Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 

Editorial

SZRKG Band 118Editorial10.24894/2673-3641.00159 10.12.2024Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte Band 118:7-10Franziska MetzgerEditorial Franziska Metzger Die Schweizerischen Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 2024 ist nach zwei in erster Linie auf die Schweiz bezogenen Jahrgängen sowohl im thematischen Schwerpunkt wie auch im Dossier stärker internatinonal und transnational ausgerichtet. Sie vereinigt zum einen im auf einen Call for Papers mit grosser Resonanz zurückgehenden Themenschwerpunkt Beiträge zu «Postcolonial Religious Memory». Zum anderen widmet sich ein Dossier, das auf eine von Stéphanie Roulin (Fribourg) und Katharina Kunter (Helsinki) organisierte Tagung zurückgeht, religiösen Akteuren im Helsinki Prozess. Während die beiden Schwerpunkte zeitgeschichtlich ausgerichtet sind, versammelt der Varia-Teil Beiträge sämtlicher Epochen, wobei sich ein Bündel von Aufsätzen zum 15. bis 19. Jahrhundert mit kunstgeschichtlichen, missionsgeschichtlichen, regional- und theologiegeschichtlichen Untersuchungen ergeben hat. Der Themenschwerpunkt zur postkolonialen Erinnerung in religiösen Kontexten Europas und Afrikas wurde mit David Neuhold und Madelief Feenstra, die während ihres Studiums an der Radboud Universität in Nijmegen als Praktikantin für die SZRKG tätig war, vorbereit und durch Joël Mayo weiterbetreut. Mit der Einleitung zu diesem zehn Beiträge von Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Italien, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz versammelnden Teil wurden sodann die beiden Nachwuchswissenschaftler Madelief Feenstra und Joël Mayo betraut. Mit dem Thema postkolonialer Erinnerung im religionsgeschichtlichen Zusammenhang will die Zeitschrift nicht nur aktuelle internationale Forschungen zur Kolonialgeschichte, insbesondere im Bereich der Missionsgeschichte, in den Mittelpunkt rücken, sondern auch neue Wege beschreiten, indem sie das Feld der Religion, in die sich in den letzten Jahren vertärkt herausbildende Verschränkung postkolonialer Studien und Memory Studies einbringt. Dabei werden in den Beiträgen Dikurse und Praktiken postkolonialer religiöser Erinnerung über unterschiedliche Zugänge konzeptualisiert. Die Konstruktion, der Gebrauch, die Anfechtung und die Transformation von Erinnerung in Bezug auf die Verflechtung von Religion und Imperialismus, Kolonialismus und Dekolonisierung wird mit Blick auf verschiedene Akteure – Missionare und Ordenspriester, Historiker und gesellschaftliche Akteure im öffentlichen Raum – in Europa und Afrika, in der Vergangenheit und bis in die heutige Gegenwart hinein analysiert und reflektiert. Kollektiven und individuellen Akteuren der protestantischen und katholischen Mission im 19. und 20. Jahrhundert widmen sich mehrere Beiträge. Dabei stehen Selbstverständnis und komplexe, zuweilen konfliktive Interessen, wie die Beiträge SZRKG/RSHRC/RSSRC, 118 (2024), 7–10, DOI: 10.24894/2673-3641.00159 8 Franziska Metzger von Christian Antonio Rosso (Magenta) und Daniel Annen (Schwyz) zeigen, ebenso wie Medien der Vermittlung von und zur Erinnerung – von Memoiren bis Filmen, so im Beitrag von Felicity Jensz (Münster) – im Zentrum. Die Autorinnen und Autoren, so besonders auch Fabio Rossinelli (Genf) und Filiberto Ciaglia (Rom), zeigen wiederholt Spannungsfelder von Erinnern und Vergessen (Weglassen, Beschweigen) auf, welche sich in der Historiographie wie in einer breiteren Erinnerungskultur niederschlugen. Mehrere Beiträge richten den Blick auf afrikanische Akteure und deren Erinnerungskonstruktion im kolonialen bzw. postkolonialen Kontext, wobei Erinnerungsnarrative und deren Produktioszusammenhänge und erneut Auslassungen als besonders bedeutsam erachtet werden, so im Beitrag von Mick Feyaerts, Simon Nsielanga und Idesbald Godderis (Leuven), während zugleich Legitimierungsstrategien und geschichtspolitische Verwendungen von Gedächtnisbeständen vertieft untersucht werden, so durch Silvia Cristofori (Rom) und Francesca Badini (Palermo). Drei weitere Autoren, Madelief Feenstra (Nijmegen), Marcello Grifò (Palermo) und Ilaria Macconi-Heckner (Washington) beschäftigen sich mit Gedächtnis und postkolonialer Theologie, Gedächtnispraktiken und Gegewartsbetrachtungen in der jüngsten Vergangenheit vom Zweiten Vatikanischen Konzil bis in die Gegenwart, wobei sie u.a. danach fragen, wie in religiösen Kontexten Diskurse und Narrative der Entkolonialisierung, der Inkulturation und Evangelisierung reflektiert und theologisch begründet werden. Das Dossier zum Thema «Advocating Religious Freedom in the Helsinki Process – World Churches, Non-state Actors and the Challenge of Neutrality» beschäftigt sich mit einem vertieften Blick auf die drei neutralen Staaten Schweden, Finnland und Schweiz im Aushandlungsprozess des Helsinki-Abkommens von 1975 zwischen den Ländern Osteuropas – einschliesslich der UdSSR – den USA, Kanada und Westeuropa. Dabei fokussieren die Beiträge insbesondere auf kirchliche und (auch) religiös motivierte und verankerte NGOs (so die Aufsätze von Eva Maurer, Bern, Eric Sidenvall, Lund, und Markku Ruotsila, Helsinki), aber auch auf den Vatikan (so Roland Cerny-Werner, Salzburg, und mit Blick in die jüngste Vergangenheit Massimo Faggioli, Villanova, Pennsylvania). Im Fokus stehen die Diskurskomplexe Menschenrechte, Bürgerrechte und (religiöse) Freiheit, wie auch die Positionierung gegenüber dem Kommunismus und Vorstellungen von Neutralität (besonders im Beitrag von Katharina Kunter, Helsinki). Dabei zeigen sich im vergleichenden Zugang des Dossiers eine Vielzahl interner, d.h. innerkirchlicher, nationaler und internationaler Spannungsfelder. Erfeulicherweise konnnten in den vergangenen Jahren regelmässig Beiträge zur antiken Geschichte in der SZRKG veröffentlicht werden, so auch im vorliegenden Jahrbuch mit einer Analyse der topischen Beschreibung des zügellosen Lebens einiger Mönche in der koptischen Vita Pachomii durch Stefan Bojowald (Bonn). An diese Mikroperspektive auf einen literarischen Text, schliesst sich jene Paul BühlerHofstetters (Biberist) zu einem Hans von Tiefenthal aus Schlettstadt zugeschriebenen Gemälde aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, der «Madonna in den Erdberen», SZRKG/RSHRC/RSSRC, 118 (2024), 7–10, DOI: 10.24894/2673-3641.00159 Editorial 9 an. Der Autor widmet seinen Aufsatz der Symbolik wie auch der Provenienz des Bildes. Nicolas Giel (Fribourg) analysiert die Auseinandersetzung Nikolaus Cusanus’ (in De concordantia catholica) und Lorenzo Vallas (in der Declamatio) mit dem Wahrheitsgehalt der konstantinischen Schenkung und arbeitet die unterschiedlichen argumentativ-diskursiven Foki der beiden Autoren heraus. Während sich Mariano Delgado (Fribourg) mit der Mission der Franziskaner im 16. Jahrhundert in Mexiko, mit den Verschränkungen von Evangelisierung, ja «Franziskanisierung» und Kolonialismus auseinandersetzt, untersucht Heinz Sproll (Augsburg) Matteo Riccis vom Rückgriff auf Ciceros De amicitia geprägte Vorstellung des Verhältnisses zwischen Christentum bzw. Christianisierung und der von ihm wahrgenommenen chinesicher Kultur. In seinem sozial- und kulturgeschichtlichen Beitrag zeigt Zélian Waeckerlé (Strasbourg), wie im Falle der Pfarrei Rodersdorf im französischhelvetischen Grenzgebiet im 18. Jahrhundert die staatlichen und kirchlichen Grenzen im konkreten religiös-lebensweltlichen Zusammenhang relativ waren. Johan Smits (Amsterdam) zeigt den Mehrwert eines netzwerkanalytischen Zugangs auf die deutsche «theologische Landschaft» im 19. Jahrhundert auf, welcher akademische Theologie ebenso einschliesst wie Kirchenverwaltung und Vereinigungen. Einen erinnerungskulturellen Fokus verfolgt Simon Friedli (Bern) in seiner Analyse des Films Der letzte Ketzer über den Entlebucher Pietisten Jakob Schmidlin im 18. Jahrhundert. Linien zu den kolonialgeschichtlichen Themen der vorliegenden Ausgabe der SZRKG wie auch zum kunstgeschichtlichen Beitrag nimmt Ulrich van der Heyden (Berlin) in seiner Reflexion zu Götz Alys Publikation Das Prachtboot auf. Es ist erfreulich, dass insbesondere im Varia-Teil, wie durchaus auch im Themenschwerpunkt, mehrere Beiträge von Nachwuchswissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen aufgenommen werden konnten. Der jährlich umfangreiche Rezensionsteil der SZRKG ist jeweils Ausdruck von Tendenzen und thematischen und methodisch-perspektivischen Schwerpunkten der religions -und kirchengeschichtlichen Forschung sämtlicher Epochen in spezifischen Analysen ebenso wie in Überblickswerken. Schlaglichter und längerfristige Themenfoki lassen sich über die Jahre hinweg dabei sehr gut auch im Rezensionsteil der Zeitschrift feststellen. Sakrale Orte und Monumente, Handlungen und ihre Akteure – Individuen und Kollektive, insbesondere auch soziale bzw. religiöse Minderheiten, so besonders im Mittelalter – Konzepte, Vorstellungen und Deutungen lassen sich dieses Jahr als zentrale Dimensionen hervorheben. 2024 ist von einigen Wechseln in der Redaktion geprägt. Prof. Dr. David Neuhold ist auf August 2024 zum Professor für Kirchengeschichte an die Universität Luzern (Nachfolge Prof. Dr. Markus Ries) berufen worden. Während mehr als zehn Jahren hat David Neuhold sich ausserordentlich engagiert, initiativ und entwicklungsorientiert als wissenschaftlicher Redaktionsmitarbeiter für die SZRKG eingesetzt. Für die ausgezeichnete Zusammenarbeit danke ich ihm sehr herzlich. Als Mitglied der Redaktionskommission wird David Neuhold erfreulicherweise auch in Zukunft mit der SZRKG verbunden bleiben. SZRKG/RSHRC/RSSRC, 117 (2023), 7–10, DOI: 10.24894/2673-3641.00159 10 Franziska Metzger David Neuholds Stelle als wissenschaftlicher Redaktionsmitarbeiter konnte mit Joël Mayo besetzt werden, der schon im ersten Halbjahr 2024 als Mitarbeiter in der Redaktion Lektoratsarbeiten übernommen hatte. Es freut mich sehr, dass Joël Mayo die Stelle als Redaktionsmitarbeiter übernimmt. Er hat einen Masterabschluss in Secondary Education der Pädagogischen Hochschule Luzern und schliesst zur Zeit sein zweites Masterstudium in Geschichtsdidaktik und öffentlicher Geschichtsvermittlung ab. Für die Webseite ist seit diesem Frühling neu Jakob Neuhold zuständig. Auch ihm gebührt ein herzlicher Dank für die kompetente und selbständige Mitarbeit an unserem gemeinsamen Projekt. Für die Erarbeitung eines Konzepts für einen Newsletter und der ersten Umsetzung danke ich David Hubli, Student in Secondary Education an der Pädagogischen Hochschule Luzern, herzlich. Wie in den vergangenen Jahren waren Tamara Renaud, Iulia Malaspina und Damian Troxler wiederum als Übersetzerinnen und Übersetzer für die SZRKG tätig. Für ihre kompetente Mitarbeit danke ich ihnen herzlich. Der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften und der Publikationskommission der Universität Fribourg sei für die grosszügige finanzielle Unterstützung der Drucklegung der Zeitschrift gedankt. Fribourg, im August 2024 Franziska Metzger SZRKG/RSHRC/RSSRC, 118 (2024), 7–10, DOI: 10.24894/2673-3641.00159