den drei hellenistischen noch zwei weitere Epigramme: IG V 1, 721 und GVI 2056. * Museum Helveticum 77/1 (2020 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329) betrachtet wird.2 Da alle vier hellenistischen Grabepigramme aus Lakonien kürzlich von Cairon 2009 untersucht wurden, wird fortan ohne weitere Hinweise auf die jeweiligen Kommentare und Literatur verwiesen. Allerdings handelt es sich dabei um kein vollständiges Corpus.3 Zu bemerken sind darüber hinaus fehlerhafte Datierungen: So wurde das Epigramm aus der Argolis Cairon 2009, Nr. 31 irrtümlich in dieses Corpus hellenistischer Versinschriften aufgenommen.4 Es ist festzustellen, dass diese Epigramme nur Angehörigen der militärischen Klasse, wie Epheben und Söldnern, gewidmet sind.5 Demgegenüber finden sich in hellenistischer Zeit im Rest der Peloponnes6 sowie in anderen Ge- Neben den vier Grabepigrammen sind mir in derselben Zeit in Lakonien nur das Weihepigramm SEG 63, 272 (Sparta, 300–250 v. Chr.) und das Epigramm nach einem Dekret SEG 11, 949 = 52, 346 (Gerenia, 2. Jh. v. Chr.) bekannt. Es bleibt unsicher, ob die fragmentarischen Inschriften IG V 1, 360 (αἱ θεαὶ οἴδασι τ̣α̣[- - -]) und SEG 40, 350 ([- - -]ΑΩ Παρίων) metrisch sind. 3 Cairon 2009 (Nr. 4, 9, 13, 15, 19, 24, 26–29, 34, 36, 39, 41, 43–45, 51, 59, 77, 81, 83, 84, 89–91, 94, 100) konnte zwar 28 hellenistische Epigramme analysieren, die sich nicht in GVI finden. Es fehlen jedoch nicht nur wichtige Regionen Griechenlands wie Aitolien (vgl. ISE 85, aus Theitron, vor 280 v. Chr.) oder Thrakien (vgl. ISE 115, aus Maronea, Anf. 2. Jh.), sondern auch einige Epigramme der berücksichtigten Gebiete, insbesondere aus Thessalien ISE 100 (Atrax, Ende 4. Jh.) und GVI 907 (Anchialos, 1. Jh.), aus Arkadien IG V 2, 461 (Megalopolis, 2. Jh.), aus Akarnanien GVI 1458 = CEG 661 (Palairos, um 300 v. Chr.) und IG IX 12, 2, 408 (Stratos, 3.–2. Jh.) sowie aus der Argolis ISE 39 (Argos, 303 v. Chr.). Die Rezension von Day (2013) erwähnt nur das Fehlen folgender Epigramme in Cairon 2009: CEG 598 (Athen, 4. Jh. oder eher Mitte des 3. Jh.: vgl. SEG 53, 255), SEG 45, 631 (Limnaios, 2. Jh., aber ‹partly metrical›), und, obwohl vermutlich nicht hellenistisch, SEG 37, 198 (Attika?, 1. Jh. v. – 2. n. Chr.). Day 2013, S. 73, fügt hinzu: «Finds that might belong here [scil. in Cairon 2009] have not been securely dated or fully published (SEG 48.414, 50.366, 51.673 = 57.501, 52.420); but SEG 30.244 and 277 (Agora 17, 1032 and 1033) are overlooked». 4 Das Epigramm wurde von Cairon 2009 willkürlich in das 3. Jh. v. Chr. datiert. Dieser Fehler wurde von SEG 11, 371 übernommen, obwohl es in GVI 1328 von Peek korrekt in das 3. Jh. n. Chr. datiert wurde. Abgesehen vom oben verstümmelten Relief zweier Männer, lässt sich die Datierung allein aus der Form der Buchstaben erschliessen (vgl. Guarducci, EG, I, S. 379–382). Das einzige Bild des Stückes ist in Mitsos 1947, Abb. XIV, Nr. 5 veröffentlicht. Man beachte die Verlängerung des Querstrichs von alpha und lambda nach oben, den horizontalen, nicht mit dem Halbkreis verbundenen Strich von epsilon, den Buchstaben my «tondeggiante» und die Form von ny, dessen Querstrich die vertikalen Striche vor ihren Enden trifft. Vgl. Guarducci, EG, I, S. 381: «Di età abbastanza progredita è anche la forma tondeggiante [del my] ispirata dalla scrittura corsiva». 5 Vgl. Boulay 2014, 25–47 für die Epheben und S. 106–111 für die Söldner in hellenistischer Zeit. Vgl. Kennel 1995 für die Epheben in Sparta. Für den Ursprung der hellenistischen Ephebia aus dem in Athen seit dem 4. Jh. v. Chr. entstandenen Vorbild vgl. Chankowski 2010, S. 44–47 und 114–142 mit weiterer Literatur. Für die Situation von Epheben und Söldnern im hellenistischen Kleinasien vgl. jeweils Chankowski 2004 und Couvenhes 2004. 6 Cairon 2009 untersucht folgende Epigramme aus der restlichen Peloponnes: Nr. 30 aus Korinth; Nr. 31–34 aus der Argolis; Nr. 39–42 aus Arkadien; Nr. 43 aus Elis; Nr. 44–45 aus Achaia. Neben drei Epigrammen für Gefallene (Nr. 39, 40, 44) und eines für einen Jungen, wahrscheinlich einen Epheben (Nr. 42), sind zwei Epigramme für Männer (Nr. 31, 43), drei für Frauen (Nr. 30, 32, 45), eines für ein mit acht Jahren verstorbenes Kind (Nr. 33) und zwei für Ärzte (Nr. 30, 41) in diesen Gebieten belegt. 2 Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 97 98 Marco Tentori Montalto genden wie Attika, Böotien und Akarnanien7 sowohl Epigramme für im Krieg gefallene Bürger als auch für anderweitig Verstorbene, die nicht der militärischen Klasse angehören. Diese Besonderheit Lakoniens scheint ihre Wurzeln in der vorangegangenen Zeit zu haben: Während dort zumindest sieben Weihepigramme der archaischen und klassischen Zeit nachgewiesen sind,8 scheinen laut Hansen (CEG I–II) keine Grabepigramme derselben Epoche, weder private noch öffentliche, bezeugt.9 Es bleibt jedoch unsicher, ob die drei Inschriften IG V 1, 720–722 dieser Gattung angehören.10 Das Grabepigramm für die bei den Thermopylen gefallenen Spartaner, dem ein weiteres für die gefallenen Peloponnesier folgt (Hdt. 7, 228), stellt zwar ein einzigartiges Beispiel in der klassischen Zeit dar, befand sich allerdings am Kriegsort, nicht in Lakonien.11 Das bekannte exemplarische Heldentum der Spartaner spiegelt sich kaum in den lakonischen Grabepigrammen wider.12 1) GVI 2075 (IG V 1, 723; Cairon 2009, Nr. 37): [ ]ου εἷλε Κόρινθος [ ἐν συ]νόδοις ὀλόμαν [ πατ]ρὶς δέ μοί ἐστιν Ὀρειοί [ τοῖς ἐπ]ιγινομένοις Von diesem ältesten Epigramm ist der rechte Teil erhalten, aus dem hervorgeht, dass es sich um zwei elegische Distichen handelt.13 Dem verbliebenen Text entnimmt man, dass ein Kreter in einem Krieg gefallen ist, dessen Schauplatz bei 7 Nach Cairon 2009 existieren in Attika neben zwei Grabepigrammen für Gefallene (Nr. 1–2), zwei für Schauspieler (Nr. 4–5), eines für den durch Brand verstorbenen Eretrier Nikias und für seinen Sohn (Nr. 6), eines für den Philosophen Telekles (Nr. 7), sowie fünf für Frauen (Nr. 11–15) und sechs für Kinder und junge Erwachsene (Nr. 16–21); in Böotien existieren neben drei Epigrammen für Gefallene (Nr. 46–48) drei für Männer (Nr. 49–51) und eines für einen Flötenspieler (Nr. 52); in Akarnanien drei für Gefallene (Nr. 63–65), zwei für Männer (Nr. 66–67), sowie eines für eine Frau (Nr. 68). Vgl. Anm. 3 für zwei weitere Epigramme für Gefallene aus Akarnanien. 8 CEG 368, 373, 374, 375, 377, 378, 822. Über CEG 376 vgl. Anm. 10. 9 Vgl. zuletzt Tentori Montalto 2017, S. 171–172 für die Unterschiede in der Herstellung von Gefallenenepigrammen zwischen Athen, Theben und Sparta in der klassischen Zeit. 10 Die fragmentarische Inschrift IG V 1, 720 wird z. B. von GVI 143 als Grabepigramm berücksichtigt, wobei sie von CEG 376 und LSAG2, S. 193–194 und 200, Nr. 31, für ein Weihepigramm gehalten wird. Bei IG V 1, 721 scheint es hingegen hinreichend sicher, dass es sich um einen Gefallenen der Schlacht bei Tanagra 457 v. Chr. handelt, aber die zahlreichen Lücken verhindern die Erkennung eines eventuellen metrischen Schemas. Die dritte Inschrift IG V 1, 722 ist nur durch eine Zeichnung von Michel Fourmont bekannt. Die Inschrift ist derart fragmentarisch, dass man weder ein metrisches Schema noch ihre Gattung – Grabinschrift oder Gesetz – erkennen kann; vgl. hierzu auch Van Effenterre – Ruzé 1994–1995, I, Nr. 67 (SEG 44, 1735), die in der Inschrift einen Gesetzestext sehen. 11 Vgl. auch das Grab der gegen die athenischen Demokraten gefallenen Spartaner IG II/III2 11678 (Athen, 403 v. Chr.). 12 Vgl. Albertz 2006. 13 Das Stück befindet sich im Mus. Sparta, Inv. Nr. 417. Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329) Korinth zu lokalisieren ist.14 Im Jahr 273 v. Chr. befehligte, wie Plutarch berichtet, der spartanische König Areus I. 1000 Söldner aus Kreta.15 Auch später sind die Kreter im Verbund mit dem König nachweisbar.16 Da Areus I. 265 v. Chr. nahe Korinth im Krieg gegen Antigonos fiel, scheint es möglich, dass der erwähnte Kreter als Söldner oder Verbündeter im selben Krieg bei Korinth gefallen ist. 2) GVI 903 (IG V 1, 724; Cairon 2009, Nr. 35): τόνδε ποτὲ Σπάρτα Βότριχον, ξένε, πολλὸν ἄριστον ἀνδρῶν αἰχματᾶν ἔτρεφεν ἁγεμόνα κυδαίνοντ’ ἀρετὰν Λακεδαίμονος, ἅν ποτ’ ἐτίμα ἀλκαῖς Ἑλλάνων ἔξοχα ῥυόμενος. 5 νῦν δέ νιν Ἀρκαδίας ἀπὸ πατρίδος ὧδε θανόντα κουριδία Τιμὼ τύμβωι ἔκρυψε ἄλοχος. Dieses zweite gut erhaltene Epigramm wurde für einen Arkadier namens Botrichos, gewiss ein Söldnerführer (vgl. V. 2 und 4), eingemeisselt.17 Eine genaue Datierung des Epigramms ist nicht möglich. Wahrscheinlich hat Botrichos seinen Dienst in der Zeit zwischen Kleomenes III. und Nabis verrichtet, sodass eine Datierung auf die Jahre um 200 v. Chr. anzunehmen ist, als Machanidas (Plut., Phil. 10) und sein Nachfolger Nabis (vgl. Anm. 1) über viele Söldner verfügten. 3) Steinhauer 1992 (SEG 42, 329; Cairon 2009, Nr. 36): Oὔτε πάτρα Θρινκαία τὸν ἔξοχον, οὔθ’ ὁ Λακώνω[ν] Πλάτορα θεσμοθέτας μέμψεται εἰν Ἀΐδoς, ἀμφοτέραις πoλέεσσιν ἐπεὶ πλέον ἢ πάρος εἶχον κῦδος ἐν ὑσμίναις ὡγαθὸς ἀγάγετο. 5 Ὄλβιε παῖ Σακόλα, τὶν δ’ †ἄλεχε κοινός† Ἀριστονίκα ἐπὶ θρωϊσμῷ δεῖμα πόνησε τόδε, ὄφρα καὶ ἐξ Ἀχέροντος ἀρείλυτα γῦα διήνας [μ]ικρὸν ἀπὸ σώας εὔνιδος ἦτορ ἔχοις Es scheint kaum zu bezweifeln, dass der dritte Vers den Namen der Heimat der Verstorbenen, Ὀρειοί auf Kreta, trägt (vgl. SEG 35, 338; Cairon 2009, S. 112–113 mit Anm. 206) und dass in V. 2 [ἐν συ]νόδοις zu ergänzen und als «beim Treffen der Heere» zu verstehen ist. Für kretische Söldner vgl. Vertoudakis 2000, S. 27–61 (SEG 50, 879). 15 Plut. Pyrrh. 32,4: ἧκε δὲ καὶ Ἄρευς, ἔχων χιλίους Κρῆτας καὶ Σπαρτιάτας τοὺς ἐλαφροτάτους. 16 Vgl. das Dekret von Chremonides über das Bündnis zwischen Athenern und Spartanern IG II/ III3 912, Z. 25 und Z. 39 (Athen, 269/268 v. Chr.). 17 Das Stück wird im Mus. Sparta, Inv. Nr. 6503 aufbewahrt. Nach der Untersuchung des Abklatschs und des Originals bietet Peek 1960, Nr. 146 folgende Übersetzung seiner oben angeführten Edition GVI 903: «Botrichos hier hat einst Sparta aufgezogen, Fremdling, und zum allertrefflichsten Anführer der Speerkämpfer gemacht. Lakedaimons Kriegstüchtigkeit brachte er neuen Ruhm, denn ihr hat er Ehre gegeben, als er das Land mit der Griechen wehrhaftem Angebot hervorragend verteidigte. Jetzt hat den fern der Heimat Arkadien hier Verstorbenen die eheliche Gattin Timo im Grabe geborgen.» Vgl. die Übersetzung von L. Moretti (ISE 50). 14 Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 99 100 Marco Tentori Montalto Abb. 1: Das Grabepigramm für den Söldner Plator, SEG 42, 329. Bild aus Steinhauer 1992, S. 240, Fig. 75. Die genaue Analyse dieses interessanten Epigramms sowie die Diskussion einiger interpretationsbedürftiger Passagen sind das Ziel dieses Aufsatzes (Abb. 1).18 Der erste Herausgeber Steinhauer sah sich in V. 5 gezwungen, die cruces desperationis zu setzen, und schlug vor, die beiden unverstandenen Wörter, †ἄλεχε κοινός†, als ἄλ<o>χ<oς> κοινό<ν> zu emendieren.19 Cairon 2009, Nr. 36 übersetzt den Text ohne relevante Abweichungen von Steinhauers Exegese folgendermassen:20 «Ni ta patrie Thrinkaia, ni celui qui des Laconiens / est le législateur ne te feront, à toi éminent Plator, des reproches dans l’Hadès / puisque, à l’une et à l’autre cité, c’est, par rapport à ce qu’elles avaient avant, une plus grande / gloire que tu as amenée, homme courageux dans les combats. / Hereux fils de Sacolas, […] ton épouse (?) Aristo-/nica s’est efforcée de faire construire ce monument sur un tertre / afin que même lorsque tu auras trempé dans l’eau de l’Achéron tes membres déliés par Arès, / tu puisses avoir ton cœur non loin de ton épouse qui vit encore.» Das Epigramm ist in eine Marmorbasis eingemeisselt, die 1988 im südlich der Akropolis gelegenen Viertel Limnai in Sparta gefunden und für den Bau eines Bislang hat das Epigramm keine grosse Berücksichtigung gefunden; vgl. Steinhauer 1992 = SEG 42, 329 sowie Cairon 2009, Nr. 36. 19 Steinhauer 1992 übersetzt das Epigramm nur teilweise, insbesondere S. 241 die V. 5–6: «Blessed son of Sakolas, your companion Aristonika wrought this monument on a grave mound, common for her and you.» 20 Cairon 2009, S. 107, emendiert nur zwei textuelle Kleinigkeiten von Steinhauers Edition (in V. 2 εἰν Ἀΐδoς statt εἰν’ Ἀΐδoς, wofür aber εἰν Ἄϊδoς in Hom., Il. 24, 593 den direkten Vergleich bieten, und in V. 5 τὶν statt τίν). Es ist allerdings eine andere Ungenauigkeit in beiden Editionen zu bemerken, nämlich die Diärese in θρωϊσμῷ, für die es keinen metrischen Grund gibt. In θρωισμῷ notiert man einmal das iota adscriptum und einmal das in den Inschriften übliche Weglassen des iota des Dativs. Vgl. LSJ, s.v. θρωσμός für die Form θρῳσμός, die man erst in Aelius Herodian., Περὶ ὀρθογραφίας, 2, 522 liest. 18 Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329) römischen Hauses wiederverwendet wurde.21 Der Block stand im Zentrum einer mindestens aus drei Blöcken bestehenden Basis, wie die Oberfläche der oberen Seite deutlich zeigt.22 Auch wenn Steinhauer den Vergleich mit einem hellenistischen Grab in Sparta zieht, fehlt es bislang an genaueren Hypothesen zu dem archäologischen Befund.23 Das Epigramm besteht aus vier elegischen Distichen. Der gute Konservierungszustand der Inschrift erlaubt, alle Buchstaben – abgesehen von zweien in V. 8 (vgl. infra) – problemlos zu lesen, wobei ich mich für die neuen Lesarten auf das von Steinhauer veröffentlichte Bild stütze, ohne den Abklatsch oder das Original gesehen zu haben. Die einzige Lücke am Ende der ersten Zeile lässt sich mit einem Buchstaben ergänzen. Dennoch ist das Verständnis insbesondere der letzten zwei elegischen Distichen nicht einfach. Ich schlage folgende Lesung und Übersetzung des Epigramms vor: 5 Oὔτε πάτρα Θρινκαία τὸν ἔξοχον οὔθ’ ὁ Λακώνω[ν] Πλάτορα θεσμοθέτας μέμψεται εἰν Ἄϊδoς, ἀμφοτέραις πoλέεσσιν ἐπεὶ πλέον ἢ πάρος εἶχον κῦδος ἐν ὑσμίναις ὡγαθὸς ἀγάγετο. Ὄλβιε παῖ Σακόλα, τὶν δ’ ἁ λεχέκοινος Ἀριστονίκα ἐπὶ θρωισμῷ δεῖ<γ>μα πόνησε τόδε, ὄφρα καὶ ἐξ Ἀχέροντος Ἄρει λυτὰ γῦα διήνας π̣ ικρὸν ἀπὸ ζωᾶς εὔνιδος ἦτορ ἔχοις. Weder thrinkaische Heimat noch der Gesetzgeber der Lakonier werden dem ausgezeichneten Plator Vorwürfe im (Haus des) Hades machen, weil der Tapfere den beiden Städten zusätzlich noch mehr Ruhm in Kämpfen brachte, als sie zuvor (schon) hatten. Glückseliger Sohn des Sakolas, dir hat die Geliebte Aristonika, auf einem Hügel dieses Mahnmal unter Mühen errichtet, damit du, auch mit Acheronwasser die durch Ares gelösten Glieder benetzt, das verbitterte Herz von der überlebenden Gattin erhältst. Das Stück befindet sich im Mus. Sparta, Inv. Nr. 11639. Seine Masse sind: H. 20,5 cm, B. 56 cm und T. 34,5 cm. Die Buchstabenhöhe beträgt ca. 1 cm, einige Buchstaben wie rho und hypsilon sind jedoch etwas grösser (1,3 cm). 22 Eine Furche von 7 cm Breite und 24,5 cm Länge fand auf dem rechts verloren gegangenen Block ihre Fortsetzung, wie auch links eine schmale Furche fortgeführt wurde. Hinten sind zudem Spuren der Verbindungselemente zu sehen, das heisst, dass sich auch an der Rückseite noch eine Reihe von Blöcken befand. 23 Tomb A: Wace–Dickins 1906, S. 157–159, Abb. 1 und 3; Pl. VI. Neben dem Grab A wurden auch zwei weitere hellenistische Gräber gefunden (Tomb B und C: Wace–Dickins 1906, S. 159–161, Fig. 2; Pl. VII). 21 Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 101 102 Marco Tentori Montalto Das Grabepigramm wurde für Plator gedichtet, dessen Name eine Herkunft aus Illyrien nahelegt, wo dieser sehr häufig anzutreffen ist.24 Plator ist der Sohn des in V. 5 erwähnten Σακόλας, für dessen Namen es nur zwei Belege gibt, die ebenfalls beide aus der hellenistischen Zeit stammen.25 Steinhauer 1992 schlägt die Möglichkeit vor, dass der Plator unserer Inschrift als ein bei Polybios erwähnter Anführer der Illyrer zu identifizieren sei, der 219 v. Chr. mit 400 illyrischen Söldnern auf Seiten der Achäer und Philipp V. gegen Knossos marschierte.26 Höchstwahrscheinlich ist er derselbe Plator, der 207 v. Chr. von Philipp V. beauftragt wurde, die in Euböa gelegene Stadt Oreos gegen die von Sulpicius Galba geleitete römische Flotte sowie gegen die Pergamener unter Attalos I. zu verteidigen.27 Plators Verrat hatte jedoch die Kapitulation und Plünderung der Stadt zur Folge.28 Bekannt ist noch ein weiterer Plator, nämlich der Bruder des illyrischen Königs Genthios, also der Sohn von Pleuratos und Eurydica.29 Um 181 v. Chr. wurde Plator von Genthios ermordet, da jener sehr wahrscheinlich nicht nur sein Rivale um die Herrschaft, sondern auch prorömisch war.30 Daher ist auszuschliessen, dass es sich bei ihm um unseren Plator handelt. Neben diesen Quellen existieren im 3.–2. Jh. v. Chr. weitere epigraphische Belege für den Namen Plator, die aber keine direkte bzw. mögliche Verbindung mit dem Plator des Epigramms Neben der Literatur in Cairon 2009, S. 107, Anm. 175, vgl. auch Russu 1969, S. 236–238, s.v. Plator. In LGPN, III A, s.v. Πλάτωρ werden 25 Belege des Namens Πλάτωρ aus Illyrien ausgewiesen, während ein solcher Name für die Peloponnes nicht bezeugt ist. 25 Vgl. die Inschrift aus dem adriatischen Gebiet SEG 53, 613, col. I, Z. 17, 27, 30 und col. II, Z. 8 (Mieza, Leukas, 250–225 v. Chr.: Ὀλύμπιχος Σακόλα). Die ähnliche Form Σακόλαος findet sich in einer Liste von Offizieren und Soldaten, sodass ihr Ursprung nicht mehr festzustellen ist: I.Hermoupolis 4, Z. 187: Κλέων Σακολάου (Hermoupolis Magna, Ägypten, nach 145/144 v. Chr.). Vgl. SEG 52, 1782bis. 26 Polyb. 4, 55: Πολυρρήνιοι δὲ καὶ Λαππαῖοι καὶ πάντες οἱ τούτων σύμμαχοι, θεωροῦντες τοὺς Κνωσίους ἀντεχομένους τῆς τῶν Αἰτωλῶν συμμαχίας, τοὺς δ’ Αἰτωλοὺς ὁρῶντες πολεμίους ὄντας τῷ τε βασιλεῖ Φιλίππῳ καὶ τοῖς Ἀχαιοῖς, πέμπουσι πρέσβεις πρός τε τὸν βασιλέα καὶ τοὺς Ἀχαιοὺς περὶ βοηθείας καὶ συμμαχίας. οἱ δ’ Ἀχαιοὶ καὶ Φίλιππος εἴς τε τὴν κοινὴν συμμαχίαν αὐτοὺς προσεδέξαντο καὶ βοήθειαν ἐξαπέστειλαν, Ἰλλυριοὺς μὲν τετρακοσίους, ὧν ἡγεῖτο Πλάτωρ, Ἀχαιοὺς δὲ διακοσίους, Φωκέας ἑκατόν. Die Übersetzung nach Drexler 1961–1963, I, S. 379–380 lautet: «Da nun die Polyrrhenier, Lappaeer und ihre Bundesgenossen sahen, daß sich die Knosier der Hilfe der Aetoler bedienten, diese aber Feinde von König Philipp und den Achaeern waren, baten sie diese beiden um Hilfe und um Abschluß eines Bündnisses. Die Achaeer und Philipp nahmen sie in das gemeinsame Bündnis auf und entsandten ein Hilfskorps, bestehend aus vierhundert Illyrern unter Führung des Plator, zweihundert Achaeern und hundert Phokern.» Von den 100 letztgenannten Phokern ist ein gewisser im Krieg gefallener [Ph]aikias durch seine Grabinschrift aus Kreta bekannt, IC II 19, 4 (Phalasarna, 3.–2. Jh. v. Chr.): [Φ]αικίας | [Π]εισιλά[ο]|υ Δρυμίος ἐμ π[ο]|λέμωι. 27 Liv. 28, 6–7. Vgl. Bengtson 1950, coll. 2544–2545: «Im J. 208 taucht wohl derselbe Plator als Kommandant der euböischen Stadt Oreos wieder auf». 28 Neben Liv. 28, 6–7, vgl. Polyb. 11, 5, 8; Cass. Dio 57, 57–58; Zonar. 9, 11, 4. 29 Vgl. Polyb. 29, 13, 2 (vgl. Ath. 10, 440 a); Liv. 44, 30, 2. Dieser Plator fehlt unverständlicherweise in Bengtson 1950. 30 Vgl. Walbank 1957–1979, III, S. 377. Der Prätor Anicius führte im Jahr 168 v. Chr. einen erfolgreichen Zug gegen König Genthios (Liv. 44, 30, 6–44, 32, 5). 24 Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329) aufweisen. Das Dekret I.Oropos 51 (Amphiareion, Oropos, 240–180 v. Chr.) für einen gewissen Plator aus Dimalle (Illyrien), der πρόξενος καὶ εὐεργέτης τῆς πόλεως Ὠρωπίων genannt wird, bietet keine prosopographischen Indizien für eine mögliche Identifikation mit dem in Sparta begrabenen Plator. Die Inschrift IG XII 3, 327, Z. 314 (Thera, 164–160 v. Chr.) beweist die Präsenz eines Plators in einem Gymnasium auf Thera, der deswegen aber nicht mit dem Plator unseres Epigramms identifizierbar ist.31 Wenn wir Steinhauers Hypothese diskutieren, dass es sich genau um den Plator handelt, der 219 bzw. 207 v. Chr. noch als Anführer nachgewiesen ist, so ist zu berücksichtigen, dass der Name Plator zu der Zeit verbreitet war. Auffällig ist zudem, dass ein Hinweis auf seine militärische Funktion im Epigramm fehlt,32 wie etwa in drei zeitgenössische Grabepigrammen für den jeweiligen Anführer (ἡγεμών): GVI 903 für Botrichos (vgl. oben), IG IV2 1, 244 (Epidauros, 192 v. Chr.) für den ebenfalls literarisch bekannten Telemnastos aus Gortina33 und GVI 1076 (Kyprus, Kition, 3.–2. Jh. v. Chr.) für Praxagoras aus Kreta.34 Aber die fehlende Nennung eines solchen Amtes Plators ist kein ausreichendes Argument gegen Steinhauers Hypothese: Das Grabepigramm IG IX 12, 2, 462 (Akarnania, Palairos, um 300 v. Chr.) gedenkt ohne weitere Hinweise des gefallenen Deinias, der ein Anführer unter Kassander gewesen sein könnte.35 Nicht überzeugend sind die Versuche, Plators Herkunftsstadt in V. 1 (πάτρα Θρινκαία) mit der archäologisch noch nicht nachgewiesenen Stadt Thrinke zu identifizieren, wie Steinhauer (1992, S. 243) feststellt.36 31 Vgl. Robert 1963, S. 388–389 und 411–418. Auf S. 388–389 unterstützt er die Identifizierung des am Anfang des Briefes (Z. 1) erwähnten βασιλεὺς Πτολεμαῖος mit Philometor und nicht mit Euergetes (mit letzterem wäre die Inschrift auf das Jahr 229 v. Chr. zu datieren), er erwähnt jedoch irrtümlich IG XII 3, 325 anstatt von IG XII 3, 327. 32 Vgl. Barbantani 2014, S. 313–320 für den Hinweis auf militärische Titel in den hellenistischen Versinschriften. Die Bezeichnung ἡγεμών taucht am häufigsten auf: Neben den drei unten erwähnten Beispielen vgl. auch GVI 1149 (Koptos, Ägypten, 2. Jh. v. Chr.), GVI 1603 (Akraiphia, Boiotien, um 293 v. Chr.); GVI 1965 (Nikaia, Bithynia, 281 oder 190 v. Chr.). 33 Vgl. ISE 49. Telemnastos ist auch durch Liv., 35, 28–29 als Anführer bezeugt. 192 v. Chr. hatte er, im Rahmen des Krieges von Philopoimen gegen Nabis, den Befehl über die Soldaten aus Kreta an der Seite des Philopoimen. Aus der Erinnerung an Telemnastos als Anführer während des Krieges gegen Nabis konnte sein Sohn Antiphatas einen Vorteil für seine diplomatische Mission im Jahr 154 v. Chr. ziehen, wie Polyb. 33, 16 berichtet. 34 Vgl. Text und Übersetzung der Inschrift in I.Kition 2070: Κρήτα μὲν πατρίς μου, ὁδοιπόρε, τίκτε δὲ μάτηρ / Νικώ, Σωσιάναξ δ’ ἦ[ε]ν ἐμὸς γενέτας· / Πραξαγόρας δ’ ὄνομ’ ἔσχον ἐπικλεές, ὃν πρὶν ἐπ’ ἀνδρῶν / θήκατο Λαγείδας κοίρανος ἁγεμόνα. «La Crète est ma patrie, passant; Nikô, la mère qui m’a donné le jour ; Sôsianax était mon père. J’avais pour nom Proxagoras, un nom célèbre, moi qu’auparavant le souverain lagide a placé comme officier à la tête des soldats». 35 Diod. 19, 35, 3; 88, 6. Für diese Interpretation vgl. Tentori Montalto 2018. 36 Für die Stadt Thrinke vgl. Steph.Byz., Ethnika, Θρίγκη, πόλις περὶ τὰς στήλας. Ἑκαταῖος Ἀσίᾳ. τὸ ἐθνικὸν Θριγκαῖος ὡς Τρικκαῖος. Billerbeck–Zubler 2011, S. 251 übersetzt: «Thrinke: Stadt bei den Säulen. Hekataios ‹erwähnt sie› in der Asia (FGrHist 1 F 356). Das Ethnikon ‹lautet› Thrinkaier, Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 103 104 Marco Tentori Montalto In V. 2 bezieht sich die Erwähnung eines Gesetzgebers (θεσμοθέτας) eindeutig auf Lykurg und stellt möglicherweise eine Anspielung auf König Nabis dar, der als aemulus Lycurgi bekannt ist.37 Nach dem bekannten Dekret von Lykurg (Plut., Lyc. 27, 2) war selbst ein Grabmonument mit einer einfachen Inschrift eine Ehre, die nur Gefallenen und bei der Geburt verstorbenen Frauen zuteil werden sollte.38 Im Epigramm wird allein der militärische Mut Plators gelobt; es findet sich jedoch kein eindeutiger Hinweis auf seinen Tod im Krieg. In V. 3 des oben zitierten Grabepigramms GVI 903 für den Söldner Botrichos wird auf ähnliche Weise die Kriegstüchtigkeit Lakedaimons erwähnt, obwohl aus dem Epigramm nicht zu entnehmen ist, dass Botrichos im Krieg gefallen ist. Da die Söldner nicht für ihre Heimat kämpften, scheinen sie nicht von Lykurgs Gesetz bezüglich der Gefallenen betroffen gewesen zu sein. Im Laufe der klassischen und hellenistischen Zeit veränderte sich zudem in Sparta das Ideal des Opfertods im Krieg: Der Heldentod (καλὸς θάνατος), der der Regel «Sieg oder Tod» folgte (Hdt. 7, 104: ἐπικρατέειν ἢ ἀπόλλυσθαι), wird als ein nützlicher Tod (χρήσιμος θάνατος) verstanden.39 Darüber hinaus wird während des Hellenismus häufig an die spartanischen Werte erinnert, die auch in den Gefallenenepigrammen aus anderen Gebieten Griechenlands rezipiert wurden:40 So wird berichtet, dass ein ‹Lakonischer Ares› den Tod eines arkadischen Kriegers verursacht habe,41 und im Epigramm von Timokritos aus Akarnanien heisst es, dass die Elegien von Tyrtaios die militärische Tüchtigkeit erweckt haben sollen.42 In V. 3 ist ἐπεί als Nebensatzkonjunktion und nicht als die mit πλέον zu verbindende Präposition ἐπί zu verstehen,43 da der Wechsel von kurzem iota ‹gebildet› wie Trikkaier». Laut Cairon 2009, S. 108, entstammt Θρινκαία dem Namen θριγκίον («Befestigung»). Vgl. LSJ, s.v. θριγκός, ὁ: «topmost course of stones in a wall, cornice, wall, fence». 37 Vgl. Liv. 34, 32, 10. Lykurg wird auch in anderen Grabepigrammen für einen mit 22 Jahren verstorbenen Epheben, GVI 2056 (Tegea, 2./3. Jh. n. Chr.), erwähnt. Aus Lakonien ist ebenfalls ein Ehrenepigramm für den proconsul Anatolius bekannt, SEG 11, 773, V. 5 (ca. 375 n. Chr.). Vgl. Sironen 2017, S. 453–454. 38 Das übliche Formular in dieser frühen Zeit bestand aus der Formel ‹männlicher Name und ἐν πολέμωι (Tod im Krieg)› oder ‹weiblicher Name und λεχώ (Tod im Wochenbett)›. Low 2006 sammelt und untersucht 24 dieser spartanischen Inschriften zwischen dem 6. und dem 1. Jh. v. Chr. Vgl. zuletzt González González 2019, S. 114–121. 39 Vgl. Piccirilli 1995; Prandi 2003. Emblematisch dafür ist schon der Dialog zwischen einem gefangenen Spartaner und einem Verbündeten der Athener in Thuc. 4, 40 nach der Schlacht bei Pylos und Sphakteria im Jahr 425 v. Chr. Für die hellenistische Zeit vgl. z. B. Plut., Cleom. 31, 3–12. 40 Vgl. Barbantani 2014, S. 321–325. 41 Cairon 2009, Nr. 40 (Tegea, 2. Jh. v. Chr.). 42 GVI 749, V. 7–8 (Anm. 46). 43 Vgl. LSJ, s.v. πλείων vel πλέων, II 1: more, further. Auf jeden Fall ist die Klausel ἐπὶ πλέον nachgewiesen, wie z. B. in Soph. OC 1777; Theocr. 1, 20. Vgl. Theocr. 3, 46–48: τὰν δὲ καλὰν Κυθέρειαν ἐν ὤρεσι μῆλα νομεύων / οὐχ οὕτως Ὥδωνις ἐπὶ πλέον ἄγαγε λύσσας / ὥστ’ οὐδὲ φθίμενόν νιν ἄτερ μαζοῖο τίθητι; Effe 2013, S. 35 übersetzt: «Die schöne Kythereia, hat sie nicht Adonis, in den Bergen Schafe hütend, so weit in den Wahnsinn getrieben, daß sie ihn auch als Toten nicht von ihrer Brust läßt?» Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329) und Diphthong epsilon-iota nicht vor der Mitte des 1. Jh. v. Chr. auftaucht.44 Dass die Präposition ἐπεί nach dem ersten Element des jeweiligen Nebensatzes auftreten kann, ist z .B. durch ein anderes hellenistisches Grabepigramm für den Anführer der Böotier Nikasichoros gesichert.45 Auch die Krasis in V. 4 mit dem Artikel ὁ in ὡγαθός ist durch ein hellenistisches Grabepigramm belegt, das dadurch ebenfalls eine variatio des Subjektes in den ersten zwei Distichen aufweist.46 Der zweite Teil des Epigramms weist ein Incipit mit einer homerischen Reminiszenz auf, das durch den Vokativ ὄλβιε παῖ den Vatersnamen Sakolas einführt.47 In Bezug auf Verstorbene und insbesondere auf Gefallene finden sich für das Adjektiv ὄλβιος Parallelen in anderen Inschriften.48 In V. 5 notiert Steinhauer neben den zwischen cruces gesetzten Wörtern ἄλεχε κοινός weitere Anomalien: Zuerst die Aufteilung des weiblichen Namens Aristonika in zwei Verse, wofür neben zwei Versinschriften49 auch ein literarisches Epigramm Vgl. z. B. Threatte, GAI, I, S. 199–202 für Attika. Auch der Wechsel von langem iota und Diphthong epsilon-iota ist erst in derselben Zeit verbreitet. Threatte, GAI, I, S. 195, schreibt: «Widespread use of EI for ῑ is foreign to texts of the end of the Hellenistic Period and develops only in Roman times». 45 IG IX 12, 5, 1911, V. 9–10 (Opous, Lokris Orientalis, ca. 230 v. Chr.): τῶι καὶ ἀείμναστον Νικασιχόρωι κλέος ἔσται, / πίστις ἐπεὶ πάντων κοίρανος ἁγνοτάτα. Cairon 2009, Nr. 59 übersetzt: «alors la gloire de Nicasichoros sera éternelle, puisque la loyauté la plus pure est supérieure à tout». 46 Vgl. die Krasis ὡγαθός zu Beginn von V. 4 in GVI 749 (Thyrrheion, Akarnanien, 3. Jh. v. Chr.): τὸμ Μούσαις, ὦ ξεῖνε, τετιμένον ἐνθάδε κρύπτει / Τιμόκριτογ κόλπωι κυδιάνειρα κόνις· / Αἰτωλῶν γὰρ παισὶ πάτρας ὕπερ εἰς ἔριν ἐλθὼν / ὡγαθὸς ἢ νικᾶν ἤθελε ἢ τεθνάναι. / πίπτει δ’ ἐμ προμάχοισι λιπὼμ πατρὶ μυρίον ἄλγος, // ἀλλὰ τὰ παιδείας οὐκ ἀπέκρυπτε καλά· / Τυρταίου δὲ Λάκαιναν ἐνὶ στέρνοισι φυλάσσων / ῥῆσιν τὰν ἀρετὰν εἵλετο πρόσθε βίου. Peek 1960, Nr. 130, übersetzt: «Den die Musen geehrt, Timokritos birgt hier rühmlicher Männer Erde in ihrem Schosse, o Fremdling. Gegen die Söhne der Aitoler zum Kampf sich stellend für die Heimat, war der Wackere entschlossen, entweder zu siegen oder zu sterben. So fiel er inmitten der Vorkämpfer und hinterliess seinem Vater tausendfaches Leid. Doch die schönen Lehren seiner Erziehung mochte er nicht verleugnen: des Tyrtaios spartanischen Spruch in treuem Herzen bewahrend, wählte er statt des Lebens die Bewährung vor dem Feind». 47 Vgl. Hom., Od. 24, 192, wo der ähnliche Ausdruck ὄλβιε Λαέρταο πάϊ, πολυμήχαν’ Ὀδυσσεῦ auf den findigen Odysseus, den glückseligen Sohn des Laertes, bezogen ist. 48 Für das Glück der Gefallenen stellt m. E. der letze Vers des Epigramms für die Marathonomachoi IG I3 503/504, lapis C = CEG 2 (Athen, 480–470 v. Chr.) das beste Beispiel dar: τοῖσιμ πανθαλες ὄλβος ἐπιστρέ[φεται]. Als jüngste Studie vgl. Tentori Montalto 2017, S. 102–108, Nr. IV mit folgender Übersetzung: «a questi ritorna un’incontenibile (lett. fiorente) felicità». Vgl. auch die orphischen Goldblättchen aus Pelinna, datierbar Ende des 4. Jh. v. Chr., SEG 37, 497, A, V. 1 (νῦν ἔθανες | καὶ νῦν ἐγ|ένου, τρισόλβ|ιε, ἄματι τῶιδε) und B, V. 1 (νῦν ἔθανε<ς> | καὶ νῦν ἐ|γένου, τρισόλ|βιε, ἄματι | <τῶι>δ̣ε)̣ . Ich übersetze: «Nun bist du gestorben, nun bist du geboren, dreimal glückselig, an diesem Tag». 49 Vgl. Cairon 2009, S. 110, Anm. 192. Das ältere Epigramm ist IG I3 502 = CEG 430 (Athen, 477/6 v. Chr.), das auf der Basis der Statue der Tyrannenmörder eingemeisselt war. Dem fragmentarischen Epigramm entnimmt man einzig, dass es aus zwei Distichen bestand ([- - -]hαρμόδιο[ς] / [- - - πα]τρίδα γε͂ν ἐθέτεν). Heph., Enchir. 4, 6 zitiert das Epigramm IG I3 502 als Beispiel für die Trennung der 44 Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 105 106 Marco Tentori Montalto als Vergleich herangezogen werden kann;50 zweitens die metrische Anomalie in V. 8, in der die zweite kurze Silbe von ἀπό hätte lang sein müssen; drittens das Wort δεῖμα (Angst, Furcht), das mit Chairon 2009, S. 110 in δεῖ<γ>μα emendiert werden sollte.51 In Bezug auf Steinhauers Interpretation bemerkt Cairon 2009, S. 109 zwar, dass «la presence à Sparte d’un mercenarie installé et marié à une femme spartiate paraît étonnante», schliesst aber aus V. 8 (S. 111): «Aristonica a pu faire construire le monument funéraire pour Plator non loin de son lieu d’habitation». Meine Überlegungen zu diesen Versen führen jedoch zu einem anderen Verständnis. Erstens ist die bislang unverstandene Buchstabenreihe †αλεχεκοινος† in V. 5 als weiblicher Artikel ἁ gefolgt von dem Adjektiv λεχέκοινος zu verstehen. Auch wenn dieses Adjektiv ein hapax legomenon darstellt, existiert das korrespondierende κοινολεχής, ές, das Buhler, Geliebter bzw. Buhlerin, Geliebte bedeutet.52 Das Kompositum λεχέκοινος ist regelmässig gebildet.53 In den hellenistiWörter, und somit überliefert er das erste Distichon eines Epigrammes, das er Simonides zuschreibt: ἦ μέγ’ Ἀθηναίοισι φόως γένετ’, ἠνίκ’ Ἀριστο/γείτων Ἵππαρχον κτεῖνε καὶ Ἁρμόδιος. Für einen Kommentar dieses Epigramms und die folgende Übersetzung von V. 1–2 vgl. Petrovic 2007, S. 113–131: «Ja, ein großes Licht erstrahlte für die Athener, als Aristogeiton und Harmodios den Hipparchos töteten». Das zweite ist Epigr. Gr., Add. 805a, V. 5–6 = IGUR, I, 102 A (Rom, 150–200 n. Chr.): θῆκε δ’ ὁμοῦ νούσων τε | κακῶν ζωάγρια Νικο|μήδης καὶ χειρῶν | δεῖγμα παλαιγενέων. Ich übersetze: «Nikomedes brachte zusammen sowohl die Weihgabe für die Besserung der schlimmen Krankheiten als auch ein Zeichen der vor langer Zeit geborenen (und daher erfahrenen) Hände dar». 50 Heph., Enchir. 4, 6 zitiert neben dem Epigramm für die Tyrannenmörder (vgl. Anm. 49) auch ein anderes Epigramm des Nikomachos. Letzteres lautet: οὗτος δή σοι ὁ κλεινὸς ἀν’ Ἑλλάδα πᾶσαν Ἀπολλό/δωρος· γινώσκεις τοὔνομα τοῦτο κλύων. Ich übersetze: «Dieser ist nun dir der in ganz Hellas berühmte Apollodoros: Erfahre seinen Namen weinend». Über Nikomachos als Dichter, eventuell identisch mit dem Dichter von AP 7, 229, vgl. Diehl 1936. 51 Anstatt von δεῖγμα findet sich in literarischen Quellen auch δεῖμα: Vgl. TLG, s.v. δεῖγμα. Obwohl mir kein Beispiel bekannt ist, in dem δεῖγμα als Synonym für σῆμα verwendet wird, ist δεῖγμα als Monument im Dekret IG II/III2 1035, A = SEG 26, 121 (Athen, 1. Jh. v. – Anfang 1. n. Chr.) belegt, dessen Z. 47 lautet: [ἀ]πὸ τοῦ δείγματος τοῦ ἀνατεθέντος ὑπὸ Μάγνου. Es handelt sich um einen Hinweis auf eine Weihgabe von Magnus, vermutlich Pompeius Magnus, was auf eine Datierung auf 86 v. Chr. hindeuten würde. Eine Parallele findet sich in der Z. 25 derselben Inschrift: [ἀναθή]ματα κα[ὶ ἀγ]ά̣[λ]ματα τὰ ἀνατεθέντα ὑπ’ Ἀτ[τάλου βασ]ιλέως. Dieselbe Weihung von Attalos I. in Athen wurde auch von Paus. 1, 25, 2 beschrieben. Das Partizip ἀνατεθέντα macht m. E. hier die Ergänzung [δείγ]ματα wahrscheinlicher als die Wiederholung von [ἀναθή]ματα. Ohne Bezug auf Monumente taucht das Wort δεῖγμα auch in anderen Versinschriften als unserer, u. a. in IGUR, I, 102 A (Anm. 49), und im Ausdruck δεῖγμ’ ἀρετᾶς in Kaibel, EG, 860 (Chios, hellenistische Zeit) auf. 52 Vgl. S., El. 97. Andererseits bildet λεχεποίη bzw. λεχεποίης ein ähnliches Kompositum mit dem Wort λέχος, εος. Vgl. Hom., Il. 4, 383. Für den unterschiedlichen Akzent der Komposita λεχέκοινος und κοινολεχής vgl. Kühner–Blass 1890, jeweils S. 539 und 545. Für derartige Inversionen finden sich Parallelen in anderen Versinschriften, wie z. B. im Grabepigramm GVI 1078, v. 8 (Thyrreion, Akarnanien, 2. Jh. v. Chr.): Anstatt des Adjektivs ὁπλοφόρος liest man hier die extrem seltene Form φέροπλος. Vgl. Cairon 2009, Nr. 68 (insbesondere S. 221 zu φέροπλος). 53 Vgl. LSJ, s.v. δημόκοινος (sc. δοῦλος) und Hsch., s.v. σημόκοινος· ἡ ἀνατολή. Allerdings existieren auch Komposita in -κοινος, die im ersten Teil keinen Namen, sondern eine Präposition oder ein Adjektiv aufweisen: Vgl. LSJ, s.vv. ἐπίκοινος, μετάκοινος, πάγκοινος, πολύκοινος, φιλόκοινος. Ich schulde dem Gutachter dieses Aufsatzes folgende Stelle, die die Bildung λεχέκοινος besser verstehen lässt: Eur., Andr. 933–934: Σὺ τὴν κακίστην αἰχμάλωτον ἐν δόμοις / δούλην ἀνέξηι σοι λέχους Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329) schen Steinepigrammen sind derartige Neologismen, die sehr häufig hapax legomena darstellen, keine Ausnahme.54 Als Synonym von εὖνις in V. 8 bezeichnet das Wort hier vielmehr eine verheiratete Frau, also z. B. eine Variante des Wortes σύζυγος. Zweitens sind folgende neue Ergänzungen in V. 8 zu berücksichtigen (Abb. 1): Für den grösstenteils fehlenden ersten Buchstaben schlage ich das Adjektiv π̣ικρόν statt [μ]ικρόν vor und für den nicht mehr lesbaren Buchstaben nach ἀπό die bessere Lesung ζωᾶς statt σώας, was die metrischen und exegetischen Probleme löst. In V. 7 ist zuletzt das an keiner anderen Stelle nachgewiesene, homerisch inspirierte Kompositum ἀρείλυτα zu trennen. Das Verb λύω oder sein verbales Adjektiv ist häufig in Homer mit γυῖα oder γούνατα in Bezug auf den Tod, vor allem den im Krieg, verbunden.55 Der ähnliche Ausdruck γυῖα διαίνων bildet bei dem epischen Dichter Nonnos (9, 282) den Adoneus am Ende eines Hexameters. Die Erwähnung des Acherons, eines der Flüsse der Unterwelt neben Kokytos, Periphlegethon und Styx, verweist darauf, dass der Verstorbene im Hades ist; der Ausdruck καὶ ἐξ Ἀχέροντος könnte jedoch auch verstehen lassen, dass die gelösten Glieder schon zuvor von dem Blut im Kampf gebadet wurden. Es scheint möglich, allerdings wenig wahrscheinlich, dass man in V. 5–6 anstatt des getrennten Namens Ἀριστο/νίκα den Genitiv ἀρίστο(υ) gefolgt von Nίκα lesen kann.56 In letzterem Fall erlaubt der kryptische Ausdruck ἐπὶ θρωισμῷ δεῖμα πόνησε τόδε,57 zumindest Nίκα als Namen einer Frau und κοινουμένην; Die Übersetzung von Ebener 1975, S. 353 lautet: «Du willst die Elende, die kriegsgefangne Sklavin, im Hause dulden als des Gattes Nebenfrau?» 54 Vgl. die auf GVI basierte Studie Garulli 2016 sowie folgende hapax legomena: ἐτέολβος in SGO 17/17/01, V. 5 (Choma, Lykien, 2.–1. Jh. v. Chr.); περιπλανίη in GVI 766, V. 5 = Cairon 2009, Nr. 55 (Tithoreia, Phokis, 1. Jh. v. Chr.); das Partizip ἐνιδεύσας und die zwei Adjektive πανάρεστος und οἰκτρόφονος, jeweils in GVI 874, V. 7 und V. 1 und 8 (Smyrna, späthellenistische Zeit). Peeks Datierung von GVI 874 auf das 2. Jh. n. Chr. (?) wurde überzeugend als «basse époque hellénistique» von Robert 1940–1965, XI–XII, S. 588 korrigiert, während Pleket 1958, S. 88–89, n. 66 darauf hinweist, dass πανάρεστος auch in Georgius Cedrenus (Bekker 1838, vol. I, p. 348, 16) auftaucht. Vgl. Robert 1940–1965, II, S. 105–108 für parallelenfreie bzw. seltene Formen, wie z. B. νειλόρυτος, in GVI 766. Sogar sieben hapax legomena tauchen auch in einem erst kürzlich entdeckte Versinschrift aus Mylasa vom Ende des 3. oder Anfang des 2. Jh. v. Chr. auf: Vgl. die erste Edition von Marek–Zingg 2018, insbesondere S. 12: πεδοκτυπη[-] (V. 20); χερορριφής (V. 41); θηρόδαμνος (V. 44); πτηνόφ[οιτος] (V. 55); ἐλαφρόγυιος (V. 59); νυκτεραυγής (V. 88); μισθαμοιβίη (V. 115). 55 Vgl. z.B. für λύω im Bezug auf γυῖα Hom., Il. 7, 16; 13, 85; Od. 8, 223; im Bezug auf γούνατα Hom. Il. 5, 176; 24, 498; im Bezug auf γούνατα und ἦτορ Hom., Il. 21, 114; 425. Vgl. insbesondere Hom., Il. 24, 498 (τῶν μὲν πολλῶν θοῦρος Ἄρης ὑπὸ γούνατ’ ἔλυσεν) in Rupé 2013, S. 845: «Vielen davon hat der wütende Ares die Glieder gelockert». 56 Das Zeichen O für omicron-hypsilon ist wohl noch in hellenistischer Zeit vor allem am Ende eines Wortes möglich: Vgl. z. B. Δημητρίō in SEG 41, 575 (Pella, 350–250 BC). Für den Frauennamen vgl. LGPN, III A, s.v. Nίκα. 57 Festzuhalten ist, dass πόνησε kein Augment aufweist und dass dieselbe Klausel, aber mit einer anderen Bedeutung, ἐπὶ θρωσμῷ πεδίοιο («auf dem Vorsprung der Ebene») in Hom., Il. 10, 160; 11, 56 auftaucht. Bei Nonnus, Dion. 37, 531 bezieht sich ἐπὶ θρωσμῷ hingegen auf das Anschwellen der Wange infolge eines Faustschlages. Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 107 108 Marco Tentori Montalto nicht als Personifizierung des Sieges zu interpretieren.58 Für die Bestattung eines Söldners durch seine Frau stellt das erwähnte Epigramm des Botrichos, GVI 903, der von seiner Gattin Timo begraben wurde, den nächstliegenden Vergleichspunkt dar. Auch an den Söldner Leon wurde in dem Grabepigramm GVI 1918 (Itanos, Kreta, 2.–1. Jh. v. Chr.) durch seine Familie erinnert.59 Das neue Verständnis des letzten Distichons, das eine elaborierte Struktur aufweist,60 bedarf jedoch weiterer Erklärung. Die Aussage, dass das Herz der Frau im Trauerfall bitter sei (π̣ικρόν…ἦτορ),61 ist zwar ohne direkte Vergleiche, aber nicht überraschend: Das bittere Herz ist mit dem Begriff πικρόγαμος zu verbinden, der zum ersten Mal in einem formelhaften Vers der Odyssee im Bezug auf den für die Freier tödlichen Wunsch einer Heirat mit Penelope auftaucht.62 Dass das Wort πικρόγαμος den Tod voraussetzt, bestätigt auch ein literarisch überliefertes Epigramm.63 Es scheint daher plausibel, die Wendung dahingehend zu verstehen, dass das Herz der Gattin bitter geworden ist, weil ihr Mann bereits kurz nach der Hochzeit verstarb. Dies könnte auch durch ein Oxymoron π̣ικρὸν ἀπὸ ζωᾶς ausgedrückt worden sein, wenn man ζωᾶς nicht als Adjektiv, sondern als Substantiv versteht und folgendermassen übersetzt: «daAndererseits erwähnt das hellenistische Epigramm IG IX 12, 5, 1911, V. 4 (Anm. 45) den Sieg. Neben anderen Göttern wird laut Dekret des Themistokles, Meiggs-Lewis, GHI2, 23, Z. 39 (Troizen, 3. Jh. v. Chr.), auch der Nike geopfert. 59 Ich erwähne hier die V. 1–8 aus Peeks Edition und Übersetzung (GVI 1918 = Peek 1960, Nr. 445): [ἄξιο]ν οὐνόματος φοβεσάνορα θυμὸν ἐν Ἄ[ρει / εἶχ]ε Λέων Θέννα κοῦρος ἀριφραδέος / [ὃν] τέκεν ἁ περίφρων Δαματρία εὐπατέρεια / ἀγλαΐαν πάτραι, χάρμα δὲ συνγενέσιν, / οἳ καὶ τρὶς τόσον ἄχθος ὑπὸ σπλάνχνοισιν ἄ[λαστον] / εἵλκυσαν εἰς Λάθας ἐρχομένου θάλαμον / Νύμφαι δ’ Ὑδριάδες καὶ ὁμέστιος οὔρεσιν Ἀχώ, / τοξότα δίζηνται σὰν σκυλάκων τε βοάν. «Männerschreckenden Mut im Kriegshandwerk, der seinem Namen Ehre machte, besaß Leon, des weitbekannten (weisen?) Thennas Sohn. Die kluge Damatria, rühmlicher Eltern Kind, gebar ihn, seines Vaterlandes Stolz, seiner Verwandten Freude. Doch ein dreimal so großes, ein Leid ohne Ende schleppten sie mit sich in der Tiefe der Brust, als er zur Kammer der Lethe gegangen war. Die Nymphen der Quellen aber und die in den Bergen heimische Echo, Bogenschütze, vermissen schmerzlich dein Rufen und das Bellen der Hunde». In V. 1 schlägt Guarducci (IC III 4, 39) ἐν ἀ[στοῖς] anstatt von ἐν Ἄ[ρει] vor. 60 Die Konjunktion ὄφρα am Anfang von V. 7 lehnt sich an den Optativ ἔχοις am Ende von V. 8 an (darüber LSJ, s.v. ὄφρα, A, II). Vgl. Hom., Il. 4, 300; Od. 1, 261. Für ὄφρα καὶ vgl. Hom., Il. 5, 557. 61 Das Grabepigramm in jambischen Trimetern, App.Anth. 2, 772, das Nicolaus Calliclis zugeschrieben wird, beginnt mit dem Ausdruck πικρὸν τάφος πᾶς und besagt, dass der Sohn, indem er vor der Hochzeit gestorben sei, das Herz der Eltern zerstört habe (V. 5: εἰ δὲ νυμφίου νέου, ἡ καρδία ῥάγηθι τῶν γεννητόρων). Für das Wort ἦτορ in Bezug auf die militärische Tüchtigkeit vgl. insbesondere das Grabepigramm für den Krieger Apollonios, GVI 1260, V. 3 (Bosphoros, Rhodische Peraia, Anf. 2. Jh. v. Chr.). 62 Hom., Od. 1, 265–266 = 4, 345–346 = 17, 135–136: τοῖος ἐὼν μνηστῆρσιν ὁμιλήσειεν Ὀδυσσεύς· / πάντες κ’ ὠκύμοροί τε γενοίατο πικρόγαμοί τε. Weiher 1994, S. 21 übersetzt: «Ein solcher Odysseus, möchte ich wünschen, sollte erscheinen, um so mit den Freiern zu reden! Ich dächte, alle erführen dann schleuniges Schicksal, bittere Hochzeit». Cuypers 2004 erläutert: «die Freier werden ihr Heiratsstreben mit dem Tode bezahlen müssen» (vgl. z. B. Hom., Od. 17, 475–476). 63 AP 9, 245, V. 1–2: Δυσμοίρων θαλάμων ἐπὶ παστάσιν οὐχ Ὑμέναιος, / ἀλλ’ Ἀΐδης ἔστη πικρογάμου Πετάλης. Beckby 1957–1958, III, S. 151 übersetzt: «Nicht Hymenaios, nein Hades stand neben dem Bette in schlimmer Kammer, als Petale sich bitter die Hochzeit gefügt.» 58 Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329) mit du (scil. Plator) […] das vom Leben bitter gewordene Herz der Gattin haben sollst». Diese Interpretation würde indes den Gesamtsinn nicht verändern, da man schon den V. 5–6 entnehmen kann, dass die Gattin Aristonika noch lebendig war, als das Grabmal errichtet wurde. Es überrascht jedoch, dass das Grab nicht nur dazu diente, den Verstorbenen mit bitterem Herz zu beweinen, sondern auch den bereits verstorbenen Plator das bitter gewordene Herz der lebendigen Gattin spüren zu lassen (ὄφρα…ἔχοις). Ebenfalls ist nicht vollkommen auszuschliessen, dass das Herz Plators gemeint ist, da der Ausdruck ἦτορ ἔχειν durchaus auf das eigene Herz bezogen werden kann.64 Eine dementsprechende Übersetzung würde so lauten, dass Aristonika das Grab errichtet, «damit du (scil. Plator) […] ein bitteres Herz haben mögest, weil deine Gattin dich überlebt». Aber auch unabhängig davon, wessen Herz gemeint ist, leidet sogar der Tote im Jenseits zusammen mit seiner noch lebendigen Frau. Dieses Motiv ist extrem selten; mir ist lediglich ein einziges ähnliches Beispiel bekannt, nämlich das Grabepigramm Bernand, Inscr. métriques, Nr. 56 (Gizeh, neben der bekannten Sphinx, 4. Jh. v. Chr.), das ich hier in der korrigierten Edition von Peek 1970 wiedergebe.65 ὤιμοι σὴγ (κ)εφαλήν, ἣ ἄνωρος ἕθ’ ὧδ’ ὑπόκειται, Δημοφίλο ψυχὴν σῶμά τ’ ὀδυρομένη. Peek erachtet dies als «etwas sonderbar» im Rahmen des Motivs der Klage der Toten.66 Er betont (Peek 1970, S. 100): «gemeint ist, daß die Verstorbene im Totenreich darüber weint, daß sie Körper und Seele des Sprechers dieser Verse nicht mehr sieht und spürt, seine leibhafte Gegenwart und seine liebende Sorge».67 Ein ähnliches Motiv im Bezug auf die mors amara findet sich bei Propertius.68 Insofern kann der Tod die Verbindung mit dem geliebten Menschen nicht Vgl. Hes. Th. 139; Thgn. 1, 122; 1, 1178a. Vgl. CEG 718. Für den ersten Vers schlug Merkelbach 1970 zunächst σὴγ (κ)εφαλήν anstatt Bernards Lesart σή γε Φαλήνη vor. Unmittelbar danach verbesserte Peek 1970 ἕο ὧδ’ in ἕθ’ ὧδ’. Guarducci, EG III, S. 186–187 folgt Peeks Exegese des Epigramms und übersetzt es folgendermassen: «Ahimé la tua personcina, che ancora immatura qui sotto giace, piangendo l´anima e il corpo di Demophilos». 66 Peek 1970, S. 100, Anm. 1 erwähnt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem hellenistischen Beispiel, GVI 1152, vv. 13–14 (Apollonis-Magna, Ägypten, 2. Jh. v. Chr.) und einem aus der Kaiserzeit, GVI 720, vv. 5–6 (Athen, 2. Jh. n. Chr.). Letzteres wird von Peek 1960, Nr. 289 folgendermassen übersetzt: «Doch nicht so sehr, daß ich tot bin, beklage ich, sondern daß ich beiden Eltern trauriges Leid hinterließ» (τεθνειὼς δ’ οὐ τόσσον ὀδύρομαι, ἀλλ’ ὅτι πένθος / ἀμφοτέροις ἔλιπον λυγρὸν ἐμοῖς τοκέσιν). Vgl. auch GVI 1918 (Anm. 59). 67 Ähnlich schreibt Guarducci, EG III, S. 186: «Singolare è, invece, il motivo secondo cui la defunta compiange il padre sopravvissuto. Di solito sono i vivi quelli che compiangono i morti; ma in qualche caso i superstiti che curano il sepolcro sembrano trovare conforto nell’immaginare che la persona defunta veda le loro sofferenze e ne soffra essa stessa». 68 Prop. 1, 19, 19–20: quae tu viva mea possis sentire favilla! / tum mihi non ullo mors sit amara loco. Flach 2011, S. 67 übersetzt: «Könntest du doch als Lebende solche Trauer empfinden über meine Asche! Dann wäre für mich an keinem Ort bitter der Tod». 64 65 Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 109 110 Marco Tentori Montalto völlig trennen. Umgekehrt betont auch ein literarisch überliefertes Epigramm, dass die verstorbene Mutter in den lebendigen Kindern fortlebt.69 Appendix zu GVI 2003 (IG V 1, 1186; Cairon 2009, Nr. 38) πέντε <σ>ε καὶ δέκ’ ἐτῶν ὁ βαρὺς μίτος ἥρπασε Μοιρ[ῶ]ν, Ἄτταλε, σεμνοτάτης μητρὸς ἄ̣[γ]α̣[λ]μ̣α̣ [Τύ]χης, τὸν σοφίαν ἀσκοῦντα κα̣ὶ ̣ εἰς καλ̣ὰ πάντα [ ] Ἄττ̣αλον εὐμοίρωι χρησάμενον βιότωι. 5 τοιγὰρ μὴ λυπεῖσθε λίαν· ᾖ γὰρ νέον, ὥς τινες εἶπον, εἰ φίλον ἐστὶ θεοῖς, ὀξὺν ἔ̣χει θάνατον. Ἄτταλος ἐνθάδε ἔφηβ[ο]ς ἔτη ζήσας δεκ[α]πέντε κεῖται, τὴν Μουσῶν γνοὺς ἐπ’ ἄκρον σοφίην. τοῦτο δὲ δυστήνοισιν ἐν ἀνθρώποισιν ἔδε[ι]ξεν 10 θνήσκων, ὡς ἀγαθὸν πᾶν ὀλιγοχρόνιον. Ἄτταλον ἀκμάζοντα κα[λ]ὸν καὶ χρηστὸν ἔφηβον ἥρπασεν ἡ ταχινὴ Μοῖρα πρὸς ἀθανάτους, οὔπω γευσάμενον βιό[τ]ο[υ], κλ[α]υτὸν δὲ γονεῦσιν, ζήσανθ’ ἡλικίην, ἣν ἐπένευσ[ε θεός]. 15 ὁ χρόνος ἀνθρώποις [ ] τείμιοι εὐκαίρως [ ] χαίροις, ὦ παροδῖτα. – τίς ὧ[δε γέ]γ̣ω[νε] προσειπών; – Ἄτταλος, ὃν δαίμων ἥρπασεν καὶ κατέχει. – ἀλλὰ πατρὸς τίνος [ὄ]ντα; – Π[ο]θ̣εῖτος [γείν]ατό [μ’ ὑιόν]. 20 μητρὸς δ’ εἰ ζητεῖς ἐκ τίνος εἰμί, Τύχης. ἡλικίην μάθε λοιπόν· ἐτῶν θνήσκω δεκ[απέντε], τῆς ἀρετῆς ἐλθὼν τῆ[ς] μεγάλης ἐπ’ ἄκρ[ον]. Das jüngste hellenistische Epigramm aus Lakonien wurde um 1870 in Gytheion gefunden und anhand der Buchstabenform und der Typologie auf die erste Hälfte des 1. Jh. v. Chr. datiert.70 Es besteht aus 11 elegischen Distichen und ist dem mit 15 Jahren verstorbenen Epheben Attalos gewidmet.71 Das Epigramm endet AP 7, 331, V. 5–6: μουνόγαμος θνῄσκω, δέκα δ’ ἐν ζωοῖσιν ἔτι ζῶ / Νυμφικὴ εὐτεκνίης καρπὸν ἀειραμένη. Beckby 1957–1958, II, S. 193 übersetzt: «Sterb ich als Frau eines Mannes, ich, Nymphike, die ich der Ehe Frucht geherbstet: in zehn Lebenden lebe ich fort». 70 Vgl. G. Kolbe (IG V 1, 1186), der den Stein sah. Der Stein hätte sich im Mus. Gytheion befinden sollen, er scheint aber, laut Cairon 2009, Nr. 38, nach wie vor verschollen. Sogar der Abklatsch war Peek (GVI 2003) unzugänglich. 71 Ich übersetze folgendermassen: «Mit fünfzehn Jahren entnahm dich, Attalos, der grausame Faden der Moiren, der du als Geschenk der ehrwürdigen Mutter Tyche die Weisheit ausgeübt hast und gegenüber all dem Schönen […] den glücklich lebenden Attalos. Ihr sollt nicht zu viel aus Trauer weinen: Weil er in der Tat jung ist, stirbt er rasch, wenn er, wie man sagt, von Göttern geliebt wird. Hier liegt Attalos, ein Ephebe, der fünfzehn Jahre gelebt hat und der die Weisheit der Musen am besten kannte. So zeigte er mit seinem Tod den armen Menschen, wie kurz all das Gute andauert. Die schnelle Moira entführt den Epheben Attalos in der Blütenzeit seiner Schönheit und seines Glücks zu den Unsterblichen, ohne dass er noch das Leben genossen hat, beweint von den Angehörigen, nur die Lebenszeit verbringend, die die Gottheit gewährte. Zeit den Menschen […] richtig 69 Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 Zum Epigramm für den Söldner Plator (SEG 42, 329) in V. 22 mit der Erwähnung der μεγάλη ἀρετή des Attalos, woraus zu folgern ist, dass der Ephebe schon als Mitglied der militärischen Klasse gelobt worden ist. In V. 7–8 wird Attalos mit einem ähnlichen Ausdruck wie AP 7, 558 für seine Verehrung der Musen gepriesen, was einen der ältesten inschriftlichen Belege für ein solches Lob eines Epheben darstellt.72 Neue Studien betonen, dass Krieger in ihren Gefallenenepigrammen nicht nur in römischer Zeit, sondern auch schon im Hellenismus als «treu den Musen» beschrieben werden.73 Es scheint kein Zufall zu sein, dass verstorbene Epheben und Krieger auf ähnliche Weise verehrt worden sind.74 Die Epheben gingen ihrer militärischen Wettkampfübung nach, um im Notfall als Soldaten dienen zu können, wie die Liste IThesp. 37 = SEG 42, 432 (Thespiai, zwischen 168 und 172 n. Chr.) mit den Namen von 80 Epheben beweist, die unter Marcus Aurelius wahrscheinlich gegen die Costoboci kämpften.75 Insbesondere für Sparta sind auch Epheben als Krieger im Zug des Caracalla gegen die Parther nachgewiesen.76 Daher überrascht der militärische Charakter der von Pausanias (3, 14, 6–10) beschriebenen Übungsorte der Epheben in Sparta, dromos und planistas, nicht.77 geehrte […] „Sei gegrüsst, Wanderer – Wer hat mich so angesprochen? – Attalos, den eine Gottheit entführte und festhält. – Und wer ist dein Vater? – Pothitos hatte mich zum Sohn und meine Mutter, wenn du wissen willst, woher ich stamme, ist Tyche. Erfahre auch mein Alter: Ich sterbe mit fünfzehn Jahren, den Gipfel der Tugend erreichend“». Vgl. die Übersetzung von Vérilhac 1978–1982, I, S. 92–96, Nr. 62: S. 95–96 und von Cairon 2009, Nr. 38. Vgl. Garulli 2008 für das epigramma longum. 72 Es scheint nicht zufällig, dass ein jung verstorbener Ephebe, der nicht den zweijährigen Dienst vollendete, Φιλόμουσον hiess, wie man in V. 1 des Grabepigramms SEG 29, 1218 = SGO 05/03/06 (Kyme, 2.–1. Jh. v. Chr.) lesen kann. Grabepigramme für Epheben (bzw. παῖδες) als «treu den Musen» sind erst in der Kaiserzeit nachgewiesen. Vgl. z. B. Vérilhac 1978–1982, Nr. 51 (Philippi, 2. n. Chr.), 76 (heute Demikarpu, Mysien, 2. Jh. n. Chr.), 77 (Chios, 2. Jh. n. Chr.). Vgl. Vérilhac 1978– 1982, II, S. 59–79. Die Musen tauchen erst ab dem 4. Jh. in den Versinschriften auf: CEG 578 (Attika, 2. Hälfte des 4. Jh. v. Chr.), 700 (Knidische Halbinsel, Anf. 4. Jh. v. Chr.), 777 (Athen, 307 v. Chr.), 797 (Thessalien, 4. Jh. v. Chr.); Cairon 2009, Nr. 63 (Thyrreion, 3. Jh. v. Chr.). 73 Vgl. Petzl 2004; Barbantani 2018. Beispielhaft ist das Incipit des Epigramms für den Gefallenen Timokritos, GVI 749 (Anm. 46). Vgl. dazu Criveller 2010, S. 432–433. 74 Die athenischen Epheben hatten die Gefallenen bei Salamis und Marathon geehrt, wie drei Inschriften aus Athen beweisen: Vgl. für die erste Schlacht, IG II/III2 1035, A, Z. 33–34 (1. Jh. v. – Anfang 1. Jh. n. Chr.); für die zweite, IG II/III3 1, 5, 1313, Z. 15–18 (176/175 v. Chr.) und IG II/III2 1006, Z. 22, 26–27, 69 (122/121 v. Chr.). Vgl. zuletzt Tentori Montalto 2017, S. 101, 115. Epheben fanden einen ähnlichen Tod wie Gefallene durch Unfälle während der Übung: Vgl. GVI 1155 (Amorgos, Arkesine, 2.–1. v. Chr.); CLE 1198, V. 7–10 (Augusta Emerita). 75 Vgl. Jones 1971; Brélaz 2005, 303–305. Für die Teilnahme der Epheben an den militärischen Ereignissen vgl. zuletzt Chankowski 2010, S. 344–382: 366–378. 76 Vgl. Kennell 2009. Insbesondere sind zwei synepheboi (Ritzakis 2001–2004, II, Nr. 101, 140) und Marcus Aurelius Alexys (Ritzakis 2001–2004, II, Nr. 87) zu nennen, der vielleicht als Ephebe am Zug des Caracalla teilgenommen hat. Auf seinem Grabmonument wird er jedoch scheinbar als Diogmites (Polizeisoldat) dargestellt, obwohl für diesen Zug nur Spartaner bezeugt sind (Hdn. 4, 8, 3). Die Diogmitai setzte der Imperator Marcus Aurelius zwischen 169 und 173 n. Chr. zur Unterstützung des Zuges gegen die Markomannen ein (Hist. Aug., Aur. 21, 7.) Für die diogmitai vgl. Brélaz 2005, 145–157. 77 Für das Gymnasium in Sparta vgl. zuletzt Trombetti 2013, S. 88–95. Abgesehen von dromos und planistas sind Gymnasien in Sparta erst seit der Kaiserzeit durch einige lakonischen Inschriften belegt, insbesondere IG V 1, 19–20 (Trajanerzeit), 493 (2. Jh. n. Chr.), 529 (161–192 n.Chr.), 569. Museum Helveticum 77/1 (2020) 96–114 | DOI 10.24894/2673-2963.00001 111 112 Marco Tentori Montalto Literatur Albertz 2006: A. Albertz, Exemplarisches Heldentum. Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermopylen von der Antike bis zur Gegenwart, München, R. Oldenbourg, 2006. Barbantani 2014: S. 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