Museum Helveticum 

perennare canendo

MH Band 79perennare canendo10.24894/2673-2963.0005324.05.2022Museum Helveticum Band 79:137-149Gerlinde Huber-Rebenichperennare canendo Die Vorstellung von der «Dichtung als Verewigung» in den carmina des Baudri von Bourgueil Gerlinde Huber-Rebenich, Bern Abstract: Scholars agree that the poems of Baudri of Bourgueil are greatly indebted to the poetry of Ovid, the «tenerorum lusor amorum», and generally have the character of a literary game – in the neoteric sense of ludere – so that the author is by no means identical with the «I» of his poems, but slips into different roles. The fictional character of Baudri’s poetry has accordingly long been recognized. It is by recourse to ancient forms of thought and expression that Baudri’s work is able to address topics and adopt positions which conflict with the morals and expectations of his day. Thus, in his work we often encounter an idea which Ernst Robert Curtius, in his opus magnum «European Literature and the Latin Middle Ages», entitled «poetry as immortalization» – an idea that conflicts to a great extent with the Christian notion of eternal life. This article examines how Baudri in his carmina deals with the topos of immortalization through poetry and how much freedom he had to do so. Keywords: Baudri von Bourgueil, Dichtung als Verewigung, Fiktionalität, Antikerezeption, christliches Mittelalter. Dass Veränderungen in den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen im 11./12. Jahrhundert auch zu einem kulturellen Aufschwung führten, der sich nicht zuletzt auf die Dichtung und das Selbstverständnis der Dichter auswirkte, wurde längst erkannt.1 Zu den herausragenden Vertretern der Poesie zählen Godefrid von Reims (ca. 1030–1095?), Marbod von Rennes (ca. 1035–1123), Hildebert von Lavardin (ca. 1056–1133) und Baudri von Bourgueil (ca. 1046–1130). Schon allein die Tatsache, dass letzterer seine Gelegenheitspoesie – nicht weniger als 256 Gedichte2 – selbst in einer Sammlung vereinigte, zeugt von der Bedeutung, die er Ich danke Jean-Yves Tilliette für Literaturhinweise zum Thema dieses Aufsatzes. S. z. B. Paul Klopsch, Einführung in die Dichtungslehren des lateinischen Mittelalters (Darmstadt 1980) 83 und passim. Entsprechendes gilt in derselben Zeit auch für andere Gattungen, etwa in der Historiographie, s. Gertrud Simon, «Untersuchungen zur Topik der Widmungsbriefe mittelalterlicher Geschichtsschreiber bis zum Ende des 12. Jahrhunderts», in: Archiv für Diplomatik, Teil 1: 4 (1958) 52–119; Teil 2: 5 (1959) 73–153, hier: 5, 145. 2 Baudris Corpus von Gelegenheitsgedichten ist deutlich umfangreicher als bei seinen Zeitgenossen, soweit man es auf der Basis der erhaltenen Texte beurteilen kann. – Den folgenden Ausführungen liegt zugrunde die inzwischen massgebliche Ausgabe von Jean-Yves Tilliette (Ed.), Baudri de Bourgueil, Poèmes, Texte établi, traduit et commenté par Jean-Yves Tilliette, 2 Bde., (Paris 22012 [11998]). Die ältere Ausgabe von Phyllis Abrahams (Ed.), Les oeuvres poétiques de Baudri de Bourgueil (1046–1130). Edition critique publiée d’après le manuscrit du Vatican (Paris 1926) weist eine Reihe von Mängeln auf und gilt als überholt; in der Reihe Editiones Heidelbergenses ist erschienen: Karlheinz Hilbert (Ed.), Baldricus Burgulianus, Carmina (Heidelberg 1979). * 1 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 138 Gerlinde Huber-Rebenich seinen Werken beimass.3 Hinzu kommt, dass in einer ganzen Reihe seiner carmina Dichten das zentrale Thema bildet:4 Neben Bitten um kritische Durchsicht zugesandter Verse,5 Lob eines Dichterkollegen6 und Zeugnissen literarischen Austauschs7 finden wir bei ihm auch Gedichte an oder auf seine Schreiber,8 ja sogar seine Schreibutensilien,9 eine Consolatio an sein Buch zum Trost für Kritik,10 Klagen über mangelnde Zeit zum Dichten,11 und eine Verteidigung seiner ‹leichten Muse›.12 Dass diese Muse sich in hohem Masse an der Poesie des tenerorum lusor amorum Ovid orientiert und insgesamt – im Sinne des neoterischen ludere – den Charakter eines literarischen Spiels trägt, bei dem der Autor keineswegs mit dem Ich seiner Gedichte identisch ist, ist in der Forschung längst unumstritten – ebenso, dass Baudri dieses Spiel weiter treibt, als seine Zeitgenossen. 13 Vielleicht zu weit für seine Zeit, wofür die geringe Verbreitung seiner Gedichtsammlung spricht, die nur in einer einzigen Handschrift überliefert ist.14 Viele Aspekte von Baudris literarischem Spiel wurden bereits in den Blick genommen und ausführlich analysiert. In meinen folgenden Ausführungen will ich den Fokus auf seinen Umgang mit einer aus der antiken Poesie ererbten Vorstellung richten, die Ernst Robert Curtius in seinem opus magnum Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter mit dem Titel «Dichtung als Verewigung» 3 So schon Gerald A. Bond in seiner für Baudris Poetologie massgeblichen Studie («Iocus amoris: The Poetry of Baudri of Bourgueil and the Formation of the Ovidian Subculture», in: Traditio 42 (1986) 143–193, hier: 153). 4 S. Bond, a.O. (Anm. 3) 144. 5 Z. B. carm. 252; 153. 6 Z. B. carm. 86; 87; 193; 201; 223; 250. 7 Z. B. carm. 10; 86; 90; 129; 137; 197. 8 Z. B. carm. 9; 84. 9 Z. B. carm. 12; 92; 144; 196. 10 S. carm. 1. 11 S. carm. 89. 12 S. carm. 85. 13 Zu Baudris Ovid-Rezeption s. (in Auswahl) Jean-Yves Tilliette, «Savants et poètes du Moyen Age face à Ovide. Les débuts de l’aetas ovidiana», in: Michelangelo Piccone/Bernhard Zimmermann (Hrsg.), Ovidius redivivus. Von Ovid bis Dante (Stuttgart 1994) 63–104, hier: 73–104, zu einzelnen Themen und Motiven Sabine Schuelper, «Ovid aus der Sicht des Balderich von Bourgueil, dargestellt anhand des Briefwechsels Florus-Ovid», in: Mittellateinisches Jahrbuch 14 (1979) 93–115; Michael von Albrecht, «La correspondance de Pâris et d’Hélène: Ovide et Baudri de Bourgueil», in: Raymond Chevallier (Hrsg.), Colloque Présence d’Ovide (Paris 1982) 189–193; Christine Ratkowitsch, «Io und Europa bei Baudri von Bourgueil», in: Ewald Könsgen (Hrsg.), Arbor amoena comis, 25 Jahre Mittellateinisches Seminar in Bonn (Stuttgart 1990) 155–161; dies., «Die keusche Helena. Ovids Heroides 16/ 17 in der mittelalterlichen Neudichtung des Baudri von Bourgueil», in: Wiener Studien 104 (1991) 209–236; grundlegende Beobachtungen zu Baudris ‹Maskenspiel› in dem seither vielzitierten Artikel von Bond, a.O. (Anm. 3) bes. 177 f., s. auch ders., «Composing Yourself: Ovid’s Heroides, Baudri of Bourgueil and the Problem of Persona», in: Mediaevalia 13 (1989) 83–117 und Tilliette, a.O. (Anm. 13) 82–86. 14 Vgl. Tilliette, a.O. (Anm. 2) Bd. 1, XXXIII; der Codex unicus ist der Vat. Reg. Lat. 1351. Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 Die Vorstellung von der «Dichtung als Verewigung» in den carmina des Baudri von Bourgueil überschrieb.15 Dass diese Vorstellung bei den Dichtern des 11./12. Jh. wieder vermehrt auftaucht, ist keine neue Erkenntnis,16 wurde aber für Baudri von Bourgueil noch nicht systematisch dokumentiert.17 Dies will ich im Folgenden tun. Zuvor ein Blick auf Baudris grosses Vorbild: Ovid. Dieser beendet sein monumentales mythologisches Epos, die Metamorphosen, mit einer Sphragis, in der er dem Werk Unzerstörbarkeit und sich selbst ewigen Ruhm bzw. ewiges Leben in Aussicht stellt. Das pointierte Schlusswort lautet: vivam! (Ov., Met. 15,871–879): Iamque opus exegi, quod nec Iovis ira nec ignis nec poterit ferrum nec edax abolere vetustas. Cum volet, illa dies, quae nil nisi corporis huius ius habet, incerti spatium mihi finiat aevi: parte tamen meliore mei super alta perennis astra ferar, nomenque erit indelebile nostrum, quaque patet domitis Romana potentia terris, ore legar populi, perque omnia saecula fama, siquid habent veri vatum praesagia, vivam.18 Die Vorstellung, dass ein Dichter aus eigener Kraft mit seinem Werk etwas Unvergängliches schafft und für sich selbst, über dieses Werk, Unsterblichkeit erlangt, ist in der Antike so geläufig und so stark im poetologischen Diskurs verankert, dass es Signalwirkung hat, wenn Ovid mit dem Beginn seiner Sphragis auf das in den Zitatenschatz eingegangene Exegi monumentum aere perennius19 aus Horazens Ode 3,30,1 anspielt. Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (Tübingen 111993 [11948]), Exkurs IX, 469 f.; s. auch Exkurs XII, 479 f. zum «Dichterstolz». 16 S. z. B. Klopsch, a.O. (Anm. 1) 88–91; Jean-Yves Tilliette, «Troiae ab oris. Aspects de la révolution poétique de la seconde moitié du XIe siècle», in: Latomus 58.2 (1999) 405–431, v. a. 414–416 am Beispiel der Versus Eporedienses des Guido von Ivrea, auf den schon Curtius a.O. (Anm. 15) 479 hingewiesen hat (s. v. a. vv. 283–300 mit Kommentar in: Marek Thue Kretschmer, Latin Love Elegy and the Dawn of the Ovidian Age. A Study of the Versus Eporedienses and the Latin Classics [Publications of the Journal of Medieval Latin 14] [Turnhout 2020] 40–43 und 98–100); Helena de Carlos Villamarín, «El poder de la poesia: un tema de Godofredo de Reims», in: Manuela Domínguez García u. a. (Hrsg.), Sub luce florentis calami. Homenaje a Manuel C. Díaz y Díaz (Santiago de Compostela 2002) 289–303, hier: 290 f. 17 Beobachtungen zu einzelnen Stellen in Baudris Werk z. B. bei Tilliette, a.O. (Anm. 13) 76 f., 96. 18 «Habe vollbracht nun ein Werk, das nicht Juppiters Zorn, das nicht Schwert noch / Feuer wird können zerstören und nicht das gefrässige Alter. / Setze der Tag, dem nur ein Recht auf den Leib hier gegeben, / wann er nur mag ein Ziel meinem flüchtigen Dasein: ich werde / doch mit dem besseren Teil meines Selbst mich über die Sterne / heben auf ewig und unzerstörbar wird bleiben mein Name. / Wo des Römers Macht auf bezwungenen Landen sich breitet, / wird mich lesen das Volk, und für alle Jahrhunderte werde – / ist etwas Wahres am Wort der Seher – im Ruhme ich leben.» (aus: Publius Ovidius Naso, Metamorphosen, in deutsche Hexameter übertragen und mit dem Text herausgegeben von Erich Rösch [München 61974 (11952)]). 19 «Ich habe [mir] ein Denkmal geschaffen dauerhafter als Erz». Die Übersetzungen stammen hier und im Folgenden, wenn nicht anders angegeben, von der Verfasserin. 15 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 139 140 Gerlinde Huber-Rebenich Ein monumentum aere perennius kann der Dichter nicht nur sich selbst setzen, sondern auch den Personen, die er in seinen Versen rühmt. Wieder ist es Horaz, der – in Ode 4,8 – den Wert der Poesie preist, ohne deren Zutun selbst Heroen und Helden wie Romulus und Scipio Africanus in Vergessenheit gerieten. Die Quintessenz der Ausführungen lautet: Dignum laude virum Musa vetat mori Caelo Musa beat. (v. 28 f.)20 Der Dichter wird also durch sein Werk zum Garanten für Unsterblichkeit, für ewiges Leben. Mit dem Aufkommen des Christentums musste er diese Rolle indes an einen anderen abgeben. Dies blieb nicht ohne Auswirkungen auf das Verständnis und den Stellenwert von Dichtung. Unter den veränderten Rahmenbedingungen galt die Vorstellung von der verewigenden Kraft der Poesie als sündhafte Anmassung. Was allenfalls noch anging, war die Verewigung anderer, ihre Bewahrung im Gedächtnis der Nachwelt, besonders dann, wenn es sich um Vorbilder der christlichen Lebensführung handelte – allen voran Christus selbst, sodann Märtyrer und Heilige.21 Die ‹Verewigung seiner selbst› durch einen eigenen schöpferischen Akt hingegen musste geradezu als Sakrileg empfunden werden. Und mit der christlichen vita aeterna konnte die ‹nur› im Gedächtnis der Menschen verankerte vita perennis des berühmten Dichters ohnehin nicht konkurrieren. Programmatische Selbstaussagen von Dichtern und Literaten waren künftig geprägt von Demutsgesten und der Unterordnung der eigenen Leistung unter den göttlichen Heilsplan. Ein Schlüsseltext, der mit den antiken Vorstellungen vom bleibenden Dichterruhm abrechnet, ist der Prolog des Juvencus zu seinem Bibelepos Evangeliorum libri quatuor22 (entstanden um 330), den Dieter Kartschoke treffend als «historische[n] Ausgangspunkt einer christlich-poetischen Exordialtopik»23 bezeichnet hat und der als repräsentativ für die grundsätzliche Einstellung des christlichen Mittelalters zum Wert und Bestand von Dichtung gelten kann. Dieser Text wurde schon vielfach kommentiert,24 weshalb ich hier nur die wesentlichsten Grundgedanken zusammenfasse: «Dass ein des Lobes würdiger Mann stirbt, duldet die Muse nicht. / Die Muse beglückt [ihn] mit dem [Zugang zum] Himmel». 21 Exemplarisch: die Martins-Vita des Sulpicius Severus mit der programmatischen Legitimation hagiographischen Schreibens in Kap. 1 (Ed. Halm [CSEL 1] (Wien 1866) 110 f.; Ed. Fontaine, Bd. 1 (Paris 1967) 250 ff.); s. dazu Walter Berschin, Biographie und Epochenstil im lateinischen Mittelalter, Bd. 1 (Stuttgart 1986) bes. 199–201. 22 Ed. Huemer (CSEL 24) (Wien 1891) 1 f. 23 S. Dieter Kartschoke, Bibeldichtung. Studien zur Geschichte der epischen Bibelparaphrase von Juvencus bis Otfrid von Weissenburg (München 1975) 56. 24 S. Reinhart Herzog, Die Bibelepik der Spätantike: Formgeschichte einer erbaulichen Gattung (München 1975) XLV–XLIX; Kartschoke, a.O. (Anm. 23) 56–59; Klopsch, a.O. (Anm. 1) 3–5 und passim; Jacques Fontaine, Naissance de la poésie dans l’occident chrétien. Esquisse d’une histoire de la 20 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 Die Vorstellung von der «Dichtung als Verewigung» in den carmina des Baudri von Bourgueil Alles Irdische ist vergänglich. Dennoch leben unzählige Menschen durch ihre Taten und deren Verherrlichung durch die Dichter lange Zeit fort (aber eben nur ‹lange Zeit›, nicht ewig), wodurch auch die Dichter Ruhm erlangen, der dem ewigen Ruhm ähnlich ist (aber diesem in seiner Zeitlichkeit nicht gleichkommt). Wenn schon die «Alten» durch ihre lügenhafte Dichtung langanhaltenden Ruhm in der Welt erlangten, um wieviel grösserer Lohn muss dann den Künder der christlichen Wahrheit erwarten? Sein Werk wird ihm beim Jüngsten Gericht das ewige Leben sichern. Dieses Werk aber hat er nicht aus eigener Kraft erschaffen, vielmehr wurde ihm die Fähigkeit dazu als Gottesgabe verliehen. Und der wahre Autor ist nicht er selbst, sondern er fungiert nur als Sprachrohr des Heiligen Geistes. Bei aller Distanzierung von den paganen poetae stellt sich Juvencus doch in deren Tradition, und zwar im Sinne der Überbietung. Dabei handelt es sich – gemäss seiner Aussageabsicht – aber nicht um eine dichtungsimmanente Überbietung von ars und ingenium der Vorgänger, sondern um die Ersetzung der ‹falschen› durch die ‹richtigen› Themen und – daraus erwachsend – um die Ersetzung des nur irdischen Ruhms durch den Lohn im Jenseits. Vor diesem Hintergrund wollen wir nun betrachten, wie Baudri von Bourgueil in seiner Gelegenheitsdichtung mit der – aus christlicher Sicht besonders heiklen – Vorstellung von der «Dichtung als Verewigung» umgeht. Beginnen wir mit den Epitaphien auf Cicero (carm. 179–184), die allesamt von Baudris Hochschätzung für den grossen Rhetor der Antike zeugen, den er zu den ‹Unsterblichen› zählt: Cicero lebt – im Sinne von Ovids vivam (carm. 179, v. 1): En Cicero vivit volitatque per ora legentum,25 Seinem Gegner Antonius, der zwar für seine Ermordung und damit für das Ende seines irdischen Lebens verantwortlich war, hat Cicero im Gegenzug ‹ewige› Wunde geschlagen – gemeint: mit seinen Philippica (carm. 181, vv. 5 f.): Antoni, te nunc eterno vulnere turpat Marcus […].26 Seine Geisteskraft wird die Welt immer bewundern (carm. 182, v. 1): Ingenium cuius semper mirabitur orbis,27 poésie latine chrétienne du IIIe au VIe siècle (Paris 1981) 67–80, v. a. 74 f.; Wolfgang Kirsch, Die lateinische Versepik des 4. Jahrhunderts (Berlin 1989) 85–92; Thomas Gärtner, «Die Musen im Dienste Christi: Strategien der Rechtfertigung christlicher Dichtung in der lateinischen Spätantike», in: Vigiliae Christianae 58.4 (2004) 424–446, hier: 431–436 (mit weiterer, z. T. kontroverser Literatur in Anm. 24 und 25). 25 «Siehe, Cicero lebt, und er verbreitet [seinen Ruhm] durch der Lesenden Mund». 26 «Antonius, dich versehrt [noch] jetzt mit ewiger Wunde / Marcus […].» 27 «… / dessen [= Ciceros] Genie die Welt immer bewundern wird.» Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 141 142 Gerlinde Huber-Rebenich Er ist auf ewig der Redelehrer schlechthin (carm. 183, vv. 1 f.): Qui tenet ac tenuit, docet eternumque docebit Artem dicendi, verbifluus Cicero,28 Zwar sind all diese Motive in den Vorlagen aus der Anthologia Latina, auf denen Baudris Cicero-Epigramme basieren,29 bereits vorgeprägt, so dass es sich nicht um völlig eigenständige Neuschöpfungen des mittelalterlichen Dichters handelt. Aber schon allein die Tatsache, dass er gerade diese Epigramme zur Bearbeitung ausgewählt hat, spricht dafür, dass er sich deren Inhalt zu eigen machte. Es nimmt dem Epitheton eternus vielleicht etwas von der Vermessenheit, die nach christlichem Verständnis Aussagen über den auf eigenen Verdiensten beruhenden Nachruhm eines Sterblichen anhaften könnte, dass Baudri hier über einen Literaten (keinen Dichter) aus alten Zeiten handelt, den auch das Mittelalter längst als auctoritas anerkannt hat. Aber selbst vor der «Verewigung» von Zeitgenossen, die keinen vergleichbaren Status besitzen, schreckt Baudri nicht zurück: So verspricht er etwa seinem Schreiber, ihm zum Dank für schnelleres Kopieren und schön illuminierte Initialen in seinen Gedichten ein ewiges Andenken zu verschaffen (carm. 84, vv. 13 f.): Ipse tuum nomen in saecula perpetuabo, Si valeant aliquem mea carmina perpetuare.30 Der zweite Vers ist wohl nicht als echter Zweifel, sondern eher als Vorbehaltsformel zu verstehen, im Sinne des siquid habent veri vatum praesagia der ovidischen Sphragis. In einem nicht weniger als 28 Distichen umfassenden Klagegedicht setzt Baudri sogar seinem abgebrochenen Griffel in vergleichbaren Wendungen ein bleibendes Denkmal (carm. 92, vv. 49–52): Et, si quid possunt mea carmina posteritatis, Te commendo meis carminibus titulis. Vos, o praesentes successurique poetae, Hos legitote meos de graphio modulos.31 «Der die Redekunst beherrscht und beherrscht hat, der sie lehrt und auf ewig lehren wird, / der an Worten überströmende Cicero.» 29 S. AL 603–614, Ed. Riese, t. 1.2 (Leipzig 1897) 86–90; zu den Parallelen AL/Baudri s. die Anmerkungen von Tilliette, a.O. (Anm. 2) Bd. 2, 268 f. 30 «Ich selbst werde deinem Namen auf Ewigkeit Dauer verleihen, / wenn meine Gedichte überhaupt jemandem Dauer verleihen können.» S. Tilliette, a.O. (Anm. 13) 76 Anm. 51. 31 «Und wenn meine Lieder etwas zum Nachleben [beitragen] können, / dann setze ich dir mit meinen Liedern eine ehrende Inschrift. / Ihr, gegenwärtige und künftige Dichter, / sollt diese meine Weisen über den Griffel lesen.» S. Tilliette, a.O. (Anm. 13) 76 Anm. 52. 28 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 Die Vorstellung von der «Dichtung als Verewigung» in den carmina des Baudri von Bourgueil Die eben zitierten Verse zeugen von einem eher spielerischen Umgang mit dem Gedanken des Fortlebens in der Dichtung. Ein solches Spiel ist allerdings erst dann wirklich amüsant, wenn es an eine gängige Vorstellung anknüpft. Und diese Vorstellung taucht in dem Diskurs, den Baudri in seinen Gedichten mit seinen Ansprechpartnern pflegt, häufig auf. So stellt er etwa in carm. 117 dem befreundeten Mönch Maiolus in Aussicht, ihn in seinen Versen zu verewigen (vv. 3 f.).32 In diesem Distichon häufen sich, betont durch Alliteration und Polyptoton, die einschlägigen Begriffe. Te, si quid valeat, mecum33 mea musa perennet, Te quoque perpetuis perpetuet titulis.34 Umgekehrt beschwert sich ein gewisser Odo bei Baudri, dass dieser ihn bisher noch nicht verewigt habe (carm. 204, vv. 11 f. u. 17 f.): Scilicet indignum me, vir facunde, putasti, Carmine quem velles perpetuare tuo. […] Me quoque multorum post nomina clara virorum Fac tua celestis pagina suscipiat.35 Die celestis pagina des Dichters soll gewiss als Parallele oder säkulare Alternative zum biblischen ‹Buch des Lebens›36 verstanden werden, wodurch die das Irdische transzendierende Kraft der Poesie noch betont würde. Die Identität des Odo, der dieses Gedicht verfasst hat bzw. verfasst haben soll, ist umstritten: Es ist nicht auszuschliessen, dass der Text von Baudri selbst in persona Odonis geschrieben wurde.37 In diesem Falle wäre eher von einer Selbststilisierung des Dichters auszugehen, während ein real existierender Odo einen Beleg (mehr) für die Aktualität der Vorstellung in zeitgenössischen Dichterkreisen lieferte. S. Tilliette, a.O. (Anm. 13) 76 Anm. 51. Te … mecum mea musa perennet verstehe ich im Sinne von «meine Muse und ich mögen dich verewigen», nicht als «meine Muse möge dich und mich verewigen». Der Gedanke der Selbstverewigung – und sei er auch nur nebenbei geäussert – passt nicht zu dem stark auf den Adressaten fokussierten Duktus des Gedichts. 34 «Wenn meine Muse etwas vermag, dann soll sie – zusammen mit mir – dir Dauer verleihen, / und sie soll dich mit beständigen Ehrenbezeugungen fortwährend erhalten.» 35 «Du hast mich nämlich, wortgewandter Mann, nicht für würdig befunden, / mich in deinem Lied zu verewigen. / […] / Mach’ doch, dass nach den berühmten Namen vieler Männer / deine göttliche Seite auch mich aufnimmt.» 36 Z. B. Phil 4,3; Apc 3,5; Apc 20,12–15. 37 S. Tilliette, a.O. (Anm. 2) Bd. 2, 301. Ins Spiel gebracht wurde auch der Kardinalbischof Odo von Ostia, der spätere Papst Urban II. (s. Abrahams, a.O. [Anm. 2] 352 Anm. 1 mit Verweis auf ältere Literatur). 32 33 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 143 144 Gerlinde Huber-Rebenich Und dass diese durchaus aktuell war, zeigt nicht zuletzt Baudris carm. 99 an den renommierten Dichter Godefrid von Reims,38 in dem er um dessen Freundschaft wirbt und ihm die Gabe zuspricht, mit seinen Versen Unsterblichkeit zu verleihen. Diese erbittet er auch für sich selbst (vv. 71–74, 83–86, 111–114): O utinam per te meruissem perpetuari Meque perennaret musa canendo tua; Me velles utinam super astra locare beatum; Si velles, inter astra locarer ego. […] Tunc morerer letus, morerer cum non moriturus, Cum me non sineret postera fama mori. O ter felicem celebrat quem fama superstes, Atque superstes erit quem tua musa canit. […] Ipsum [= Manasses39 ] carminibus, ipsam [= Reims] quoque perpetuasti Et quicquid captas carmine perpetuas. Te quoque quandoquidem potes aeternare tuosque, Aeterna quaeso nomen in astra meum.40 Die Überwindung des Todes durch das Fortleben in der Dichtung und den Ruhm, den sie spendet, wird besonders in den vv. 83 ff. durch die mehrfache Verneinung von mori und die affirmative Wiederholung von superstes [esse] betont. Das Motiv wird in aller denkbaren Vielfalt variiert, mit den Begriffen perpetuare (vv. 71, 111, 112), perennare (v. 72), aeternare (vv. 113, 114), super / inter astra locare bzw. aeternare in astra (vv. 73 f., 114). Baudri formuliert hier nicht nur den Gedanken Da dieses Gedicht zum einen eine Hauptquelle für das Leben des Godefrid von Reims darstellt (s. Elmar Broecker [Ed.], Gottfried von Reims, Kritische Gesamtausgabe. Mit einer Untersuchung zur Verfasserfrage und Edition der ihm zugeschriebenen Carmina. Eingeleitet, herausgegeben und kommentiert von Elmar Broecker [Frankfurt/M. u. a. 2002] 16–24), zum andern eine Apologie von Baudris dichterischem Schaffen enthält, gehört es zu den meistzitierten und -analysierten Gedichten aus seinem Corpus, s. z. B. Stephen Jaeger, «The Statue of the Learned Poet in the Eleventh Century», in: Alois Hahn u. a. (Hrsg.), Norm und Krise von Kommunikation. Inszenierungen literarischer und sozialer Interaktion im Mittelalter. Für Peter von Moos (Berlin 2006) 417–438, hier: 431 f.; Carmen Cardelle de Hartmann, «Die Bedeutung des Klangs: Baudri von Bourgueil über die Dichter Muriel und Gottfried von Reims (c. 137 und c. 99)», in: Olivier Collet u. a. (Hrsg.), Fleur de clergie. Mélanges en l’honneur de Jean-Yves Tilliette (Genf 2019) 83–100, hier v. a.: 92. 39 Ebf. Manasses I. von Reims, ein Förderer Godefrids (s. Broecker, a.O. [Anm. 38] 68–70: Exkurs: Manasses I. als Freund und Förderer der Literatur). 40 «O hätte ich es doch verdient, von dir verewigt zu werden, / und würde doch deine Muse mir in ihrem Lied Dauer verleihen. / O wolltest du mich doch glückselig über die Sterne erheben; / wenn du nur wolltest, hätte ich unter den Sternen einen Platz. / […] / Dann würde ich frohgemut sterben, weil ich als Unsterblicher sterben würde, / da der Nachruhm mich nicht sterben liesse. / O dreimal glücklich, wen fortdauernder Ruhm verherrlicht, / und fortdauern wird, wen deine Muse besingt. / […] / Ihm hast du in deinen Liedern Dauer verliehen und auch ihr, / und du verleihst überhaupt all dem Dauer, was du im Liede einfängst. / Auch dich und die deinen kannst du freilich verewigen, / so versetze auch, bitte, meinen Namen auf ewig unter die Sterne.» 38 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 Die Vorstellung von der «Dichtung als Verewigung» in den carmina des Baudri von Bourgueil von der verewigenden Funktion von Dichtung, sondern auch den eigenen Wunsch, in dieser verewigt zu werden. Damit schlägt er einen Ton an, der in den wenigen erhaltenen Gedichten seines Adressaten41 auffällig häufig erklingt. In dem Briefgedicht an den Erzdiakon Ingelrannus, in dem Godefrid nicht nur dessen (endlich!) gebesserte Sitten, sondern auch seine Dichtkunst lobt, ist zu lesen (carm. 1, vv. 97–100): Non tamen his demptis metuit tua fama ruinam, Mansurum solo carmine nomen habes. Carmine si libeat super ethera ferre potentes, Carmine quemque super ethera ferre potes.42 Wenn man von allen übrigen Gaben des Ingelrannus absieht, so reicht allein schon seine Dichtung, ihm bleibenden Ruhm zu garantieren. Und auch andere, wen immer er will, kann er in den Himmel erheben.43 In einem weiteren Gedicht, in dem ihm der Verfasser einer Trojadichtung, Odo von Orléans,44 im Traum erscheint, preist Godefrid dessen Werk mit dem ‹Unsterblichkeitstopos›45 (carm. 2, vv. 218–224): Et refer egregium, cuius es auctor, opus. Hoc opus est, eterna tibi quo fama paratur Vitaque post bustum non habitura modum. Iam nec tartarei metuenda vorago baratri Nec Flegetonteas, Odo, timebis aquas. Dum polus astra feret, mare pisces, aura volucres, Dum data terra feris, Odo, superstes eris.46 41 S. Ed. Broecker, a.O. (Anm. 38), die ältere (Teil‐)Ausgaben ersetzt, zuletzt: André Boutemy, «Trois oeuvres inédites de Godefroi de Reims», in: Revue du Moyen Age latin 3 (1947) 335–366. 42 «Auch wenn man von all diesen [Gaben] absieht, hat dein Ruhm nicht den Untergang zu fürchten: / Allein schon durch dein Lied wirst du einen bleibenden Namen haben. / Wenn es beliebt, die Mächtigen im Lied in den Himmel zu versetzen, / kannst du einen jeden in den Himmel versetzen.» 43 S. auch de Carlos Villamarín, a.O. (Anm. 16) 290 f. 44 Die Identität dieses Odo ist umstritten; ein Resumé des Forschungsstandes und Argumente für die Identität mit Odo von Meung finden sich bei Broecker, a.O. (Anm. 38) 46–51; s. auch Helena de Carlos Villamarín, «On a New Edition of the Carmina by Godfrey of Rheims: Gottfried von Reims. Kritische Gesamtausgabe. Mit einer Untersuchung zur Verfasserfrage und Edition der ihm zugeschriebenen Carmina. Eingeleitet, herausgegeben und kommentiert von Elmar Bröcker [sic]», in: Troianalexandrina 3 (2003) 9–22, hier: 11–13 (mit Argumenten für Odo von Ostia). 45 S. auch de Carlos Villamarín, a.O. (Anm. 16) 292–295. 46 «Und denke nur an das ausgezeichnete Werk, dessen Autor du bist. / Dieses Werk ist es, durch das dir ewiger Ruhm bereitet wird / und ein Leben ohne Ende jenseits des Grabes. / Weder hast du den Abgrund des Höllenschlundes zu fürchten / noch die Wasser vom Fluss des Vergessens, Odo. / Solange der Himmel Sterne trägt, das Meer Fische, die Luft Vögel, / solange die Erde dem Wild Raum gibt, wirst du, Odo, am Leben bleiben.» S. auch Tilliette a.O. (Anm. 16) 422. Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 145 146 Gerlinde Huber-Rebenich Hier wird dem Dichter ausdrücklich die Fähigkeit zugeschrieben, sich durch sein Werk selbst dem Vergessen zu entreissen und nach dem Tod durch ewigen Ruhm, dem keine Grenze gesetzt ist, fortzuleben. Bemerkenswert ist auch, dass der Dichter hier ausdrücklich als auctor und das Werk als seine Leistung gepriesen wird.47 Er ist nicht das Sprachrohr einer höheren Macht. Diesen Gedanken formuliert Godefrid deutlicher als die meisten seiner Zeitgenossen – auch deutlicher als Baudri. Doch selbst Godefrid erhebt diesen Anspruch nicht für sich selbst, sondern für den Dichter Odo. Das Bekenntnis ‹ICH habe geschaffen›, ‹ICH werde leben›, ‹ICH habe mir ein Denkmal gesetzt› fliesst offensichtlich im 11./12. Jahrhundert selbst Literaten, die sich ansonsten in ihrem poetischen Oeuvre stark an antiken Vorbildern orientieren, nicht ohne weiteres in die Feder. So finden sich denn auch mehr als genug Zeugnisse, in denen die positive Einstellung zum ‹Ewigkeitswert› der Dichtung geleugnet wird – nicht zuletzt bei Baudri: Allein schon die Epitaphien auf den verehrten Dichterfreund Godefrid spiegeln den Zwiespalt wider. Nur in einem der insgesamt fünf Epigramme kommt die perennis fama des verstorbenen Poeten zur Sprache (carm. 39, vv. 5 f.): Ecce perennis adhuc Godefredum fama perennat Atque perennabit, dum fama volare valebit.48 Der Grundtenor der übrigen Grabgedichte (carm. 35–38) ist der, dass mit Godefridus auch seine Muse dahinschwand und dass alle seine Gaben ihn nicht vor dem Tod bewahren konnten. Freilich ist die Vergänglichkeit alles Weltlichen ein gängiges Motiv in christlichen Epitaphien und in diesem Kontext nicht überraschend. Nur von dem Dichter Baudri hätte man zur Würdigung des Dichters Godefrid nach allem auch anderes erwarten können. Aber hier schreibt eben nicht nur der Dichter über den Dichter, sondern auch der Abt von St. Pierre in Bourgueil über den Vorsteher der Kathedralschule von Reims, dessen Tod in der realen, nicht nur in der hermetischen Welt der Dichtung zu beklagen ist. Entsprechendes ist auch in carm. 91 zu beobachten, in dem Baudri einen jungen Mann namens Ramnulf zum monastischen Leben bewegen will. Er kritisiert ihn dafür, bisher seine (Baudris) Verse zu sehr geschätzt, statt lieber auf seine Ermahnungen gehört zu haben (vv. 5–11): Zur Frage des Autor-Begriffs in mittelalterlicher Literatur s. (in Auswahl): Alastair J. Minnis, Medieval Theory of Authorship: Scholastic Literary Attitudes in the Later Middle Ages (London 1984 [22010]); Jan-Dirk Müller, «Auctor – actor – author. Einige Anmerkungen zum Verständnis von Autor in lateinischen Schriften des frühen und hohen Mittelalters», in: Felix Ph. Ingold u. Werner Wunderlich (Hrsg.), Der Autor im Dialog. Beiträge zu Autorität und Autorschaft (St. Gallen 1995) 17–31; Elizabeth Anderson u. a. (Hrsg.), Autor und Autorschaft im Mittelalter: Kolloquium Meissen 1995 (Tübingen 1998); Dorothea Klein, «Inspiration und Autorschaft: ein Beitrag zur mediävistischen Autordebatte», in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 80.1 (2006) 55–96. 48 «Siehe, bleibender Ruhm verleiht Godefrid bleibende Dauer, / und er wird fortdauern, solange sein Ruhm [durch die Lande] zu fliegen vermag». 47 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 Die Vorstellung von der «Dichtung als Verewigung» in den carmina des Baudri von Bourgueil Carmina nostra tibi iam bis, Ramnulfe, rogasti, Tanquam si caelum carminibus teneas. Nemo poetarum tenuit per carmina caelum Dux tamen ad caelum littera saepe fuit. Si vis ergo viam, Ramnulfe, incedere rectam Atque fidem nostris addere colloquiis, Cures colloquium neque cures carmina multum;49 Im Anschluss spielt Baudri seine eigene Poesie zu einem nicht eben häufig gepflegten Zeitvertreib (iocando) herunter und gibt selbst zur Entspannung nach harter Arbeit erbaulicheren Gegenständen den Vorzug, und zwar im Schreiben wie im Lesen. Er distanziert sich sogar explizit von der Lektüre heidnischer Schriften (vv. 13–18): Nos quoque carminibus aliquando jocando vacamus, Sed neque carminibus otia multa damus. Cum volumus siquidem nostrum leviare laborem, Quod magis aedificet scribimus aut legimus. Dormit gentilis nobiscum pagina vilis Namque libros gentis illius exuimus.50 Wenn es um die recta via geht, treten also auch für Baudri die carmina in den Hintergrund, und er macht klar, dass der Weg zum Himmel nicht über die Dichtung führt. Zumindest erscheint es ihm – in der Rolle als Kleriker und geistlicher Vater – angemessen, einem jungen Mann diese Lehre zu erteilen. Die Frage, wie ernst wir das nehmen dürfen bzw. wie überzeugt Baudri diese offizielle Lehrmeinung vertritt, ist damit freilich noch nicht beantwortet. Schliesslich erfolgt die Ermahnung in Form eines carmen, nicht eines colloquium … Dass das sprechende / schreibende Ich in Baudris Gedichten je nach Thema und Gegenüber die Maske wechselt, wurde bereits gesagt.51 Den Poeten, der der Dichtung die Macht zur «Verewigung» zuspricht und sich selbst ewiges Fortleben in der Dichtung wünscht, gibt der Prälat vor allem im Austausch mit – realen oder fiktiven – Dichterkollegen. In dieser poetischen ‹Parallelwelt› konnten herrschende Normen zeitweise ausser Kraft gesetzt und alternative Vorstellungen gedank- «Schon zweimal, Ramnulf, hast du meine Gedichte erbeten, / gleich als ob du durch Gedichte das Himmelreich erlangen könntest. / Kein Dichter hat durch seine Lieder das Himmelreich erlangt, / dennoch hat das geschriebene Wort oft gen Himmel geführt. / Wenn du also den rechten Weg beschreiten willst, Ramnulf, / und unseren Gesprächen Glauben schenken, / dann trage Sorge für das Gespräche, nicht so sehr für die Gedichte». 50 «Auch ich widme mich in Mussestunden zuweilen spielerisch der Dichtung, aber ich verwende auf die Dichtung nicht viel Freizeit. / Wenn ich mich nämlich von meiner Arbeit entspannen will, dann schreibe oder lese ich etwas Erbaulicheres. / Die nichtsnutzige Literatur der Heiden ist bei mir eingeschlummert, / ich habe mich nämlich der Bücher jenes Heidenvolks entledigt». 51 S. o. S. 138 mit Anm. 13. 49 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 147 148 Gerlinde Huber-Rebenich lich durchgespielt werden52 – so eben auch die von einer durch den schöpferischen Menschen verliehenen säkularen Ewigkeit. Dies geschah freilich – typisch für die Dichtung der Zeit – unter Rückgriff auf antike Denk- und Ausdrucksformen, auf «Urformeln der abendländischen Geistesgeschichte», um mit Hugo Friedrich53 zu sprechen, die immer wieder genutzt wurden, um in sich verändernden Welten – zumindest probeweise – neue Standorte zu bestimmen. Sich zur herrschenden Meinung durchsetzen und allgemeine Anerkennung finden konnte dieses Gedankenspiel allerdings vorerst noch nicht. So fühlt sich denn auch Baudri bemüssigt, die Inhalte seiner Dichtung als ‹(nur) erfunden› zu bagatellisieren (carm. 85, 35–39): Quod vero tanquam de certis scriptito rebus Et quod personis impono vocabula multis Et modo gaudentem, modo me describo dolentem Aut, puerile loquens, vel amo vel quidlibet odi – Crede mihi, non vera loquor, magis omnia fingo.54 Insbesondere seine vergleichsweise umfangreiche Liebesdichtung rechtfertigt er in carm. 99 an Godefrid von Reims als reine Fingerübung (187 f.): Dicere quid possem potius temptare volebam Quam quod amavissem versibus exciperem.55 und intellektuelles Training (195 f.): Ähnlich spricht Peter von Moos, Hildebert von Lavardin (1056–1133). Humanitas an der Schwelle des höfischen Zeitalters (Stuttgart 1965) 29, im Zusammenhang mit der «Bildungspflege» des Hildebert von Lavardin von einer «eingehegte[n] Sphäre: abseits vom Ernst seiner Seelsorgerpflicht und von der Unruhe seines Bischofsamtes weicht er in eine Oase schöner Heiterkeit und künstlich gehobener Geselligkeit aus, abseits auch von den grossen Bewegungen seiner rauhen, aber die Nähe Gottes suchenden Gegenwart flieht er in eine ideal gesehene Vergangenheit, in der geweihte Dichter mit eigengesetzlicher Form das Dasein zu erhöhen […] gesucht haben». 53 Hugo Friedrich, «Abendländischer Humanismus», in: Freiburger Dies Universitatis 3 (1954/55) 38. Entsprechend charakterisiert auch Eckart Conrad Lutz, Schreiben, Bildung und Gespräch. Mediale Absichten bei Baudri de Bourgueil, Gervasius von Tilbury und Ulrich von Liechtenstein (Berlin/Boston 2013) 69 Baudris carmina als «Spiegel eines Personenkreises und einer Lebenswelt, die durch lateinische Bildung und Poesie geprägt sind». 54 «Dass ich aber so schreibe, als ginge es um Tatsachen, / und dass ich vielen Personen [erfundene] Namen gebe / und mich bald als fröhlich, bald als betrübt beschreibe / oder [dass ich], wie ein junger Bursche redend, liebe oder hasse, was immer ich will – / glaube mir, ich sage nichts Wahres, vielmehr erfinde ich alles.» Zu Baudris Bekenntnis zur Fiktionalität seiner Dichtung s. z. B. Tilliette, a. O. (Anm. 13) 81 f. und Lutz, a.O. (Anm. 54) v. a. 64, 100 und 115–117 mit Bezug auf carm. 134 (Beschreibung des Gemachs der comitissa Adela), v. a. vv. 567–572 und 1351–1354. 55 «Ich wollte lieber ausprobieren, was ich auszudrücken imstande bin, / als ein [wahres] Liebesverhältnis in Verse fassen». 52 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 Die Vorstellung von der «Dichtung als Verewigung» in den carmina des Baudri von Bourgueil Et michi nullus amor, nulla incentiva fuerunt, Exercere meum sic placet ingenium.56 Auch für die Legitimation dieser Position greift er im unmittelbar folgenden Vers (197) wieder auf antike Gewährsleute zurück, allerdings ohne diese namentlich zu nennen: Musa iocosa fuit moresque fuere pudici;57 Sinngemäss finden wir diese Aussage etwa bei Catull, Ovid und Martial.58 Baudri beruft sich so häufig auf dieses Motto, dass Tilliette es geradezu als «un des leitmotive de [sa] poésie» bezeichnet.59 Baudri von Bourgueil verweist also seine Dichtung in den Bereich der Fiktionalität, die im Gefüge der litterae allerdings selbst erst einen legitimen Platz erobern musste. So tut er dies denn bei allem Dichterstolz, der sonst aus seinen Versen spricht, noch nicht im affirmativen Sinne, sondern mit einem – wiederum gespielten? – entschuldigenden Unterton: Es ist alles NUR erfunden. In diesem geschützten Raum der Fiktion konnte der Dichter auch ewigen Ruhm verleihen und erstreben – eine Vorstellung, die in der «realen Welt draussen» durch die offensichtliche Unvereinbarkeit mit dem christlichen Ewigkeitsbegriff an der Wende zum 12. Jahrhundert vielleicht noch als anstössiger galt als ein iocus amoris. Korrespondenz: Gerlinde Huber-Rebenich Institut für Klassische Philologie Universität Bern Länggassstrasse 49 CH-3012 Bern gerlinde.huber@kps.unibe.ch «Und ich habe niemals Liebe, niemals [erotische] Reize empfunden, / es gefällt mir [einfach], meinen Geist so zu üben.» S. Lutz, a.O. (Anm. 54) 84. 57 «Die Muse war neckisch, und die Sitten waren keusch». 58 Catull. 16,5 f.: Nam castum esse decet pium poetam / Ipsum, versiculos nihil necessest. («Denn der rechtschaffene Dichter selbst muss keusch sein, / für seine Verse besteht diese Notwendigkeit keineswegs.»); Ov., Trist. 2,354: Vita verecunda est Musa iocosa mea. («Mein Leben ist sittsam, meine Muse neckisch»); Mart. 1,4,8: lasciva est nobis pagina, vita proba est. («Meine Dichtung ist frivol, mein Leben sittsam.»). Catull dürfte Baudri aufgrund der dünnen Überlieferung von dessen Oeuvre freilich wohl kaum gekannt haben. Am wahrscheinlichsten ist es, dass er sich auch hier an seinem grossen Vorbild Ovid orientiert. S. Tilliette, a.O. (Anm. 13) 82. 59 S. Tilliette, a.O. (Anm. 2) Bd. 1, 198 Anm. 10 zu carm. 86 mit weiteren Belegen. 56 Museum Helveticum 79/1 (2022) 137–149 | 10.24894/2673-2963.00053 149